Einführung: Henning Ottmans "Geschichte des politischen Denkens"Eine republikanische Studie zur politischen Theorie und ihrer Geschichte

Das von Henning Ottmann verfasste vierbändige Werk „Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit“ ist eindeutig mehr als eine ideengeschichtlich angelegte Einführung in die politische Philosophie. Sie ist auch nicht einfach eine chronologisch geordnete Sammlung von politischen Theorien, sondern, wie Ottmann feststellt, „eine Geschichte des politischen Denkens (und nicht nur der Klassiker der Politik, der politischen Philosophie, der politischen Ideen oder Theorien)“. Mit dieser Feststellung charakterisiert Henning Ottmann nicht nur den Grundzug seiner Geschichte im Unterschied zu anderen, vergleichbaren Werken auf dem Gebiet der History of Political Thought, mit dieser Feststellung ist zugleich eine systematische Position von Henning Ottmann als politischem Philosophen verbunden; denn er verfolgt in seinem Werk die Absicht, nicht nur eine Theoriegeschichte, eine Begriffsgeschichte oder eine Geschichte von Klassikern der politischen Philosophie vorzulegen, sondern eine Geschichte des Nachdenkens über Politik als Teil der kulturellen Überlieferung und fundiert in der Realgeschichte, und d. h. mit den Bezügen auf den jeweiligen Ort des Denkens in der Politik und unter Beachtung der durch die spezifische Interessenkonstellation der jeweiligen Protagonisten. Dies hat – blickt man von außen auf den Stoff der Darstellung – zur Folge, dass Henning Ottmann in seiner Darstellung nicht nur die vermeintlichen oder tatsächlichen Klassiker politischer Philosophie behandelt, sondern auch den Beitrag von Historikern und von Juristen, von Theologen und sogar von Dichtern zur Politik ihrer Zeit. Diese Absicht verführt ihn methodisch betrachtet nicht dazu, seinen Stoff in der Art einer reinen Mentalitätsgeschichte darzustellen gemäß deren Annahme, alle Theorie sei nur aus und im Blick auf die jeweiligen Kontexte einer Epoche oder eines Handlungszusammenhangs darstellbar und für uns heute verstehbar. Durch diese Herangehensweise vermeidet er die bekannten methodischen Aporien, die uns aus der Mentalitätsgeschichtsschreibung (im Anschluss an Marc Bloch in der Cambridge School) geläufig sind und die auch in der neueren Sozialgeschichtsschreibung identifiziert werden können. Es sind diese Ansätze, die von der Annahme ausgehen, dass alle Ideen oder Theorien der Politik mehr oder weniger auf die dahinterstehenden „Interessen“ reduziert werden können, und die selbst zu einem großen Narrativ mutieren. Diesen Ansätzen gegenüber hält Ottmann an der philosophischen Einsicht fest, dass es Theorien der Politik und Deutungen des politisch handelnden Menschen gibt, die weit über eine Epoche hinaus und auch unabhängig von vermeintlichen oder tatsächlichen Interessen der Handelnden eine intellektuelle Gültigkeit besitzen.

Im Paradigma einer reinen Mentalitäts- oder Sozialgeschichte aber lassen sich die in Frage stehenden Theorien der Politik nicht mehr philosophisch diskutieren. Es ist aber Henning Ottmanns Plan, in seinem Werk auch das Recht oder Unrecht der jeweils referierten Theorien systematisch zu diskutieren. So zielt seine Darstellung darauf, zur Frage auch der Begründung praktischer Handlungsprinzipien systematisch Stellung zu nehmen und den Geltungsgrund für die Rechtfertigung von Politik argumentativ zu verhandeln. Mit diesem Zug hält Henning Ottmann an dem praktisch- assertorischen Charakter politischer Theorie fest, der zu einem lebhaften Streit um die besseren Argumente einlädt, ohne dass seine Darstellung in das andere, zu vermeidende Extrem eines „reinen Ideenhimmels“ verfällt und politische Theorie in Distanz von den wirklichen Verhältnissen zu verhandeln sucht. Ottmanns Beitrag zur politischen Theorie ist infolgedessen weder dem Konzept einer „reinen Theorie“ (oder, wie er auch sagt „Utopie“) verpflichtet; auch folgt er nicht der Methode eines historischen Relativismus wie in der Mentalitätsgeschichtsschreibung oder einem Ansatz der Interessenspsychologie. So bleibt die wissenschaftstheoretische spannende Frage, in welcher Hinsicht das Nachdenken „über“ Politik dem Anspruch entspricht, „Theorie“ zu sein, auch wenn klar ist, dass es unbedingt mehr ist und sein muss als eine bloße „Technik“ des politischen Handelns. Henning Ottmanns Lösung besteht darin, dass er selbst philosophisch eine republikanische Sicht auf das Phänomen der Politik vertritt, die normativ an Freiheit und Identität der Akteure interessiert ist und aus dieser systematischen Perspektive die Geschichte des politischen Denkens sowie deren Rolle im Kontext der jeweiligen Handlungsumstände nicht nur darstellen, sondern auch kritisch würdigen kann.

In diesem Zusammenhang erweist sich seine Feststellung als bedeutsam, dass weder die Philosophie noch die Politikwissenschaft noch eine andere wissenschaftliche Disziplin eine Art „Monopol“ für die Deutung der Politik besitzen. „Das Nachdenken über Politik gehört nicht einer Disziplin allein. Es gehört nicht einmal nur der Wissenschaft. Über Politik nachdenken, sie ‚reflektieren‘, können Bürger so gut wie Philosophen oder Wissenschaftler.“1 In diesem Motiv reflektiert sich nicht nur das republikanische Motiv von Ottmanns eigener Konzeption von Politik, sondern auch deren antiplatonischer Grundzug; denn anders als Platon und alle, die ihm folgten, weist Ottmann den Gedanken zurück, Politik sei am besten in den Händen von Theoretikern bzw. in den Händen von sog. Experten für Politik aufgehoben. Stattdessen vertritt er das Prinzip einer Befähigung und infolge dessen auch der demokratischen Berechtigung aller Menschen, nicht nur über Politik nachzudenken, sondern sich auch in die Belange und Entscheidungen der Politik einzubringen, sie mitzugestalten und mitzubestimmen. Nicht die Aristokraten des Geistes, die Technologen der Macht oder die Experten der Finanzpolitik, sondern jeder/jede einzelne Bürger/in ist fähig und berechtigt, die Politik aktiv mitzugestalten und über die beste Einrichtung der Institutionen der Politik mitzubestimmen.

So formuliert es auch der Titel von Ottmanns Beitrag, der auf das Arbeitstreffen der „Sektion für Philosophie“ der Görres-Gesellschaft im Herbst 2013 an der Universität Tübingen zurückgeht: „Experten für Politik sind wir alle!“ Diese Einsicht erlaubt es ihm, nicht nur die platonischen Annahmen zur Politik, die auch noch die Konzeption der Politik bei Aristoteles und deren Nachfolger bestimmt hatten, sondern auch die Sicht der Politik bei Thomas Hobbes oder Carl Schmitt zurückzuweisen; es erlaubt ihm aber auch, der Annahme zu widerstehen, dass die Experten des Rechts oder der Finanzwirtschaft, die Ethiker oder die Vertreter der Religion die Grundlagen der Politik bestimmen sollten. Ich sehe in der von Henning Ottmann vertretenen Konzeption der Politik, wenn auch nicht ausdrücklich herausgestellt, in den gegenwärtigen Debatten über die angemessene Verfassung der Institutionen der Politik ein Plädoyer für eine Stärkung von Elementen direkter Demokratie, aber auch von Bürgervertretungen und Parlamenten. Dies ist im Blick auf die Herausforderungen, die sich heute im System der durch die Prozesse der Globalisierung in Veränderung befindlichen Politik für uns stellen, nicht ohne ein systematisch erhebliches Gewicht; denn Ottmann widersteht so mit guten Gründen allen Vorschlägen, die an die Stelle der demokratischen Selbstregierung über die parlamentarische Repräsentation von Bürgern die vermeintlich effizientere Herrschaft von Regierungen, von intergouvernementalen Handlungsbevollmächtigten oder von Experten rücken wollen.

In welch weiterem Umfang die „Geschichte des politischen Denkens“ von Henning Ottmann auch ihrerseits systematisch argumentierend und zugleich gegenwartsbezogen angelegt ist, kann gut auch im Blick auf eine andere Frage illustriert werden. Ich beziehe mich nun auf das Schlusskapitel des Bands 4, Teilband 2, der erst kürzlich (im Jahr 2012) erschienen ist. Das Kapitel trägt den Titel: „Demokratie jenseits des Nationalstaats – ein neues Paradigma oder eine neue Utopie?“ In der Sache diskutiert Henning Ottmann hier vier mehr oder wenige neue Modelle oder politiktheoretische Vorschläge, wie die Institutionen der Politik unter dem Einfluss der Prozesse der Globalisierung und Entgrenzung in ihrer zukünftigen weltweiten Entwicklung verstanden und politisch gesteuert werden können. Dabei bedient er sich der Texte von Schriftstellern und Universalhistorikern (wie etwa Aldous Huxley, Herbert George Wells oder Arnold Toynbee), aber auch von Philosophen, Politikwissenschaftlern und Soziologen (wie Otfried Höffe, von Anthony Giddens, David Held, Ulrich Beck oder auch Jürgen Habermas). Hier ist nicht der Ort, die Argumente, die Ottmann vorlegt, im Einzelnen zu würdigen, auch nicht seine Stellungnahme zu den von Kants praktischer Philosophie inspirierten Vorschlägen in der zeitgenössischen politischen Philosophie zu den Ideen einer Weltrepublik oder einer kosmopolitischen Demokratie; vielmehr soll kurz auf den Referenz- und Plausibilitätsrahmen von Ottmanns eigener Position hingewiesen werden. Ganz im Sinne der bereits festgestellten Anlage seiner Argumentation zugunsten einer republikanischen Konzeption von Politik, in der jeder Mensch ein Experte für das politisch Richtige ist oder zumindest sein kann, verweist Ottmann auf die von den referierten Positionen teils in Kauf genommene, teils aktiv vollzogene Neu- und Umdeutung des Konzepts von Demokratie in den Modellen der globalen Ordnung von Politik jenseits der überlieferten Staatenordnung. Er arbeitet ein von ihm so genanntes „Paradox“ der vorliegenden globalen Ordnungsideen heraus und fragt danach, welche dieser Annahmen politisch plausibel, und das heißt für ihn wirklichkeitsnah und in diesem Sinn noch immer „realistisch“, also nicht „ohne Ort“, d. h. „utopisch“ sind. Auf diesem Weg legt er die philosophischen Prämissen der von ihm eindeutig nicht geteilten Positionen frei.

Im Blick auf die am Ende seiner großartigen Studie zur „Geschichte des politischen Denkens“ aufgeworfene Fragestellung bleibt natürlich ein erheblicher Diskussionsbedarf. Von feinem Gespür sind aber Ottmanns Bemerkungen über die Ambivalenzen, die dem politisch-philosophischen Rekurs auf eine „Menschheit“ als einem letzten „Subjekt der Politik“ spätestens seit der Zeit der europäischen Aufklärung innewohnen (Hier führt er etwa als ein wichtiges Beispiel den Text der Arie des Sarastro in Mozarts Zauberflöte an). In seiner Kritik an den Einseitigkeiten der Aufklärung zeigt sich Henning Ottmann gerade als ein philosophischer Verteidiger der Aufklärung und nicht als deren konservativer Gegner. Ottmann ist der Freiheitsidee der Moderne verpflichtet, gerade auch dann, wenn er nach der kulturellen Identität und der Herkunft der Menschen in der sich globalisierenden Weltgesellschaft fragt, und dieses Motiv erweist sich als einer ganz anderen Analyse einer „Dialektik der Aufklärung“ verwandt, wenn Ottmann auf die Widersprüche, ja Abgründe der modernen Politik hinweist. Er kritisiert in seinem Werk eine nur auf den „Fortschritt“ festgelegte Sicht der Moderne, die nicht mehr in der Lage ist, die Freiheitsverluste der Moderne festzustellen und deren philosophische Prämissen grundlegend in Frage zu stellen. Das macht ihn nicht schon zu einem Apologeten der Modernitätskritik oder zu einem konservativen Verteidiger des „Nationalstaats“, dessen Funktionsverluste in der Welt der Globalisierung im Vergleich zur Zeit seiner Entstehung im 19. Jahrhundert heute unübersehbar sind, sondern erweist ihn als einen wachen Kritiker vorschneller, einseitiger Festlegungen und halbierter Wahrheiten. Denn, so Ottmann, „in der Moderne leben, heißt, in Konflikten leben. Moralität und Sittlichkeit, Universales und Partikulares, Traditionalität und Posttraditionalität stehen in der Moderne in Spannung zueinander. Sie vereinen sich nicht im Sinne einer prästabilisierten Harmonie.“2 Und diese Spannung wird nicht dadurch „geglättet“, dass sich der politische Philosoph entweder ganz auf die eine Seite der (kantischen) Moralität oder die der (aristotelischen/hegelschen) Sittlichkeit stellt; ebenso wenig hilft es weiter, wenn wir uns philosophisch auf den Standpunkt entweder eines liberalistischen Menschenrechtsuniversalismus oder eines kommunitaristischen oder gar eines realistischen politischen Partikularismus stellen. An Stellen wie diesen plädiert Ottmann – darin ganz systematischer Philosoph – gegen eine abstrakte, aus einer „theoretischen Einstellung“ entstehende Distanz zur praktischen Politik: Nicht die theoretische Distanz eines vermeintlich unabhängigen Be obachters ist die angemessene methodische Weise, mit der wir uns der Politik nähern können; es ist vielmehr die aus der konkreten Erfahrung mit der politischen Praxis erwachsende Reflexion und Kritik, also das in diesem Sinne im Handeln selbst fundierte „politische Denken“, das sich als der angemessene Zugang zur Politik nach Ottmann erweist, und dieses Konzept des politischen Denkens lässt sich nicht auf die angedeuteten theoretischen Alternativen festlegen. So bleibt politisches Denken nach Ottmann offen für die weiteren Entwicklungen, ohne dabei die Grundlagen einer normativen Kritik des Faktischen und damit die Philosophie selbst und das mit ihr verbundene Interesse an politischer Freiheit und moralischer Bindung in Frage zu stellen oder in einer falschen Form historisch zu relativieren. Es ist diese Konstellation der Argumentation, die Henning Ottmanns große Studie zur „Geschichte des politischen Denkens“ zu einem äußerst aufschlussreichen und bedeutsamen Text der Philosophie unserer Zeit macht.

1 H. Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Bd. I,1, Stuttgart 2001, 3.

2 H. Ottmann, Geschichte des politischen Denkens, Bd. IV,2, Stuttgart 2012, 393.

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