121 (2014) - 1. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2014
248 Seiten
ISBN: 978-3-495-45091-8
Bestellnummer: 4450912
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100347

Vor 550 Jahren, am 11. August 1464, starb Nikolaus von Kues, eine der großen Gestalten abendländischer Philosophiegeschichte. Zu Zeiten, in denen die akademische Philosophie in geradezu erschreckender Unbekümmertheit zunehmend den Blick in die philosophische Vergangenheit zu verlieren droht, weil sie entweder der Meinung ist, dort sei für heutiges Philosophieren nichts Relevantes zu finden, oder schlichtweg so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass der Blick auf andere Positionen, erst recht auf vergangene, als unerheblich erscheint, mag es sich in besonderer Weise lohnen, an diesen großen Denker zu erinnern. Zu den interessantesten Einsichten des Cusanus zählt seine Vorstellung von der Perspektivität unseres Erkennens, das nur vom jeweiligen Standpunkt des Erkennenden aus betrieben zu werden vermag und die Einsicht voraussetzt, dass die absolute Wahrheit unerreichbar bleibt und allenfalls in stetiger Annäherung – coniectura – gefunden werden kann. Was aus diesen Zusammenhängen folgt, sind freilich nicht Resignation oder Skepsis, sondern das Bewusstsein um das eigene Nichtwissen, das seinerseits ein unendliches Potential an Erkenntnismöglichkeiten freisetzt. Gegen die Gefahr eines Wahrheitsrelativismus setzt Cusanus die in Gott als dem höchsten Prinzip gründende absolute Wahrheit – allerdings nicht in einem sich inhaltlich normativ auswirkenden Sinn, sondern als Bedingung der Möglichkeit des menschlichen Erkennens. Die Folgerungen, die Cusanus aus seiner Erkenntnistheorie zieht, betreffen jedoch nicht nur eine solche vertikale, sondern auch eine horizontale Verbundenheit der Erkenntnissubjekte untereinander und eröffnen damit eine intersubjektive Dimension menschlichen Erkennens und Wissens – ein Gedanke, der einen ganz anderen Stil des Philosophierens erforderlich macht, den Cusanus als Weisheit, sapientia (im Gegensatz zum Wissen, scientia) bezeichnet.

Wie aktuell solche Überlegungen heute noch sein können, zeigt sich in den neuesten Ergebnissen, die die Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Andrea Marlen Esser, in Bezug auf die Frage nach der geringen Präsenz von Frauen in der universitären Philosophie zu „einer[r] Angelegenheit aller“ machen möchte.1 Esser stellt zurecht fest, dass die Gründe, die dazu führen, dass viele Frau en sich gegen eine akademische Karriere entscheiden, möglicherweise in den „Arbeits- und Kommunikationsformen in der akademischen Philosophie“ liegen, die sich vor allem durch einen „aggressiven, polemogenen Diskussionsstil in Seminaren und auf Tagungen“, durch eine „zum Ideal erhobene ‚aggressive cleverness‘“ und durch das „Phänomen der ‚Fremdwertnegation‘ und Abwertung anderer philosophischer Positionen, Themen, ja mitunter sogar ganzer Epochen“ charakterisieren lassen – und somit ein Problem betreffen, das längst auch der nichtweibliche Nachwuchs als ein großes Hindernis empfindet.

Dass das einer solchen Fach(un)kultur gegenüberstehende Konzept einer cusanischen Weisheit, die sich stets der Standortgebundenheit des eigenen Wahrheitsanspruchs sowie desjenigen mitphilosophierender Personen bewusst bleibt, nicht bedeuten kann, die eigene Meinung komplett zu relativieren oder in falscher Demut als unwichtig hintanzustellen, versteht sich aus philosophieimmanenten Gründen von selbst. Dass auch eine philosophische Fachzeitschrift wie das Philosophische Jahrbuch zum Gelingen der Kommunikationsformen innerhalb der Philosophie beitragen kann, zeigt das neue Format der „Jahrbuch-Konferenz“, das vor einem Jahr etabliert wurde. Ausgangspunkt dieser Konferenz war Thomas Buchheims neo-aristotelischer Vorschlag zum Verständnis mentaler Kausalität. Dem schloss sich im letzten Jahrgang eine lebhafte und kontroverse Debatte an, deren vorläufiger Abschluss der im vorliegenden Heft erscheinende Beitrag von Bettina Walde ist. Angeregt durch den Erfolg des neuen Formats haben die Herausgeber beschlossen, die „Jahrbuch-Konferenz“ mit weiteren aktuellen Themen fortzusetzen.

Doch auch unabhängig von der „Jahrbuch-Konferenz“ präsentiert das Philosophische Jahrbuch wieder eine interessante Auswahl an Beiträgen aus verschiedenen Themengebieten der Philosophie. Im Namen aller Herausgeber wünsche ich eine gewinnbringende Lektüre!

Isabelle Mandrella

1 Andrea Marlen Esser, „Eine Angelegenheit aller. Wie kann die deutsche universitäre Philosophie für Frauen attraktiver werden?“, in: Deutsche Gesellschaft für Philosophie, Newsletter Juni 2013, Nr. 20, 1 f.  

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