Einführung: „Beiträge zu einer Philosophie des Lebens“

Die hier vorgelegten Aufsätze gehen zurück auf das Treffen der Sektion für Philosophie der Görres-Gesellschaft am 26. September 2011 in der Universität Trier. In vier Beiträgen werden ausgewählte Aspekte der Frage nach dem Begriff des Lebens diskutiert, die in den modernen Lebenswissenschaften weitgehend ausgeklammert werden und als ein besonderes Thema der Philosophie zu betrachten sind. Die Diskussion über den Begriff des Lebens wirft grundbegriffliche Fragestellungen auf, die nicht nur den Lebensbegriff in der Philosophie, sondern auch das wissenschaftstheoretische Verhältnis von Biologie als empirischer Naturwissenschaft und Philosophie betreffen.

In seinem Beitrag greift Anselm Winfried Müller auf das bei Aristoteles zentrale Konzept der Teleologie zurück und diskutiert die Gründe, weshalb im Blick auf das Thema des Lebens zwei Teleologien zu berücksichtigen sind. Er charakterisiert sie mit den Stichworten Vollkommenheit und Wohlergehen. Auch wenn es zutrifft, dass beide teleologische Gesichtspunkte ein hohes Maß an Übereinstimmung aufweisen, wenn es darum geht, den Charakter eines vollkommenen Exemplars einer Gattung zu bestimmen, weisen doch beide Stichworte auf unterschiedliche Aspekte hin. Dies tritt zutage, wenn gefragt wird: Unter welchen Umständen fehlt dem Organismus eines biologischen Einzelwesens etwas? Diese Frage lässt sich, ebenso wie die Begriffe der Vollkommenheit und des Wohlergehens, gleichermaßen auf die sehr unterschiedlichen Lebensformen von Pflanze, Tier und Mensch beziehen. Beim Menschen allerdings tritt die Frage „Welche Teleologie?“ in verschärfter Form auf, da sie in die Frage mündet: „Was ist gut und daher erstrebenswert für mich: ein guter Mensch zu sein – oder ohne ‚altruistische‘ Rücksicht auf andere als einzelner zu gedeihen?“ Die von der Philosophie aufzuwerfende ethische Frage erweist sich somit als eine Zuspitzung eines allgemeineren Problems, das sich der Philosophie im Blick auf den Begriff des Lebens stellt und worin sie über die Biologie hinausfragt.

Im nächsten Aufsatz erörtert Mathias Gutmann zwei Bestimmungen des Menschen: Die eine Bestimmung bezieht sich auf ein Lebewesen neben anderen und definiert den Organismus dieses Wesens als den möglichen Gegenstand der Lebenswissenschaften. Damit ist der Mensch als eine bestimmte Stufe in der Evolution bestimmt, die auch die kulturelle Entwicklung des Menschen als Homo sapiens ein schließt. Die Kultur könnte, in Entsprechung zum wissenschaftlichen Selbstverständnis, das ein Konzept einer radikalen Naturalisierung des Geistes vertritt, methodisch auf die biologischen Grundlagen zurückgeführt werden. Eine andere Perspektive auf den Menschen ergibt sich aus der entgegengesetzten Position: Sie widerspricht dem Naturalisierungsansatz und vertritt die These einer Eigenständigkeit des Kulturellen und der Konstruktion des Menschen als Homo sapiens weitgehend unabhängig von den Lebenswissenschaften und in seiner Bedeutung ohne Rückverweis auf die Biologie als empirischer Naturwissenschaft. Gutmann zeigt auf, dass beide Argumentationsstrategien in der aktuellen Debatte um die besondere Stellung des Menschen nicht nur zu miteinander unvereinbaren, sondern zu (mitunter sogar selbst-)widersprüchlichen Resultaten führen. Demgegenüber legt er eine alternative Lesart des Menschen vor: Auf der Grundlage einer Analyse des Ausdrucks „Leben“ macht er deutlich, inwiefern von hier aus die nähere Qualifikation einer philosophischen Rede von „menschlichem Leben“ vorgenommen werden muss. Abschließend legt Mathias Gutmann einen Begriff des menschlichen Lebens vor, der die aporetische Alternative „reduktionistischer Naturalismus oder wissenschaftsblinder Konstruktivismus“ übersteigt.

Im dritten Beitrag legt Thomas Buchheim eine systematische Argumentation für ein Konzept von „mentaler Kausalität“ vor, das auf eine lebhafte philosophische Auseinandersetzung zielt. So diskutiert er ausgehend von Aristoteles zwei klassische Argumente gegen eine Identifikation von körperlichen mit mentalen Zuständen. Deren Differenz ist nicht dadurch zu erklären, dass verschiedene ontologische „Ebenen“ angenommen werden. Vielmehr muss ihre Differenz als eine mereologische Unterschiedlichkeit von Verlaufsrhythmen bzw. von Artikulationen derselben körperlich-organischen Basis begriffen werden. Was dies systematisch für das Verhältnis von Körperprozessen und Geistzuständen bedeutet, d. h. für das Verhältnis von neuronalen Konstellationen im menschlichen Gehirn und vom Menschen bewusst gestalteten Lebensepisoden wird in einer differenzierten Argumentation entfaltet. Hier werden die Grundlagen für das zur Diskussion gestellte Modell „mentaler Kausalität“ gelegt, das in der nächsten Ausgabe des Philosophischen Jahrbuchs (Heft I/2013) von einer Reihe weiterer Autoren aufgegriffen und kritisch diskutiert wird. Auf deren Einwände gegen sein Konzept von „mentaler Kausalität“ wird Thomas Buchheim in demselben Heft kritisch antworten.

Abschließend diskutiert Marcela García im Anschluss an Gottlob Frege und die logische Tradition des 20. Jahrhunderts das Problem der „Existenzquantoren“. Hierzu greift sie auf die Vorschläge von Peter von Inwagen und Michael Thompson zurück und plädiert für ein weites Verständnis von „Existenz“ im Sinne der aristotelischen Tradition und ihrer Auslegung des klassischen Satzes: „vivere viventibus est esse“ („für Lebewesen bedeutet zu leben zu sein“).

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