119 (2012) - 2. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2012
280 Seiten
ISBN: 978-3-495-45088-8
Bestellnummer: 4450888
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100367

Im Zuge der internationalen Finanzkrise scheint es weltweit in Mode gekommen zu sein, an den Universitäten die Einrichtung der Geisteswissenschaften oder Humanities zurückzufahren. An vielen Orten ist es beobachtbar, dass auch die Philosophie von drastischen Kürzungen betroffen ist. Vielfach geht dies einher mit einer Reduktion des philosophischen Lehrprogramms, das entweder auf eine rein analytische Philosophie zurückgeschnitten wird oder sich mit pragmatischen Fragen einer angewandten Ethik begnügen muss. Besonders scheint es hier die philosophischen Institute in Großbritannien getroffen zu haben, die im Rahmen der Kürzungspolitik der konservativen Regierung mit drastischen Einsparungen konfrontiert sind. Dass diese Vorgänge nicht nur die universitäre Ausbildung betreffen, sondern auch politisch und gesellschaftlich nicht folgenlos bleiben, hat Martha Nussbaum in einem kürzlich erschienenen Buch unter dem Titel „Not for Profit. Why Democracy needs the Humanities“ mit der ihr eigentümlichen Nachdrücklichkeit beschrieben. Die Philosophie spielt in diesem Zusammenhang bereits deshalb eine herausragende Rolle, da ihr nicht nur als Teil der Geisteswissenschaften oder Humanities eine wichtige Bedeutung zukommt. Sie ist vielmehr aufgrund ihrer Geschichte und ihrer grundbegrifflichen Arbeitsweise eine Disziplin, die auch im Gespräch mit den Sozial-, Natur- und Lebenswissenschaften eine Aufgabe wahrnimmt, die von keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin übernommen werden kann. Daher ist zu hoffen, dass alle Versuche abgewiesen werden können, die der Selbstständigkeit und hinreichenden Ausstattung der Philosophie als eigenständiger Disziplin an den Universitäten und in den weiteren akademischen Einrichtungen schaden könnten.

Im hier vorgelegten Schwerpunktthema des Hefts II/2012 des Philosophischen Jahrbuchs liegt ein eindrücklicher Beweis für die Bedeutung der Philosophie als grundlegender Disziplin im Gegenüber und Miteinander zu den empirisch verfahrenden Wissenschaften vor. Im Themenschwerpunkt „‚Leben‘. Beiträge zu einer Philosophie des Lebendigen“ beziehen sich Anselm Winfried Müller, Mathias Gutmann, Thomas Buchheim und Marcela García auf ausgewählte Aspekte des Begriffs des Lebens, die von den empirisch verfahrenden Lebenswissenschaften weitgehend ausgeblendet werden und die doch gerade im Blick auf die Frage nach der Bedeutung der lebenswissenschaftlichen Forschungsresultate eine Aufklärung und eine systematische Diskussion verlangen. In diesem Sinn können die Beiträge der Philosophie für sich nicht nur beanspruchen, dass sie die empirische Naturwissenschaft gleichsam „ergänzen“ oder sich zu ihnen lebensweltlich komplementär verhalten; sie treten dem methodischen Prinzip einer Reduktion der Vorgänge des Lebens auf einen bestimmten Mechanismus kausaler Ereignisse auf dem Boden der Wissenschaften selbst entgegen und fordern zu einer grundbegrifflichen Klärung heraus, die im Rahmen eines methodischen Reduktionismus nicht geleistet werden kann. Unbeschadet der Unterschiede, die auf Seiten der Diskussionsbeiträge der Philosophie hierbei zu Tage treten, kann festgehalten werden, dass die Philosophie, wenn sie sich wie hier mit den Grundbegriffen einer empirischen Naturforschung beschäftigt, im Kanon der Wissenschaften einen Platz einnimmt, der von keiner anderen Disziplin übernommen werden kann. Genau darin aber liegt die epistemologische Bedeutung der Philosophie, die mit ihrem Reflexions- und Begründungswissen auch eine Grundlage für die Fragen der Normativität des Lebens, der moralischen Lebensführung und der Institutionen zur Diskussion stellt, in denen wir in unseren Gesellschaften ein gemeinsames politischen Leben führen.

An die Beiträge des hier vorgelegten Schwerpunktthemas werden sich im nächsten Heft des Philosophischen Jahrbuchs (I/2013) kritische Beiträge und Kommentare anschließen. Sie lassen erkennen, dass mit den hier diskutierten Problemen Fragen aufgeworfen sind, die innerhalb der Philosophie zu weiteren Debatten einladen. Dies gilt auch für alle diejenigen Leser, die sich von unserem Schwerpunktthema zu eigenen Ausführungen anregen lassen: Sie sind eingeladen, sich mit ihren Beiträgen an die Redaktion des Philosophischen Jahrbuchs zu wenden. Die Redaktion wird eine Auswahl von eingesandten Beiträgen im kommenden Jahr veröffentlichen, insbesondere zum Konzept der „mentalen Kausalität“, das im Aufsatz von Thomas Buchheim vorgestellt und begründet wird.

Matthias Lutz-Bachmann  

Über diese Ausgabe