119 (2012) - 1. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2012
232 Seiten
ISBN: 978-3-495-45087-1
Bestellnummer: 4450870
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100366

Die Frage nach den Themen, Methoden und Prinzipien der Philosophie begleitet fast alle Überlegungen der Gegenwartsphilosophie, vielleicht mehr, als dies tunlich ist. Dabei beginnt das Problem schon mit dem vergessenen Bedeutungswandel des Titelwortes „Philosophie“ und der damit verbundenen drastischen Einengung der Themen der zugehörigen Disziplin. Wolf Dieter ENKELMANNS Überlegungen zu einer Philosophie der Ökonomik zeigen sozusagen nebenbei, dass heutzutage niemand auf die Idee käme, Aristoteles in seiner Einschätzung zuzustimmen, dass es „leicht ist für die Philosophen, reich zu werden, wenn sie nur wollten, dass es aber nicht eben das ist, womit sie sich ernstlich beschäftigen“. Das liegt einfach daran, dass der Satz des Aristoteles sich gar nicht auf Philosophen im Sinne der Post-Scholastik und Neuzeit bezieht, sondern einfach auf gute Wissenschaftler. Für diese gilt freilich nach wie vor, dass sie ihrem Interesse am Projekt der Wissensentwicklung den ihnen immer auch heute noch möglichen geschäftlichen Erfolg opfern müssen. Aber Philosophen im heutigen Sinne verfügen schon vom Wortsinne her in Sachen Wissenschaft über nichts, was sie so eintauschen könnten oder müssten. Unglücklicherweise macht das auch viele ihrer reinen Überlegungen etwa zu einer idealen Ökonomik etwas weltfremd – ein Problem, das besonders im Marxismus bedeutsam wurde. Die Frage, was Philosophen mit ihrem heutigen Spezialwissen, das am Ende bestenfalls den genauen Umgang mit Wörtern betrifft, über die Politik, das Recht und die Ökonomie Besonderes zu sagen haben, ist daher alles andere als klar. – Doch auch genauer Wortgebrauch kann uns vieles lehren, etwa zu den vielfältigen Verwendungen des Wortes „Person“, an die uns Robert SPAEMANN erneut erinnert. Der Text fokussiert auf den Würdebegriff der Person. Er stellt Verbindungen her erstens zu der theologischen Trinität der drei Personen Gottes und dann auch zu den grammatischen Personen des Ich-Du-Er, die allerdings durchaus selbst schon, wie die lateinischen personae, als Rollen zu begreifen sind, wenn auch als sehr allgemeine Rollen im Dialog. Der große Bogen, den der Text schlägt, beeindruckt selbst als bloße Skizze. Er reicht bis zu einer (für sich völlig berechtigten) Kritik an einem empiristischen Personenbegriff von John Locke bis zu Derek Parfits personalen Episoden oder episodenartigen Aufspaltungen der Person und bis zu Peter Singers Ausweitung des Wortes auf Tiere.

Das rechte Verständnis der Freiheit des personalen Menschen, das grundsätzliche Problem spätantiker, mittelalterlicher und neuzeitlicher Philosophie, ist dann auch eine Art Schwerpunktthema des vorliegenden Heftes. Das beginnt mit den durch Augustinus vermittelten Fragen nach einer Prädestination und Theodizee, welche sich, wie Friedemann DREWS zeigt, auf interessanteWeise in John Miltons Paradise Lost wiederfinden lassen. Aber auch die Suche nach einer ‚Ontologie des Mentalen‘ wäre gar nicht zu verstehen ohne eine Voraussetzung, die man als säkularisierte Version der Prädestination zu begreifen hat: den Prädeterminismus, wie er in Benjamin ANDRAES Bericht über die Tagung „Panpsychism and Emergence Combined“ in der Form eines appellativen Grundbekenntnisses zum ‚Prinzip des zureichenden Grundes‘ bzw. ‚effizienzkausalen Zusammenhang der physikalisch beschreibbaren Welt‘ etwa auch bei David Chalmers auftritt. – Wenn man das tief verwurzelte Vorurteil beiseite ließe, dass das Wort „Gott“ einen Gegenstand in einem schon gegebenen sortalen Bereich, also einer Menge von Elementen mit schon definierten Identitäten, benennen solle, könnte man auch die von Anselm von Canterbury, wie Christian TAPP zeigt, stillschweigend angenommene Einzigkeit Gottes im Proslogion, statt sie in einem fregeschen Stil ‚beweisen‘ zu wollen, als selbstverständlichen Sinn des umfänglichsten Bereiches aller Realitäten verstehen, sozusagen als das Ganze des wirklich Wahren und einer Einheit der Welt, die über die bloß natürlichen bzw. endlichen Gegenstände physikalischen Wissens schon dadurch hinaus geht, dass sie auch alle Handlungen, aber auch alle Vergangenheiten und Zukünfte enthält.

Jörg NOLLERS schöner und informativer Bericht vom Siebenten Internationalen Hegel-Kongress in Stuttgart vom 22. bis 25. Juni 2011 zeigt die Breite des Spektrums der Frage nach der Freiheit auf, bis hin zur ästhetischen Kreativität als ‚absolute‘ Freiheit, wie sie beim frühen Schelling von Lara OSTARIC analysiert wird. Eine passende Ergänzung dazu liefert Sasa JOSIFOVIC mit dem Beitrag zu Schellings Genieästhetik von 1800 und der Frage nach der Mischung zwischen poetischem Einfall und tätiger Ausarbeitung, samt der Selbstkontrolle des Selbstbewusstseins – wie man mit Hegel Kants Doppeldeutigkeiten im Begriff der Spontaneität erläutern könnte. Schellings Einsicht in die Rolle des ‚Unbewussten‘ erweist sich damit als weniger spektakulär, dafür aber als viel allgemeiner und tiefer als es das spezielle Paradigma der beiden Komponenten eines Künstlers erscheinen lässt, nämlich des passiven Genies der guten Einfälle und des aktiven Talents der kompetenten technischen Umsetzungen.

Pirmin Stekeler-Weithofer