118 (2011) - 2. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2011
264 Seiten
ISBN: 978-3-495-45086-4
Bestellnummer: 4450862
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100365

Die Herausgeber, der Verlag Karl Alber und der Vorstand der Görres-Gesellschaft sind übereingekommen, das Philosophische Jahrbuch in Kürze neben der bewährten Printversion zusätzlich auch in einem digitalisierten Format elektronisch zu veröffentlichen. Die technischen Details hierfür werden derzeit im Verlag ausgearbeitet, und wir können davon ausgehen, dass das digitalisierte Angebot des Philosophischen Jahrbuchs ab dem kommenden Jahr den Lesern zur Verfügung stehen wird. Es wendet sich nicht zuletzt an Universitätsbibliotheken und andere große Nutzerverbünde, die für ihre Mitglieder einen digitalen Zugang zu den jeweils neu erscheinenden Bänden des Philosophischen Jahrbuchs erwerben können. Auch die früheren Jahrbücher sollen so elektronisch erschlossen werden. So vorteilhaft die neue Entwicklung für neue und alte Nutzerkreise sein mag, sie wirft auch einige grundsätzliche Fragen auf, die hier in einem Editorial natürlich nicht erschöpfend behandelt werden können. Gleichwohl ist es das Interesse der Herausgeber, doch kurz zu dieser Entwicklung Stellung zu nehmen.

Philosophische Texte auch in einem digitalisierten Format über das Internet zur Verfügung zu stellen, ist sicherlich sinnvoll, zumal über die erweiterte Verfügbarkeit der im Philosophischen Jahrbuch veröffentlichen Texte die internationale Sichtbarkeit der Beiträge, die wir im Philosophischen Jahrbuch dem Fachpublikum zur Diskussion vorlegen, erhöht wird. Doch andererseits ist es uns wichtig klarzustellen, dass auch die gedruckte Version einer in Papier vorgelegten Ausgabe des Philosophischen Jahrbuchs weiterhin und auf Dauer erhalten bleiben wird. Hierfür spricht eine Reihe gewichtiger Gründe. Zu ihnen zählen die nach wie vor bessere Lesbarkeit eines auf Papier gedruckten Textes, seine dauerhafte Verfügbarkeit und die Perspektive einer umfassenden Archivierbarkeit aller Jahrbücher. Für die elektronische Version von Texten lässt sich noch keineswegs prognostizieren, ob auch sie diese Vorzüge einer Papierversion einlösen kann oder nicht. Wichtig ist aber auch ein weiterer Gesichtspunkt: Das Studium und die Bearbeitung philosophischer Texte verlangen geradezu nach einer Art der Präsentation, auf die bereits den Titel unserer Zeitschrift verweist: Mit gutem Recht heißt sie nämlich „Philosophisches Jahrbuch“. So spielt bereits der Name auf das Buch als das primäre Medium philosophischer Texte an.

Damit steht das Philosophische Jahrbuch, medial betrachtet, in der Nachfolge der vor 500 Jahren durch Gutenbergs Erfindung ermöglichten Wissensrevolution, die im 18. und 19. Jahrhundert durch die Verkleinerung der Buchformate nicht nur zu einer breiten Verfügbarkeit des Buchs und zu einer bis zu diesem Zeitpunkt unvorstellbaren Öffentlichkeit der Wissenschaften geführt hatte, sondern auch zur Entwicklung der Monographie als der bestimmenden literarischen Form der wissenschaftlichen Erörterung in den Geisteswissenschaften maßgeblich beigetragen hat. So sind die primären wissenschaftlichen Texte gerade auch der Philosophie bis auf den heutigen Tag eng mit der gedruckten Form des Buchs verknüpft. Und wie wir alle wissen, macht es eben doch einen großen Unterschied, ob wir Texte in Gestalt eines nach wissenschaftlichen Kriterien edierten Buches lesen und bearbeiten können oder ob die Texte in anderen Formaten präsentiert werden. So ist zu vermuten, dass für das Buch in seiner fast überall auf der Welt leicht erreichbaren, zugleich handlichen, mobilen und für den Einzelnutzer zur persönlichen Annotation und Kommentierung verfügbaren Gestalt der Textpräsentation auch in Zukunft viele gute Gründe sprechen werden.

Ich bin mir dessen gewiss, dass die Philosophie als wissenschaftliche Disziplin wie auch die Geisteswissenschaften insgesamt auf das Buch in gedruckter Form weder verzichten können noch verzichten sollten. Betriebswirtschaftliche Gründe jedenfalls sind nicht hinreichend, um das gedruckte Buch und die mit dem Buch verbundene Leseform, die das Einzelstudium und die wissenschaftliche Textanalyse in hervorragender Weise erst ermöglicht, zu eliminieren. Dem müssen auch die Fachbibliotheken Rechnung tragen, die in den Universitäten und Forschungseinrichtungen der Geisteswissenschaften nicht nur die Laboratorien der Forschung, sondern auch zentrale Orte der Unterstützung der Lehre und zugleich Archive der Wissenschaften sind, deren jeweils frühere Ergebnisse durch den so genannten wissenschaftlichen Fortschritt nicht veralten. Neben dem gedruckten Buch haben sich die neuen digitalen Medien etabliert, die auch die geisteswissenschaftliche Forschung beflügeln, und so erscheinen beide Weisen der Texterschließung, die auf Papier gedruckte und die digitalisierte, geeignet, sich gegenseitig zu stützen und zu ergänzen.

In diesem Sinne hat soeben auch der Wissenschaftsrat in Deutschland in seinen Empfehlungen zu den wissenschaftlichen Sammlungen und Forschungsinfrastrukturen in den Geistes- und Sozialwissenschaften davon gesprochen, dass neben den wichtigen großen Digitalisierungsprojekten in den Geisteswissenschaften eine Kultur des Buchs für die Wissenschaften, die zu Recht als „Buchwissenschaften“ apostrophiert werden, auch unter gewandelten Bedingungen weiterentwickelt werden kann und muss. Anders als in anderen Wissenschaftskulturen leben die Geisteswissenschaften und lebt vor allem die Philosophie davon, dass die Monographie als primäre wissenschaftliche Leistung im Zentrum des wissenschaftlichen Arbeitens bleibt und sich in der Gestalt des von einem Autor/einer Autorin in oft langwieriger Arbeit verfassten Buchs präsentiert, in dem die Autorenschaft des Verfassers/der Verfasserin für alle sichtbar festgehalten ist und das den wissenschaftlichen Diskurs im Fach vorantreibt. Dieser Einschätzung entspricht auch die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in den Geisteswissenschaften mehr denn je vor allem auf die Qualität der Monographien zu schauen. Vor diesem Hintergrund ist es auch eine kluge Entscheidung des Verlags Karl Alber sowie der das Philosophische Jahrbuch herausgebenden Görres-Gesellschaft, dass das Medium der wissenschaftlichen Zeitschrift in Gestalt des Philosophischen Jahrbuchs auch weiterhin in Gestalt eines gedruckten Buchs veröffentlicht wird, als „Jahrbuch“ eben – neben der ab demnächst verfügbaren digitalen Version für die Erschließung neuer Leser und erweiterter Nutzungsformen.

Matthias Lutz-Bachmann  

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