Wahrheit

Die Frage nach der Wahrheit – in erster Linie: was (im Allgemeinen) Wahrheit ist, also die Frage nach dem Begriff (dem „Sinn“, der „Be­­deutung“, dem „Wesen“ etc.) der Wahrheit – ist eine zentrale Frage der Philosophie. Doch kaum eine andere hat in der Geschichte so vielfältige Antworten, ja schon Formulierungen gefunden wie sie. „Die Wahrheitsthematik zählt zu jenen privilegierten Mitgliedern des philosophischen Problembestandes“, schreibt G. Siegwart, „die durch keinen der zahlreichen Wechsel der »Denkungsart« an Interesse eingebüßt haben oder gar wirksam ins Obsolete abgeschoben worden sind“. Nach Sieg­wart darf „diese Überlebensfähigkeit [¼] als zuverlässiger Indikator für die Überkomplexität des Problems in der Gemeinschaft der [¼] Philosophen gedeutet werden“. Ein Problem ist überkomplex dann, wenn es formaliter „alle Dissenstypen“ auf sich zu ziehen vermag und materialiter „in mannigfaltige Teilprobleme zerfällt, die jeweils un­ter­schiedliche Lösungen zulassen“, wobei selbst die „(Haltbarkeits-, Lös­bar­keits-, Prozedural‑)Standards noch durchgehend kontroverse Fra­gen veranlassen, ohne dass für deren Beantwortung verbindliche Maß­stäbe bereitstehen“ würden, ja, ohne dass schon, so kann man hinzufügen, die Formulierung der Fragen einheitlich wäre.

Im Folgenden soll in einer Reihe von Thesen verdeutlicht werden, dass diese „Vielfältigkeit und Nicht-Eindeutigkeit“, die die philosophischen Wahrheitsbegriffe und –theorien seit jeher ebenso charakterisieren als unsere nichtphilosophischen Wahrheitsverständ­nisse, philosophisch weder „reduziert“, noch gar „eliminiert“ werden kann. Denn was wir unter »wahr« und »Wahrheit« verstehen, ist, so die Hauptthese, (vermutungs­wei­se: irreduzibel) abhängig von jeweils bestimmten „Leit­über­zeu­gun­gen“, „Ge­dan­­ken­mo­ti­ven“, „grund­legenden In­tu­i­ti­on­en“, die sich an un­sere Sprache knüpfen, die wir – und soweit wir sie – „individuell abge­schat­tet und innovativ unvorhersehbar“ gebrauchen (J. Ha­ber­mas), und die in das Vorverständnis von „Wahrheit“ eingehen, das – aus Erfahrung, Bildung, Einsicht und Überlegung resultierend – uns erst erlaubt, zu tun, was im Folgenden geschehen soll: philosophisch über Wahrheit zu reden. Diese Intuitionen gehören ein­er (letztlich „per­sön­lich existenti­el­­len [Selbst- und] Welt­sicht“ (im Folgenden kurz: »Weltanschauung«) zu, die ein Weltbild (eine Ontologie), einen Maßstab der Bewertung (ein Ideal) und eine oberste Zweckbestimmung umfasst und die zwar nichtrational, damit aber nicht schon irrational ist. Sie ist es vielmehr, so die These weiter, die in »subseman­tischer Se­­mantisierung«, d.h. noch bevor wir Worte haben, „jedes Feld der Sinne“ schon „zu einem Feld von Sinn“ gemacht hat (W. Hogrebe). Unsere Wahrheitsverständnisse, ‑begriffe und -theorien sind, so lautet die These genau, abhängig von „begriffs- und zei­chenlosen Ein­­sicht[en]“, die, unhintergehbar, zwar „Zeichen, Sprache als Expli­ka­tions­be­din­gun­gen“ benötigen, nicht aber daraus ent­springen (H. M. Baum­gartner), noch ihrem Sinn nach – der, aus Lebenserfahrung resul­tierend, sich auf den Menschen in der Welt, auf seine prekäre Existenz in ihr, bezieht – durch unsere Explikationsbemühungen auf semantischem Niveau voll ausgeschöpft werden können (wo­von die Möglichkeit der Kunst und die Kunst selbst zehrt). Die „Viel­fältigkeit und Nicht-Eindeutigkeit“ unserer Wahr­heitsverständnisse, ‑begriffe und ‑the­orien zu reduzieren, hieße daher auszulassen, was in Wahrheitsangelegenheiten „anderem Denken gerade das Wesentliche“, das intuitiv Wesentliche, „war“.

Dies gilt auch dann, wie sich zeigen wird, wenn in der Philosophie, wie heute, weitgehend „darin Übereinstimmung [besteht], den Term »wahr« [nur] auf Aussagen anzuwenden“, d.h. auf die logische Funktion von Sätzen (seien es Urteile, Fragen, Aus- und Anrufe, Befehle, Wünsche oder Bitten), sowie auf Sätze mit konkreter, verständlicher Bedeutung im deklarativ-theoretischen Kontext des Behauptens, Charakterisierens, Referierens-auf, also auf komplexe Ausdrücke der kognitiven Sprache (Sprache in ihrer Darstellungsfunktion, nach K. Bühler), die die logische Funktion zur Darstellung bringen. Unser Wahrheitsverständnis ist also unklar auch dann, wenn „Wahr(heit)“ nur als semantischer Begriff verwendet wird, der theoretische Sätze mit Bezug auf deren Verhältnis zu einem Sachverhalt bzw. (wenn der Satz wahr ist) zu einer „Tatsache“ charakterisiert. Und es sind bekanntlich Sachverhalte bzw. Tatsachen, nicht Dinge, die den Sätzen (als solchen) korrespondieren. Stellen Sätze doch die Dinge, auf die sie referieren, „in einer bestimmten Aufgliederung“ – in das, worüber etwas ausgesagt wird (hypokeimenon, subjectum), und in das, was ausgesagt wird (kategoru­menon, praedicatum) – und so „als Sachverhalte“ (nach L. Wittgenstein auch: als „Sachlagen“), d.h. als „Verbindungen“ („Konfigurationen“) von Dingen (L. Wittgenstein) dar. Der Zweck einer Anwendung der Ausdrücke „wahr“ und „Wahrheit“ nur auf Aussagen, die endliches Wissen repräsentieren (das sich als solches stets vor die Alternative gestellt sieht, den Sachverhalt ebenso behaupten wie bestreiten zu können, d.h. in gegensätzlichen Aussagen ar­­tikuliert [nach Aristoteles]), ist es, einen explikationsfähigen Wahrheitsbegriff zu erhalten.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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