Tugend

„Was Tugend ist, weiß ein jeder im alltäglichen Leben. [...] Trotzdem ist es eigentümlich schwer, das Wesen der Tugend in einer klaren Definition begrifflich zu fassen.“ (Bollnow) Erstmals hat sich Aristoteles eingehend darum bemüht, ein Konzept der Tugenden, vor allem der ethischen Tugenden, zu entwickeln. Stets eng verknüpft mit seinem Begriff der Tugend ist die Handlung: Tugenden äußern sich in bestimmten Handlungen (und Unterlassungen), weshalb oft die Handlung als das Ziel der Tugend in toto gesehen wird. Das Handeln aus Tugend lässt sich nicht hinreichend über den Handlungsinhalt bestimmen, sondern involviert auch einen entsprechenden Modus der Handlungsausführung. Aristoteles nennt vier zentrale Momente für ein Handeln aus Tugend, die ihrerseits zentrale begriffliche Aspekte des Tugendbegriffs selbst beleuchten: Zum genuinen Handeln aus Tugend gehört:

(a) Wissen bzw. Wissentlichkeit,

(b) ein auf die Handlung selbst gerichteter Vorsatz,

(c) Stabilität bzw. Konstanz der ausführenden Instanz,

(d) ein begleitendes Lustgefühl.

Höchst umstritten ist seit der Antike die Rolle, die das Wissen für den Tugendbegriff spielt: Am Anfang steht die sokratisch-platonische These, dass Tugend letztlich nichts anderes als Wissen und deshalb lehrbar ist. Dieser (später von den Stoikern modifiziert übernommenen) Identifizierung von Tugend mit einem bestimmten kognitiven Zustand bzw. Vermögen des Akteurs ist bereits Aristoteles mit Verweis auf die Möglichkeit eines Handelns wider besseres Wissen entgegengetreten: Wäre Wissen gleich Tugend, wie sollte dann ein solches Handeln möglich sein?

Die über die skizzierten Aspekte noch hinausgehende normative Verknüpfung von Tugend und Vernunft, wie sie sich z. B. in der teleologischen Ausrichtung der Tugenden auf das bonum rationis bei Thomas v. Aquin oder in Kants Tugendpflichten als Explikation der sittlichen Anforderungen praktischer Vernunft findet, ist höchst umstritten: So bekämpft etwa D. Hume explizit die These, Tugend sei Übereinstimmung mit der Vernunft, indem er nachzuweisen versucht, dass moralische Unterscheidungen grundsätzlich nicht in der Vernunft, sondern ausschließlich im Gefühl wurzeln. In dem dieser Kritik zu Grunde liegenden Zuordnungsverhältnis von Vernunft und Leidenschaften (Vernunft als motivational inerte „Sklavin der Leidenschaften“) verbleibt jedoch für kognitive Momente im Tugendbegriff eine bloß instrumentelle Hilfsfunktion zur Realisierung genuin „irrationaler“ Antriebsstrukturen, die ihrerseits einer rationalen Kontrolle oder Kultivierung weitgehend entzogen sind.

Gerade in normativer Perspektive ist die Tugend jedoch in den letzten Jahrzehnten wieder zum Gegenstand intensiver Diskussionen geworden. Dies betrifft v. a. die im angelsächsischen Raum beobachtbare Revitalisierung einer genuinen Tugendethik (virtue ethics) als Konkurrenzentwurf zu gegenwärtig dominanten deontologischen und konsequentialisitischen Entwürfen. Die Genese der modernen Tugendethik ist hierbei primär in der Kritik an zeitgenössischen ethischen Theorien verwurzelt (vor allem bei Anscombe und MacIntyre), die man für insuffizient hält, insofern sie mit »leeren« Kategorien wie etwa der eines kategorischen Sollens, das komplett von den Interessen und Motivationen des Akteurs bestimmbar ist, arbeiten. Gerade deontische Kategorien kantianischer Provenienz stehen unter Beschuss (zumal Kant auch zu Unrecht für den weitgehenden „Untergang“ der tugendethischen Tradition verantwortlich gemacht wird), aber auch utilitaristische Moralentwürfe werden massiv kritisiert. Moderne Moraltheorien betrieben insgesamt eine systematische Abwertung des einzelnen Akteurs zu Gunsten der von ihm geforderten Handlungen, wodurch seine eigenen Interessen im Vergleich mit denen anderer Akteure vernachlässigt würden. Doch ist die moderne Tugendethik nicht allein als kritisches Projekt zu begreifen: So versucht z.B. Philippa Foot die Tugenden positiv an einen normativ zu verstehenden Begriff der „menschlichen Natur“ rückzubinden.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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