Transzendenz

Gemessen an den Standards einer analytischen Semantik erweist sich alle Rede von Transzendenz als verschlissen, weshalb der Terminus schon länger nicht mehr zur kanonischen Nomenklatur philosophischer Lexika zählt. Die Reichweite der geschichtlich nebeneinander getretenen und dann virulent gebliebenen Bedeutungsdimensionen tendiert ins Äquivoke. Den kleinsten gemeinsamen Nenner bildet ein Akt oder Prozess des Überschreitens (lat. transcendere), der logisch den Faktor einer Grenze impliziert. Eine solche kann aber als sie selbst nur in der Perspektive einer Simultaneität eines Standpunkts diesseits und jenseits ihrer zur Geltung kommen. Daraus resultiert eine enge Verknüpfung mit dem Gedanken der Einheit als Ermöglichungsgrund der Ausfaltung der Koordinaten für den Prozess des Überschreitens. Erst mittelalterlich kommt eine dialektische Verschränkung von Transzendenz mit Immanenz hinzu (die Antike kennt das Pendant noch nicht). Bis zu acht, teils nochmals intern differenzierte, Weisen von Transzendenz werden schulphilosophisch unterschieden: (1) Es gibt ein erkenntnistheoretisches Transzendieren im Blick auf die Bewusstseinsjenseitigkeit der Erkenntnisobjekte (bei Kant begegnet „transzendent“ in diesem epistemologischen Zusammenhang als Epitheton des durch Grenzüberschreitung der Reichweite theoretischer wie praktischer Vernunft erzeugten dialektischen Scheins). (2) Ontologisch macht sich – erstmals thematisiert von Aristoteles – Transzendenz im kategorienübergreifenden Charakter des Seiendseins geltend. Daran schließt in der metaphysischen Tradition das Lehrstück der Transzendentalien als derjenigen Prädikate an, die mit „sein“ die Extension dieser Transkategorialität teilen, ohne deswegen als seine Synonyma zu fungieren. (3) Eng verbunden mit den Transzendentalien ist die metaphysische Transzendenz als Überstieg von der stofflich-sinnlichen Realität zu einer übersinnlichen Wirklichkeitssphäre, die in der Regel als Grund der Ersteren in Anschlag gebracht ist und seit Platon von einem breiten Traditionsstrang als göttlich verstanden wird. In der Scholastik, aber auch der nicht-scholastischen mittelalterlichen Philosophie verschränken sich die metaphysische und die ontologische Transzendenz in ihrer Gestalt als Transzendentalienlehre engstens zum einen im Blick auf das Problem der Gottrede, sofern die transzendentalen Prädikate so etwas wie den Kern der Analogie als des adäquaten Redens über den transzendenten Gott mit einer kreatürlich gewinnbaren Semantik bilden; zum anderen rückt das theologisch als Schöpfung gefasste Problem des Verhältnisses von weltlicher und übersinnlicher (Erstere auch konstituierender) Wirklichkeit unter dem Titel des (allerdings bereits von Aristoteles skeptisch betrachteten) Begriffs der Partizipation ins Zentrum der Reflexion auf Transzendenz: durch ihn sollen Weltjenseitigkeit und Weltbezug Gottes gleichermaßen gegen pantheistische wie deistische Versuchungen gesichert werden. (4) Obwohl metaphysische Transzendenz zumindest im Raum der nicht gegen eine theologia naturalis abgeschotteten Theologieformen weit in die theologische Gotteslehre und Anthropologie hineinreicht, steht Transzendieren theologisch sozusagen als ein philosophisches Lehnwort in Funktion einer Chiffre für die Unbegreiflichkeit und Verborgenheit Gottes, sein Je-größer-Sein als alles menschliche Denken und Sprechen, das gleichwohl an diesem wie eine Art verräterischer Lichtrand aufglüht oder aber im Kontext einer ins Überschwängliche tendierenden, vor allem katholischen Levinas-Rezeption allem Gottdenken die Signatur einer radikalen Alterität einzubrennen sucht. (5) Religionsphilosophisch gehört der Begriff der Transzendenz seit den Debatten um Pantheismus, Atheismus und Theismus zwischen dem Tod Lessings (1781) und dem Tod Hegels und Goethes (1831/32) zum heißen Kern der neuzeitlich notwendig gewordenen Neubestimmung des Gott-Welt-Verhältnisses zwischen den Demarkationslinien von akosmistischem Monotheismus und kosmotheistischem Monismus. In der kantischen Schicht dieser Diskurslagen, zu der u.a. dessen (nicht immer klar durchgehaltene) Differenzierung von „transzendent“ und „transzendental“ gehört, liegen auch die Ankerpunkte für eine Auffassung von Transzendenz als Bewusstseinsleistung, die jenen Gedanken einer immanenten Transzendenz freizusetzen vermag, der in der Folgezeit etwa durch G. Simmel und H. Blumenberg zum Instrument für das Offenhalten einer Leerstelle im Anthropologischen avanciert, das sich im Kontext des Pragmatismus wie poststrukturalistischer Ansätze semiotisch als in Gestalt eines über sich hinausweisenden Bedeutungsüberschusses von Zeichen medialisiert. (6) Als methodologisch ist Transzendenz dort zu bestimmen, wo sie – wie besonders bei Heidegger und Jaspers – ein Überschreiten aller Gegenständlichkeit als Charakteristikum wirklichen Philosophierens meint. (7) Geschichtsphilosophische Transformationen erfährt Transzendenz dort, wo sie wie etwa bei E. Bloch, W. Benjamin oder M. Horkheimer Uneingelöstes wahrhaft menschlicher Existenz gegen Verschüttungen seitens gesellschaftlich-geschichtlicher Mächte und gegen die Auslöschungsstrategien analgetischer Geschichtsberuhigung durch Symbolisierungen und Antizipationen des Utopischen die Markierung einer Leerstelle verteidigt – eine Denkfigur im Übrigen, die bereits die islamische Mystik des 12./13. Jh. kennt. In universalpragmatischer und handlungstheoretischer Fortschreibung dieser Hoffnungsperspektive liest der späte Habermas namentlich die semantischen Ressourcen der jüdisch-christlichen Tradition als Epen humanisierender Transzendenz. (8) Früher nur ganz am Rande vermerkt, zieht heute auch eine naturwissenschaftliche Lesart von Transzendenz im Horizont erneuerter Naturphilosophie und philosophischer Kosmologie in Form epistemologischer Grenzanerkennung oder der Rekonstruktion innerkosmischer Selbstüberbietungsprozesse neues Interesse auf sich. Auch die Transzendenzen (7) und (8) sind (wie die anderen Arten) nicht theologisch neutral: (7) kann mit einer transzendentalphilosophisch perspektivierten Fundamentaltheologie zusammengeschlossen werden, (8) lässt sich überhangfrei in prozesstheologische Konzeptionen implementieren.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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