Seele

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Das Wort „Seele“ gehört wie seine Entsprechungen in anderen Sprachen zu denjenigen philosophischen Termini, welche die Philosophie nicht ursprünglich geprägt, sondern aus außerphilosophischen Kontexten übernommen hat. Es lassen sich wohl nur wenige Begriffe angeben, die für die Selbstdeutung des Menschen von größerer Tragweite gewesen sind. Längst aber hat der Begriff nicht mehr den Rang, den er im philosophischen Denken der Antike und des Mittelalters hatte. Das deutsche Wort hängt zusammen mit See, weil in der germanischen Mythologie der Ort der Seelen den Gewässern zugeschrieben wird; das Feuchte gehört auch in die Etymologie des griechischen Pendants. „Seele“ ist dabei ein Wort für etwas, was unabhängig von der theoretischen Thematisierung der Zuwendung (bis hin zur „Seelsorge“) bedarf – ein Ausdruck, der allerdings selbst aus der Philosophie, nämlich aus der sokratischen Weise der Zuwendung stammt.  Die religiöse Prägung ist ebenso vielfältig wie nachhaltig, auch wenn die Theologie der Gegenwart dieses Wort nicht mehr zu ihren Grundbegriffen rechnet. Nicht nur aus der Theologie,  auch aus der Psychologie ist natürlich der Begriff der Seele längst entschwunden. Er ist aber auch nicht wie andere in eine andere Disziplin gewandert. Auch die Psychologie ist längst, was ursprünglich polemisch gemeint war, eine „Psychologie ohne Seele“.  Aber in den Gebrauchssprachen und den anspruchsvolleren Sprachstilen ist der Begriff wie etwas Unersetzliches erhalten geblieben. Aber auch hier ist die therapeutische Zuwendung – Psychotherapie – der Ort, an dem nach wie vor im Fremdwort von der Seele die Rede ist – auch wenn man nicht von kranker Seele, sondern etwa von Nervenkrankheit, der Befindlichkeit der eigenen „Psyche“ u. ä. spricht. Gemeint ist damit primär die emotionale Dimension, das „Gefühlsleben“ des Menschen. Umgekehrt ist die Rede von „Seelenlosigkeit“ eindeutig eine kritische, aber gar nicht antiquierte; die Reduktion auf die schiere Funktionalität wird als etwas angesehen, was dem Menschen und seinen Bedürfnissen, etwa den sog. ästhetischen, fremd oder sogar feindlich bleibt.

Wenn man also philosophisch von der Seele spricht, dann muss man dies in dem Bewusstsein tun, dass nicht bloß ihre Funktionen und Relationen, sondern auch die wesentliche Bestimmungen der Seele selbst kontrovers geblieben sind. Die Philosophie addiert die Seele nicht zu Dingen, Tatsachen oder Phänomenen. Sie bestimmt die Seele einerseits mit konzeptionellen Mitteln, die ohne diese Frage wohl nicht derselben Weise entwickelt worden wären, sie schreibt aber andererseits diesem Begriff dann eine Erklärungsfunktion zu – wenngleich nicht durchgängig für nur einen Bereich oder nur eine Art von Wirklichkeit.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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