Phänomenologie

Der Terminus Phänomenologie wurde unter verschiedenen Bedeutungen im Laufe der Philosophiegeschichte immer schon gebraucht. Zum ersten Mal taucht er im Jahre 1764 bei J. H. Lambert auf als Titel des 4. Teils seines Neuen Organon und später auch bei Kant und Hegel. Heute bezeichnet er vor allem diejenige philosophische Strömung, die im 20. Jahrhundert in Deutschland durch E Husserl entstanden ist und von seinen Anhängern (vor allem M. Scheler, N. Hartmann, E. Stein, H. Conrad-Martius, A. Reinech, L. Landgrebe) weiter entwickelt wurde. Phänomenologisch orientiert ist auch das Denken Heideggers, so wie das von J.-P. Sartre und von M. Merleau-Ponty. Geleitet von dem Leitspruch „Zu den Sachen selbst!“, will die P. die Wirklichkeit in ihrer voller Reinheit erreichen, ohne sich von Vorurteilen bzw. Idolen aller Art irreleiten zu lassen. Deshalb tritt die P. den Ansprüchen des Empirismus, des Rationalismus, des Idealismus und des Dogmatismus platonischer Prägung entgegen. Aus verschiedenen Gründen erweisen sich alle diese philosophischen Strömungen als unfähig, die Wirklichkeit als solche zu begreifen: der Empirismus, weil seine Kategorien unangemessenen sind, die Dinge nach dem Umfang ihrer vielfältigen Erscheinungsweisen aufzufassen; der Rationalismus, weil er sich aufgrund des abstrakten und mathematisierenden Formalismus seines Vorgehens von der Lebenswelt entfesselt; der Idealismus, weil er prinzipiell ablehnt, sich von der reinen Anschauung leiten zu lassen; der platonische Dogmatismus, weil er die Ideen hypostasiert. Um allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, vertritt die P. eine intuitive Methodologie, die, sich auf das Erlebnis des Bewusstseins stützend, alle möglichen Modalitäten von diesem enthüllen will, um die Gegenständen so erscheinen zu lassen, wie sie sich ergeben. So erweist sich die P. als Wissenschaft des Phänomens, d. h. der Wirklichkeit, wie sie sich zeigt.

Es sind die Vorlesungen Brentanos, die den jungen Husserl dazu geführt haben, vom Rationalismus mathematischer Prägung Abschied zu nehmen und sich der Philosophie zu widmen. Im Jahr 1891 erscheint die Philosophie der Arithmetik, eine Untersuchung über die Entstehung und die Bedeutung der Begriffe von Vielheit, Einheit und Anzahl. Diese lassen sich auf den psychologischen Akt zurückführen, den Husserl Inbegriffsvorstellung nennt. In dieser Phase des husserlschen Denkens ist also der psychologische Einfluss noch zweifellos wirksam, auch wenn dabei die Tendenz schon deutlich spürbar ist, die stark anthropologisch geprägte Denkart Brentanos zu überwinden.

Den Kontrast zwischen der absoluten Notwendigkeit des logischen Apriori und der Faktizität der Erfahrung überwindet Husserl in den Jahren 1891-1900. Die reine Logik Bolzanos liefert ihm die Instrumente, um sich von den letzten Resten des Positivismus zu befreien und folglich die übersinnliche Wahrheit zu erreichen. Auf diesen Weg macht sich Husserl in den Logischen Untersuchungen (I, Halle 1900), wobei er sich bemüht, die Ansprüche der empirischen Subjektivität mit denen der Objektivität zu harmonieren. Dies gelingt ihm mit dem Rekurs auf die Intentionalitätslehre, die er von Brentano und ferner von der Scholastik übernimmt und zugleich radikal umdeutet (LU II). Die Essenz bzw. der Eidos transzendiert zwar die psychische Sphäre, bildet aber zugleich das objektive Korrelat bzw. den Identitätspol dieser. Objektivität und Subjektivität sind deshalb unvermeidlich aufeinander bezogen. Im Lichte der dynamischen Korrelation von Subjekt und Objekt erweisen sich der Empirismus und der Rationalismus als unangemessen, die Wirklichkeit zu erfassen, und so entsteht das Bedürfnis einer neuen Erkenntnisdimension, die imstande sei, die jeweils einseitige Perspektive des Empirismus und des Rationalismus zu überschreiten. Den Zugang zu dieser Erkenntnisdimension findet Husserl in der transzendentalen P., weil sich durch die transzendentale Reduktion (Epoché), die sie fordert, der Erkenntnisprozess von allen naturalistischen Unreinheiten befreien kann (vgl. HU VI).

Durch die Anerkennung der Intentionalität des Bewusstseins erweist sich das Objekt als transzendent diesbezüglich und zugleich als ihm „leibhaft“ (Hu III, 334), „in Person“ anwesend. Die P. „charakterisiert nicht das sachhaltige Was der Gegenstände der philosophischen Forschung, sondern das Wie dieser [...] Der Titel ‚P.’ drückt eine Maxime aus, die also formuliert werden kann: ‚zu den Sachen selbst!’ – entgegen allen freischwebenden Konstruktionen, zufälligen Funden, entgegen der Übernahme von nur scheinbar ausgewiesenen Begriffen, entgegen den Scheinfragen, die sich oft Generationen hindurch als ‚Probleme’ breitmachen“ (Heidegger SZ, §7). Was die P. zeigt, ist deshalb das, was vor allem und gewöhnlich sich nicht zeigt, was also verborgen und gerade deswegen in der Lage ist, den Sinn und das Fundament dessen zu zeigen, was gewöhnlich und vor allem sich zeigt. In diesem Sinne erweist sich die P. als die einzig mögliche Ontologie (ebd. §7 C). Denn „das Seinsphänomen verlangt die Transphänomenalität des Seins. Das heißt weder, dass sich das Sein hinter den Phänomenen versteckt findet [...] noch, dass das Phänomen ein Erscheinen ist, das auf ein besonderes Sein verweist [...] Die bisherigen Überlegungen implizieren, dass das sein des Phänomens, obwohl dem Phänomen koextensiv, der Phänomenalität entgehen muss – nämlich nur insoweit zu existieren, als es sich offenbart – und dass es folglich über die von ihm gewonnene Erkenntnis hinausgeht und sie begründet“ (Sartre Das Sein und das Nichts, Einleitung, §2).

Quelle: Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Walter Brugger und Harald Schöndorf. Verlag Karl Alber 2010

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