Person

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Was ist eine Person bzw. was bedeutet Person, Personensein bzw. Personalität? Die Semantik des Personbegriffs reagiert auf komplizierte Phänomene wie Selbstbewusstsein, Handlungen oder Moralität, die sich im sozialen Raum über die Zeit hinweg entwickelt und zudem erst vergleichsweise spät anthropologische Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Bei den jeweiligen methodischen Ausrichtungen beziehungsweise Neuausrichtungen ist es personalitätstheoretisch vor allem darum gegangen, ein semantisches Feld jenseits von traditionellen Begriffen wie „homo“ oder „animal rationale“ zu eröffnen. Auf einem mittleren Abstraktionsniveau lassen sich in der mehr als zweitausendjährigen Geschichte des philosophischen Personbegriffs zumindest zehn Phasen mit einem eigenen Profil und semantischen Innovationen ausmachen, in denen mit unterschiedlichen Akzentuierungen bewusstseinsphilosophische, moralphilosophische und alltagspsychologische Bestimmungen genauso zur Anwendung kommen wie metaphysische und theologische Grundlegungen.

Die überlieferten Anfänge des philosophischen Personbegriffs liegen in der Vier-personae-Lehre von Panaitios von Rhodos, die uns durch Cicero bekannt gemacht worden ist. Panaitios macht vier Aspekte im Leben vernünftiger Individuen aus, die er mit dem Ausdruck „Person“ belegt und mit denen er die Würde vernünftiger Individuen begründet. Personales Leben wird ihm zufolge durch die allgemeine Vernunftfähigkeit der Menschen, die individuelle Eigenheit, die Kontingenz der Lebensumstände sowie durch den mit eigenem Willen hervorgebrachten Lebensplan bestimmt. In der frühen Patristik wird der Personbegriff losgelöst von seinen antiken Ursprüngen in theologische Theoriestücke eingesetzt, aus denen heraus sich eine Metaphysik der Person entwickelt, die schließlich auch die Dignität menschlicher Individuen erschließt.

Einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte des philosophischen Begriffs der Person stellt J. Lockes Theorie personaler Identität dar, die sich methodisch von metaphysischen Grundlegungen unabhängig macht und sich hauptsächlich auf die deskriptive Erfassung von Bewusstseinsphänomenen stützt. Locke setzt in seinen Analysen zudem ausdrücklich egologisches Vokabular ein und stellt auf wirkungsmächtige Weise einen internen Zusammenhang zwischen den Begriffen „Person“ und „Selbst“ her.

Ein konzeptionell weit gefächertes Personenverständnis findet sich in der kritischen Philosophie I. Kants, in der zum einen die Fehlschlüsse der traditionellen Metaphysik der Person aufgedeckt, zum anderen aber auch gewichtige systematische Argumentationen zur Identität des Selbstbewusstseins in der Zeit und der Identität der Person über die Zeit hinweg entwickelt werden. Darüber hinaus entfaltet Kant im Anschluss an J.-J. Rousseau eine normative Theorie der Person, die die vernünftige Natur als Zweck an sich bestimmt und systematische Grundlagen der Menschenrechte erschließt. Der deutsche Idealismus erweitert den Rahmen der Philosophie der Person um sozialphilosophische Rekonstruktionen des internen Zusammenhangs von Personsein und wechselseitigen Anerkennungsverhältnissen, der später weitergehende Ausdeutungen bei E. Lévinas und C. Taylor findet.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden insbesondere von E. Husserl und M. Scheler phänomenologische Verfahren auf die Philosophie der Person angewandt. Der phänomenologische Ansatz verbindet mit dem Begriff der Person Bestimmungen einer Einheit unmittelbaren Erlebens beziehungsweise eines Ausgangspunkts intentionaler Akte. Ein gewichtiger methodischer Einschnitt in der neueren Philosophie ist der sogenannte linguistic turn, der auch sprachanalytische Überprüfungen des Personbegriffs sowie Rekonstruktionen der Bedingungen von Personalität zur Folge gehabt hat. Es entstehen systematische Wiedererwägungen, die – wie im Fall von P. F. Strawson, S. Hampshire und R. M. Chisholm – die Sprachanalyse mit traditionellen Theoriemodellen in Beziehung setzen. Im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts entbrennt mit der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte ein Streit um den Stellenwert von Personen in ihrer jeweiligen Gemeinschaft. J. Rawls entwickelt vor dem Hintergrund dieser Debatte einen neokantianischen Konstruktivismus, der im Begriff der Person systematische Ausweitungen vornimmt. Die bislang letzte Entwicklungsphase stellt die Bioethik der Person dar, in der normative Fragestellungen auf Problemfälle ausgeweitet werden, die sich insbesondere mit den biomedizinischen Fortschritten der vergangenen Jahrzehnte ergeben haben.

Insgesamt stellt sich die philosophische Geschichte des Personbegriffs, bei allen unübersehbaren Brüchen und Inkohärenzen, als Prozess begrifflicher Verfeinerungen und konzeptioneller Ausweitungen dar. Die semantischen Innovationen der Philosophie der Person haben sich auf nahezu alle Bereiche der theoretischen und praktischen Philosophie ausgewirkt. Ein eindeutig identifizierbarer disziplinärer Ort der Philosophie der Person ist nicht auszumachen, die Semantik des Begriffs lässt sich Bereichen von philosophischer Anthropologie, Philosophie des Geistes, Ethik, Angewandter Ethik und Sozialphilosophie zuordnen, in denen es um Fähigkeiten und Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, epistemisches Differenzierungsvermögen, emotiver Ausdruck, Kommunikation, Bildung, Zeitbewusstsein, Sprache oder emotionale und soziale Bindungen geht. Insbesondere eröffnet der Personbegriff, indem sich seine Semantik disziplinübergreifend entwickelt, die Möglichkeit, Problemstellungen der theoretischen und praktischen Philosophie unmittelbar aufeinander zu beziehen: So haben beispielsweise Erträge der Theorie personaler Identität unmittelbare Konsequenzen für ethische Bewertungen des entstehenden und vergehenden menschlichen Lebens.

Eine Philosophie der Person muss klären, wie biologische, soziale und psychische Elemente sich zu einem identischen Leben vereinigen, zu dem sich die jeweiligen Personen in subjektiver Perspektive verhalten können. Aus diesem Grunde bilden weder das organische Leben des menschlichen Individuums noch seine soziale Biographie eine hinreichende Erklärungsbasis. Entsprechend ist die Geschichte des philosophischen Begriffs der Person von Anbeginn durch eine Differenzierung zwischen den Ausdrücken „Mensch“ und „Person“ gekennzeichnet. In anthropologischer Hinsicht stellt der Begriff der Person eine semantische und normative Erweiterung dar, die humane Eigenschaften und Fähigkeiten – wie Selbstbewusstsein, Rationalität oder Moralität – angemessen erfassen soll. Diesem Erweiterungsansatz wird im 20. Jahrhundert eine Konvergenzthese entgegengestellt, die fordert, dass die Ausdrücke „Mensch“ und „Person“ extensionsgleich zu behandeln seien. Mit dieser These verbinden sich vor allem normative Zielsetzungen im Bereich der medizinischen Bioethik: Um zu vermeiden, dass der moralische Status von Menschen an die Erfüllung von epistemischen oder praktischen Bedingungen gebunden wird, soll der Mensch beziehungsweise der menschliche Organismus zu jedem Abschnitt seines Lebens die Rechtsstellung einer Person haben. Menschen müssten demnach nicht erst den Nachweis von Selbstbewusstsein, Rationalität und Moralität erbringen, um die Anerkennung zu erlangen, die gemeinhin mit dem Personstatus verbunden wird. Die Konvergenzthese ist eine Reaktion auf die Schwierigkeiten, die sich mit dem semantischen Gefälle zwischen den Begriffen der Person und des Menschen in Fällen des entstehenden und vergehenden menschlichen Lebens einstellen. Denn Beginn und Ende des Lebens eines Menschen sind durch Abschnitte gekennzeichnet, in denen epistemische oder praktische Einstellungen nicht vorkommen.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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