Künstliche Intelligenz

Ob mit dem Kalkül, das elektronische und digitale Medien im Zuge algorithmischer Informationsverarbeitung produzieren, allgemeine Berechenbarkeit einhergeht, scheint heute eher in Zweifel zu stehen. Noch offen ist die Frage, wer über wen Kontrolle ausüben wird, wir über Künstliche Intelligenz oder diese über uns. Und genau in dieser Unsicherheit tritt die Rückführung der Norm in die bloße Form in ihrer Bedeutung zu Tage. Denn die Ansicht, dass mathematische Kalkulierung vollumfänglich die Konsequenzen menschlichen Handelns in ihren Nah-, Fern- und Nebenwirkungen zumindest im Prinzip berechnen und mithin kontrollieren könnte, ist ein Glaube, der erst mit den modernen empirischen Naturwissenschaften Fuß fassen konnte. Bei Platon und einer platonisierenden scholastischen Tradition diente das Kalkül der Formel dem Auffinden analoger Strukturprinzipien, von Proportionen, aus denen sich Konturen dessen gewinnen lassen, was als das Gute, das Wahre und das Schöne umrissen wird. Und die oben erwähnten, sich selbst als Platoniker bezeichnenden Begründer der modernen Naturwissenschaften waren noch überzeugt, dieselben mit Berechenbarkeit zusammendenken zu dürfen.

Da sich in diesem Punkt die heutige Zeit nicht mehr so sicher ist, stellt sich die Frage, wie der Rückbau der Norm in die Form vonstattengehen soll. Das normative Verständnis der Ethik hatte nämlich genau diese Entwicklung hin zum vertrauensvollen Überantworten der Handlungskompetenz an empirische, ihrem Ursprung nach naturwissenschaftliche Methoden zur Voraussetzung. Es genügte die Ausformulierung von Zweckformeln, die alle Wünschbarkeiten in komplexen Programmatiken ausdrucksfähig machen. Programme verlieren als zeitliches Äquivalent von Werthierarchien ihre ethisch-utilitaristische Prägekraft, wenn Zeitlichkeit nicht mehr im linearen Modell des Fortschreitens von einer zu negierenden schlechten Vergangenheit zu einer lichten, wertvolleren Zukunft abgebildet wird.

Die Trias von Instantaneität, Konnektivität und Granularität fungiert als Kürzel für die neuen temporalen Strukturen, die sich in der digitalen Gesellschaft als Abkehr vom linearen Zeitpfeil abzeichnen. Alle drei Begriffe reflektieren den Einfluss, den die neuen Medien auf das Verhältnis der Menschen zueinander und zu sich selbst ausüben. Der erste medientheoretische von Marshall McLuhan inspirierte Begriff der Instantaneität geht den Konsequenzen der weltweiten Signalübertragung in Lichtgeschwindigkeit nach. Der Begriff der Konnektivität zeigt das Veränderungspotential unbegrenzter Verknüpfbarkeit. Und Granularität beschreibt Prozesse beschleunigter Auflösung in immer kleinere und detailgenauere Elemente, die eine auf digitale Medien eingestellte Gesellschaft zunehmend prägt.

Der Mensch gerät als Handelnder in den Hintergrund und hervor tritt der Einzelne als ungewollt und unbemerkt in die volle Verantwortung für all das gestellt, was er mit seinen Forschungen betreibt, mit seinen öffentlichen Einlassungen aussagt und seinen Klicks auslöst. Zu einem zentralen Gegenstand ethischer Reflexion wird folglich die Beantwortung der Frage, wie von einer Kommunikationsofferte zur nächsten übergegangen werden soll, ohne dem Fortsetzungsgeschehen einen Drive ins Verhängnisvolle zu geben. An die Stelle der unentscheidbaren Konkurrenz der Werte tritt die Suche nach einer Formel, die zur Überleitung von einem personellen, sozialen, kulturellen, ethnischen Kontext zu einem anderen befähigt. Ein transjunktionaler Imperativ der gesuchten Art verknüpft auf eine Weise, der alle aus dem bloßen Grund zustimmen könnten, weil andernfalls das gesamte Netz in eine destruktive Dynamik geraten würde.

Quelle: Gertrud Brücher, Ethik im Drohnenzeitalter, Bd. 2: Künstliche oder kulturelle Intelligenz?, Karl Alber 2020.

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