Kontingenz

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Kontingenz (lat. Substantiv contingentia vom Verb contingere) Mit „contingit“ (es berührt sich, ereignet sich) übersetzt Boëthius zwei von Aristoteles verwendete gr. Ausdrücke: „symbaínei“ (es kommt zusammen, ereignet sich) und „endéchetai“ (es ist zulässig, möglich). Letzteres bezeichnet das, was möglich ist, also das, was sein kann, und ist dem entgegengesetzt, was nicht sein kann. Als Mögliches schließt es das Unmögliche aus. Wenn es freilich nur dieses ausschließt, schließt es das, was nicht nicht sein kann, also das Notwendige, ein. Aristoteles verwendet das Wort aber auch so, dass es sowohl das Unmögliche als auch das Notwendige ausschließt, also das bezeichnet, was sein, aber auch nicht sein kann. Damit sind die Modalbegriffe grundgelegt. Das Wort „symbainei“ (dem das lat. contingit sprachlich näher steht) besagt zunächst nur Tatsächlichkeit (unbestimmt, ob notwendig oder nicht), hat aber bei Aristoteles gelegentlich schon die Bedeutung der Tatsächlichkeit dessen, was auch nicht sein könnte. Die spätere Scholastik gebraucht für den Ausschluss der Unmöglichkeit (mit Einschluss der Notwendigkeit) den Begriff „possibilitas“. Unter „K.“ wird zwar manchmal (zuerst von Theophrast, dem Schüler des Aristoteles so konzipiert) der Ausschluss nur der Notwendigkeit (mit Einschluss der Unmöglichkeit) verstanden, meist aber die (dem contingit/symbainei am ehesten gemäße) Tatsächlichkeit dessen, was von sich her sein oder nicht sein kann.

Aber was ist das Notwendige, von dem das Kontingente sich absetzt? Wird es als Naturgesetz bestimmt, so ist mit dem kontingenten Erscheinenden nur die Aufgabe gestellt, es in einen naturgesetzlich notwendigen Verlaufszusammenhang einzuordnen und seine K. aufzulösen, die dann lediglich Vorläufigkeitscharakter hat. Doch was ist mit dem naturgesetzlichen Verlauf selbst und mit einer entsprechend verfassten Welt? Haben wir es hier mit einem nicht weiter erklärbaren Faktum zu tun, also mit einer letzten K.? Doch dieses Faktum müsste sich vollständig selbst erklären (zumindest als solches denkbar sein). Es müsste die eigene Faktizität und K. durch sich in Notwendigkeit auflösen können, und zwar in eine solche, die kein Außen mehr hat, sondern vollkommene Selbsterklärung ist, d. h. reiner Selbstbezug. Doch eine solche Wirklichkeit wäre nicht mehr unsere Welt. Sie wäre das „ganz Andere“ zu ihr. Den Schritt zu ihr vollzieht die klassische Metaphysik mit der Unterscheidung des kontingenten, abhängigen, endlichen Seins vom notwendigen, absoluten, unendlichen Sein, wobei jenes in diesem seinen letzten Grund hat. Ohne eine solche Unterscheidung verschwimmen K. und Notwendigkeit ineinander. Denn eine sich in Notwendigkeit auflösende K. lässt auch die Notwendigkeit kontingent werden, da jede „Erfahrung“ des Kontingenten jene sogleich selbst treffen muss. Diese Ambivalenz zeigen geistige wie dinghafte Monis­men, das System Spinozas ebenso wie die Systeme des Materialismus. Die heutige Naturwissenschaft ist geneigt, grundlegende K.en in unserem Kosmos anzuerkennen (erste Symmetriebrechungen, welche die Elementarteilchen und ihre Reaktionsweisen hervorgehen ließen, unaufhebbare Indeterminismen in der Mikrowelt, spontane Mutationen im sich evolvierenden Lebensgeschehen). Sie unterscheidet sich damit vom neuzeitlichen Ideal eines in Notwendigkeitsbeziehungen vollkommen auflösbaren Naturgeschehens und ist damit dem metaphysischen Konzept einer kontingenten Welt näher, nach welchem ein in sich notwendiger Kosmos, der zugleich unsere Erfahrungswelt bleibt und damit unaustilgbare Züge der Endlichkeit und des Außer-sich-Seins trägt, ein widersprüchlicher Gedanke ist. Die K. ist also auf verschiedenen Ebenen von der Notwendigkeit unterscheidbar wie auch auf sie bezogen. So ist das einzelne Naturereignis auf einen natürlichen Zusammenhang verwiesen, der sich in mathematischen Gesetzen ausdrücken lässt, ohne dass damit das Gesamtgeschehen seinen kontingenten Charakter je ganz verlöre.

Diese bleibende K. schließt eine Abhängigkeit ein, die sie zugleich mit dem „ganz Anderen“, dem Absoluten, verbindet. Wenn die Welt aber durch diese Verbindung besteht, hat sie auch Anteil am dem sie innerlich begründenden aus sich Notwendigen. Thomas v Aquin: „Es gibt nichts Kontingentes, das nicht auch etwas Notwendiges an sich hätte“ (STh I q 86 a 3). Dies gilt für alle Ebenen, auch für die metaphysische. Wo die Natur sich selbst erfasst, erfasst sie auch ihre K. Damit weiß sie sich abhängig und zugleich verbunden mit dem, wovon sie letztlich abhängig ist. Aus dieser Verbundenheit ist menschliche Freiheit zu begreifen, die somit beide Dimensionen in sich enthält, nämlich die der K. und der Notwendigkeit, und beide in deren letzter metaphysischer Radikalität. Die Freiheit bleibt als konkretes Ereignis eingebettet in den Naturzusammenhang und ist ihm dennoch überlegen, da sie über ihn als ganzen hinausgeht. Die Scholastik hat deswegen im Rückgriff auf Aristoteles (de interpr. 9) vom „futurum contingens“ gesprochen, d. h. von dem aus vorangehenden Ereignissen prinzipiell nicht ableitbaren Freiheitsakt, der als solcher auch die Wahrheitsfähigkeit prognostischer Aussagen über ihn ausschließt und in seiner Unableitbarkeit nur dem überzeitlichen Gott „immer“ gegenwärtig ist. Für die in ihrer Selbsterkenntnis in sich zugespitzte K. ist somit ihre (Selbst-)Anerkennung zugleich Überhobenheit über sie (Lübbe: ihre „Bewältigung“). Sie muss sich nicht als blinde „Geworfenheit“ begreifen, sondern darf sich aus dem Grund ihrer Freiheit als „Gegebenheit“ entgegennehmen.

Quelle: Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. von Walter Brugger und Harald Schöndorf. Verlag Karl Alber 2010.

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