Identität

Der Begriff der Identität zählt seit der Antike zu den Grundbegriffen der Philosophie. Wortgeschichtlich leitet er sich von dem lat. Pronomen idem (derselbe) ab und wird mit „Selbigkeit“ oder auch „Einerleiheit“ übersetzt. Es lassen sich mindestens drei – allerdings vielfältig miteinander verbundene – Diskurse unterscheiden.

Zum einen besitzt der Identitätsbegriff eine zentrale Stelle im logischen und ontologischen Diskurs der Philosophie. Hier geht es um die Singularität einzelner Entitäten bzw. Gegenstände und die Frage, wie sich diese denken, erkennen und begrifflich darstellen lässt. Maßgeblichen Einfluss besitzt dabei die aristotelische Unterscheidung zwischen numerischer und generischer bzw. qualitativer Identität: „Wir nennen etwas identisch der Zahl oder der Art [...] nach: der Zahl nach identisch ist das, was mehr als einen Namen hat, aber nur ein Ding ist [...]; der Art nach, was mehr als eines ist, aber keinen Unterschied in der Art aufweist, wie z.B. Mensch mit Mensch und Pferd mit Pferd identisch sind; denn man nennt solches der Art nach identisch, was unter dieselbe Art fällt.“ Mit numerischer Identität bezeichnet Aristoteles demnach den Sachverhalt, dass ein einzelnes Ding auch tatsächlich nur ein Ding ist, d.h. Identität ist hier gleichbedeutend mit Einzigkeit bzw. Singularität; ihr Gegenteil ist die Vielheit. Mit qualitativer Identität ist dagegen der Sachverhalt gemeint, dass der Begriff von numerisch verschiedenen Dingen derselbe sein kann, z.B.: diese zwei Dinge sind beides Pferde. Bereits bei Aristoteles findet sich dann auch der Versuch, die numerische Identität durch eine ausgezeichnete Form der qualitativen Identität zu bestimmen. Dinge sind demnach dann numerisch identisch, „wenn alles, was vom einen ausgesagt wird, auch vom anderen ausgesagt werden sollte“.

In dieser Begriffstradition definiert G. W. Leibniz die numerische Identität als absolute qualitative Identität. Danach sind zwei Gegenstände nur dann numerisch identisch, wenn sie sich durch keine Eigenschaften mehr unterscheiden lassen. In der Realität finden sich jedoch keine zwei ununterscheidbaren Gegenstände; auch „zwei Tropfen Wasser oder Milch, betrachtet durch ein Mikroskop, werden sich als unterscheidbar erweisen.“ Die Bestimmung der numerischen Identität durch dieses sog. „Leibniz´sche Gesetz der Identität des Nichtunterscheidbaren“ (principium identitatis indiscernibilium) würde im Übrigen nur dann gelten, wenn man auch die raum-zeitlichen Lokalisationen eines Gegenstandes zu dessen Eigenschaften zählt.“

Der zweite Diskurs zielt auf die (besondere) Identität von Personen. Auch die Thematisierung dieser Frage lässt sich bis in die griechische Antike zurückverfolgen. So heißt es in Platons Symposion: „Denn auch von jedem einzelnen Lebenden sagt man ja, dass es lebe und dasselbe sei, wie einer von Kindesbeinen an immer derselbe genannt wird, wenn er auch ein Greis geworden ist: und heißt doch immer derselbe, unerachtet er nie dasselbe an sich behält, sondern immer ein neuer wird und Altes verliert an Haaren, Fleisch, Knochen, Blut und dem ganzen Leibe. Schon bei Platon wird demnach die Frage aufgeworfen, inwiefern es gerechtfertigt ist, Personen über die Zeit hinweg Identität zuzuschreiben, wenn dafür offenbar eine substantielle Grundlage fehlt. Die systematische Behandlung dieser Frage taucht dann im 18. Jh. bei den Empiristen (vor allem bei J. Locke) wieder auf und wird bis in die Gegenwart hinein – insbesondere in der Analytischen Philosophie – fortgesetzt.

Auch der dritte Diskurs ist fokussiert auf die Frage nach der Identität von Personen. Er hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jh. entwickelt, allerdings zunächst außerhalb der im engeren Sinne (akademischen) Philosophie. Zur Etablierung haben maßgeblich die sozialpsychologischen Untersuchungen G. H. Meads zur Konstitution von „I“ und „Me“ sowie die psychoanalytisch orientierten Arbeiten E. H. Eriksons zur „Ich-Identität“ beigetragen. Inzwischen besitzt der Identitätsbegriff in sämtlichen Kulturwissenschaften eine zentrale Funktion. Er ist zudem in der Lebenswelt westlicher Gesellschaften fest verankert und findet in alltagssprachlichen Redeweisen von einer Identität, die man „suchen“ und „finden“ kann, seinen Niederschlag. Der kulturwissenschaftliche und philosophische Diskurs um personale Identität ist allerdings nicht mehr überschaubar, jedenfalls gibt es „nicht »den« theoretischen Identitätsbegriff, sondern mannigfache Gebrauchsweisen, die allenfalls durch gewisse Familienähnlichkeiten verbunden sind und dadurch Konturen eines mehrere theoretische Strömungen umfassenden, sozial- und kulturwissenschaftlichen Grundbegriffs erkennen lassen“.

Bei allen Unterschieden lässt sich jedoch ein Aspekt festhalten: die Identität von Personen meint etwas grundsätzlich anderes als die numerische Identität von einzelnen Dingen. Sie zielt auf ein – wie auch immer näher zu bestimmendes – leibliches, emotionales, psychisches, praktisches, reflektiertes und/oder kommunikatives Selbstverhältnis, das Personen besitzen oder ausbilden können.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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