Glück

Glück ist ein Begriff, in dem das Ganze des menschlichen Lebens zum Thema wird. Vom Glück ist daher vornehmlich an besonderen Höhe- und Wendepunkten des Lebens die Rede. Man wünscht Menschen zur Hochzeit, zur Geburt eines Kindes, zum Beginn einer neuen beruflichen Tätigkeit oder zum Abschied „alles Gute und viel Glück“. Diesem Wunsch ist nichts mehr hinzuzufügen. Denn mehr als alles Gute kann man jemandem nicht wünschen, und Glück scheint das Beste zu sein, das einem Menschen in seinem Leben zuteil werden kann. Wir sprechen rückblickend von einer glücklichen Kindheit, von einer glücklichen Ehe oder von einem glücklichen Leben insgesamt und bringen damit zum Ausdruck, dass das Gewesene alles in allem betrachtet seinen guten Sinn in sich selbst zu tragen vermochte. Gegenwärtig empfundenes Glück äußert sich in Lebensfreude und in einem tiefen Gefühl der vorbehaltlosen Zustimmung zum Leben. So bringt auch jemand, der einem anderen Menschen aufrichtig wünscht, dass er glücklich werde, damit die weitestgehende Bejahung des anderen zum Ausdruck.

Zugleich aber weiß der Volksmund, dass es zum Glück auch eine glückliche Hand braucht, dass das sprichwörtliche nötige Quäntchen Glück hinzukommen muss und dass Glück jederzeit so leicht zerbrechlich ist wie Glas. Was zum Glück gehört, spiegelt sich in den Begriffen wider, die wir dem Glück entgegenstellen: Pech, Elend und ein unerfüllt gebliebenes Leben. Menschen, die gravierendes Unglück erleben, fragen sich, ob das Leben der Mühe wert sei. Damit zeigt sich die Kehrseite des Glücks als unausweichliche Anfrage an das menschliche Dasein insgesamt.

Mit dem Wort Glück verbindet sich offensichtlich ein Sachverhalt, der alle Menschen angeht, der das Ganze des menschlichen Lebens betrifft und der das menschliche Leben insgesamt lebenswert erscheinen lässt.

An dieses weithin vertraute Verständnis des Glücks knüpfen auch die Grundaussagen der philosophischen Tradition an. Glück wird ursprünglich verstanden als das, über das hinaus nichts mehr zu wünschen übrig bleibt und das somit das menschliche Leben ganz erfüllt. So beschreibt Platon in seinem Dialog Symposion das menschliche Leben als ein Streben nach dem, was Menschen als gut und schön empfinden. Alles Gute und Schöne aber, das uns im Hinblick auf ein anderes gut und schön zu sein scheine, finde seinen Grund und Ursprung letztlich in einem an sich Guten und Schönen. Das Glück bestehe in der endgültigen Erfüllung dieses Strebens: „Glücklich nennst du, wer das Gute und Schöne erlangt hat.“ In ähnlicher Weise versteht auch Aristoteles das Glück als das vollendendste, für sich allein hinreichende und wählenswerteste Gut des Menschen, welches sich damit auch als das beste, schönste und erfreulichste aller Güter zu erkennen gebe.

Um genauer zu bestimmen, was das Glück sei, verweist er zunächst auf das „Werk“ (œergon), in welchem sich menschliches Lebens als solches verwirklicht, und beschreibt dies als ein Tätigsein des Menschen gemäß des ihm wesentlichen Seelenvermögens, d.h. als ein Leben gemäß der Vernunft oder „jedenfalls nicht ohne sie“. Da ein vernunftbestimmtes Leben aber mehr oder weniger vernunftbestimmt sein könne, so wie die Leistungen eines Musikers verschiedene Grade der Vollendung zulasse, bedeute Glück (eudaimonia) die höchstmögliche Erfüllung und somit ein vernunftbestimmtes Tätigsein des Menschen gemäß einer vollendenden Gutheit. Wahres Glück ist für Aristoteles dabei keineswegs egoistisch. Denn es kennzeichne gerade die wahre Freundschaft, dass man den Freund selbst ebenso glücklich wissen möchte wie sich selbst und das Glück des Freundes um des Freundes selbst willen zu befördern suche. Schwieriger sei dagegen die Frage zu beantworten, unter welchen Bedingungen man das konkrete Leben eines Menschen glücklich nennen könne. Denn selbst ein abgeschlossenes Leben sei nicht davor gefeit, dass es durch nachfolgendes Elend oder durch eine spätere Schande der Kinder noch einmal in ein anderes Licht rücke. Dass alle Menschen nach Glück streben, gilt weithin als selbstverständlich und dient daher vielen Autoren des Altertums als verlässlicher Ausgangspunkt für philosophische Einführungen und Argumentationen. Jedoch erweist sich dieser Ansatz aus dreifachem Grunde als problematisch. Wie schon Aristoteles bemerkt, sei man sich in der Benennung des höchsten Gutes, das man durch Handeln erreichen könne, weithin einig. Dies sei das Glück im Sinne eines guten Lebens und eines guten Handelns. Was jedoch das Glück sei, darüber seien die Menschen sehr unterschiedlicher Ansicht. So sähen viele ihr Glück in dem, was ihnen gerade am meisten zu fehlen scheint, oder sie folgen Lehren, die sie bestaunen, aber nicht wirklich begreifen. Einige suchen ihr Glück im persönlichen Erfolg, in Ehre und in Reichtum, andere in einem möglichst angenehmen, in einem politisch engagierten oder in einem geistig erfüllten Leben. Damit hängt eine zweite Merkwürdigkeit zusammen: Zum einen versteht man unter Glück das vollendende, hinreichende und an sich wählenswerte Gut des Menschen, und zugleich schätzt man Menschen glücklich, die es zu Erfolg, Reichtum und Ehre gebracht haben. Nun sind aber Erfolg, Reichtum und Ehre keineswegs vollendende, sondern unselbständige Güter. Denn Erfolg ist immer nur Erfolg im Hinblick auf etwas anderes, Reichtum allein nützt nichts, wenn man sich nichts dafür kaufen kann, und der Wert der Ehre hängt ab von dem Wert, den wir dem Urteil der Ehrenden beimessen. Von eigenem Wert erscheinen uns dagegen das Erleben von Freude, ein Leben in und für die Gemeinschaft sowie ein Leben, das sich ganz den geistigen Fähigkeiten des Menschen widmet und darin aufgeht. Schließlich liegt auch eine Spannung zwischen der Außenansicht eines Lebens der Mächtigen, Reichen und Schönen, das man für ein glückliches Leben hält, und der Frage, bei welcher Art der Lebensführung man sein eigenes Leben tatsächlich als Glück empfinden würde.

Mit dem Beginn der Neuzeit gerät die akademische Diskussion um das Glück unter die Ideale der Aufklärung. Programmatisches Ziel des neuen wissenschaftlichen Aufbruchs ist ein umfassendes und für jedermann zugängliches, sicheres Wissens. Da die Theologie in diesem Sinne nicht mehr wissenschaftsfähig erscheint, fällt es nun der Philosophie und den neu entstehenden Einzelwissenschaften zu, aus den eigenen Grundlagen heraus einen Begriff des Glücks zu entwickeln. Da ein allgemein zugängliches Wissen entweder auf rational notwendigen Beweisen oder auf allgemein nachprüfbaren Erfahrungen beruht, orientieren sich die Vertreter der Philosophie entweder an den rationalen Methoden der Mathematik oder an den empirischen Methoden der Naturwissenschaften.

Der rationalistische Versuch der Aufklärungsphilosophie, das Glück des Menschen zu denken, setzt beim vernunftbestimmten Willen des Menschen an: Der wesentliche Akt der Vernunft bestehe darin, dem Zusammenstimmenden zuzustimmen und das Widerstreitende zurückzuweisen. Rationale Vollkommenheit sei daher formal als das Zusammenstimmen des Mannigfaltigen zu verstehen. Was einer Vollkommenheit diene, erscheine daher einem vernunftbestimmten Willen als gut, und dasjenige zu erlangen, was der Vollkommenheit diene, erwecke Freude. Also lasse sich das Glück als stetiger Fortschritt nach immer größeren Vollkommenheiten und als dynamischer Zustand größtmöglicher Freude beschreiben.

Der empiristische Ansatz (vor allem in der aktuellen psychologischen Glücksforschung) setzt dagegen bei der Überzeugung an, dass die Frage nach dem Glück nur von der Erfahrung der Betroffenen her erschlossen werden könne. Denn wertende Urteile scheinen ihren Ursprung gar nicht in der menschlichen Vernunft zu haben, sondern in einem menschlichen Gefühl, das allen Menschen von Natur aus mitgegeben sei. Das Empfinden von Freude und Leid zeige an, was der eigenen Natur entspreche und was ihr zuwiderlaufe und welche Erfahrungen und Lebensweisen man entsprechend als Glück oder Elend betrachte. Da wir aber Freude am eigenen wie auch am Wohlergehen anderer Menschen haben, scheint der natürliche Grundimpuls aller Moral in der Maxime zu bestehen, das eigene wie das Glück anderer Menschen zu befördern. Eben dadurch aber werde das Gefühl für Freude und Leid zum ursprünglichen Antrieb für Wunsch und Wille, während die Aufgabe der Vernunft sich darauf beschränke, die geeigneten Mittel zur Verfolgung seines Glücks oder zur Vermeidung von Unglück zu finden.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011
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