Gerechtigkeit

Die Idee der Gerechtigkeit bildet eine unserer zentralen normativen Vorstellungen in Ethik und Politischer Philosophie. Wenn uns eine Person als gerecht erscheint, betrachten wir dies als einen hochgradig lobenswerten Charakterzug; eine ungerechte soziale Situation oder politische Institution finden wir tief empörend und verlangen ihre Korrektur. Unsere alltägliche Gerechtigkeitsintuition basiert i. d. R. auf einer von zwei traditionellen Ideen. Entweder meinen wir, gerecht sei es, dass jedem das Seine zukommt; jeder erhält dann, was er verdient, und zwar entweder im positiven Sinn eines Vorteils oder Nutzens, oder im negativen Sinn eines Nachteils oder Schadens. Oder aber wir denken an die Idee einer angemessenen Gleichheit; gerecht ist hier eine Gleichbehandlung gleicher Fälle sowie eine Ungleichbehandlung ungleicher Fälle. Der erste Grundsatz geht auf Platon zurück und wird meist in der lateinischen Formel als suum cuique tribuere zitiert; der zweite Grundsatz ist in seinem Ursprung aristotelisch. Bis heute ist mit diesen zwei Ideen eine grundlegende theoretische Alternative formuliert. Zu beachten ist ihr prinzipieller Unterschied: Im ersten Fall stützen wir uns auf die Vorstellung, dass einzelnen Personen etwas für sich genommen zukommt – und zwar entweder, dass sie einen bestimmten Vorteil verdient haben oder dass sie eine bestimmte Last tragen müssen. Dafür, dass der Person A das Gut x zukommt und der Person B das Übel y, braucht kein Vergleich zwischen A und B im Spiel zu sein. Anders im zweiten Fall; hier haben unsere Überlegungen ein bestimmtes soziales Verteilungsprofil zum Gegenstand und beruhen auf einem interpersonalen Vergleich. Wir urteilen dann mit Blick auf einen Distributionszustand, welcher gleichzeitig mehrere Personen betrifft, z.B. die Aufteilung von Kuchenstücken unter den Teilnehmern einer Kindergeburtstagsfeier. Der Person A kommt hier x zu, weil die Person B y verdient hat und umgekehrt; die Begründungen für die Verteilung von Gütern und Lasten sind interdependent. Man kann die erste Begriffsverwendung mithin als den absoluten Gerechtigkeitsbegriff bezeichnen und die zweite als den relativen oder interpersonalen. Nur im zweiten Fall ist es dann auch möglich, unter Gerechtigkeit soviel wie gleiche Regelanwendung zu verstehen.

Als gerecht oder ungerecht bezeichnen wir (1) Personen und Personengruppen, (2) deren Handlungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Charaktere und weiter (3) von ihnen ausgehende Urteile, Einschätzungen und Wertungen (personale Verwendungsformen von Gerechtigkeit). Hinzu kommt (4) ein Begriffsgebrauch im Blick auf Verfahren, Regeln sowie Gesetze und (5) für soziale Institutionen, politische Zustände, Staaten, Wirtschaftssysteme und Gesellschaftsordnungen (institutionelle Gebrauchsweisen). Eine wichtige weitere Verwendungsform ist (6) diejenige im Blick auf abstrakte Theorien, Prinzipien, Konzeptionen und Modelle (theoretische Verwendungsform). Hinzu kommt (7) der Gebrauch im Blick auf Verteilungsvorgänge und Prozeduren, z.B. ein Wettbewerbs- oder ein Losverfahren (prozedurale Gebrauchsweise). Daneben existiert (8) diejenige Verwendung, bei der wir das Verhältnis von Gabe und Gegengabe bei einem Tausch oder aber die Relation von Leistung und Entlohnung bei einer Arbeit oder aber das Verhältnis von Tat und Strafe bei einem Verbrechen als gerecht oder ungerecht bezeichnen. Nicht selten gebrauchen wir den Gerechtigkeitsbegriff ferner (9) für das Resultat eines Sportwettkampfs, eines Bewerbungsverfahrens, einer historischen Entwicklung oder für den schicksalhaften Verlauf eines ganzen menschlichen Lebens (resultative Gebrauchsweise), und damit verwandt ist schließlich (10) seine Verwendung im Blick auf einen Verteilungszustand, besonders bezogen auf den Gesamtzustand des Universums, wenigstens soweit dieser Zustand Lebewesen betrifft, die wir als moralisch anspruchsberechtigt betrachten (situationsbezogene Gebrauchsweise).

Um der Frage nach dem zentralen Gegenstand von Gerechtigkeit näher zu kommen, lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Gerechtigkeitstheorien und ihre Themen. Es fällt auf, dass in der zeitgenössischen Debatte hauptsächlich sieben Themen verhandelt werden: (1) politische Gerechtigkeit, (2) soziale und ökonomische Gerechtigkeit, (3) Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, (4) Gerechtigkeit gegenüber gesellschaftlichen Minderheiten, (5) intergenerationelle Gerechtigkeit, (6) juridische Gerechtigkeit (darunter besonders Strafgerechtigkeit) und (7) internationale Gerechtigkeit. Demgegenüber zeigt ein Blick auf die Theoriegeschichte, dass die Mehrzahl der Philosophen aus Antike und Mittelalter Gerechtigkeit primär als eine Eigenschaft (nämlich als Tugend) von Personen aufgefasst haben, d.h. als habituelle Fähigkeit der angemessenen Güter und Lastenverteilung. In einem sekundären Sinn wurde Gerechtigkeit häufig als institutionentheoretisches Thema behandelt, freilich i. d. R. mit einem personalistischen Einschlag, insofern es ihnen dabei um den gerechten Amtsträger, den gerechten Herrscher oder den gerechten Staatsbürger ging. Insofern bleibt es grosso modo sicher zutreffend zu sagen, das Gerechtigkeitsthema sei in der Vormoderne eher im Rahmen der Individualethik, in Neuzeit und Gegenwart dagegen eher im Horizont der Institutionenethik bearbeitet worden.

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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