Dilemma

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Im Allgemeinen bezeichnet das Dilemma eine Situation, in der eine Entscheidung erforderlich ist (oder zumindest zu sein scheint), wobei schwerwiegende Argumente aufeinandertreffen und unvereinbare Empfehlungen geben. Dies kann sich einerseits auf theoretische Überzeugungssysteme beziehen, die in eine kohärente Ordnung gebracht werden müssen, andererseits aber auch auf praktische Handlungskontexte, in denen wir unter Entscheidungsdruck stehen, die relevanten Regeln aber eher einen Konflikt verstärken, als ihn zu lösen.

Aus logischer Sicht bezeichnet ein Dilemma wörtlich eine „zweigliedrige Annahme”. Dies bezieht sich auf zwei Argumentationsformen, nämlich das positive (bzw. konstruktive) Dilemma und das negative (bzw. destruktive) Dilemma. Das positive Dilemma ist charakterisiert durch die folgende Form: Wenn p, dann r; wenn q, dann r; es gilt aber p oder q; also gilt jedenfalls r. Das negative Dilemma hat demgegenüber die Form: Wenn p, dann q; und wenn p, dann r; es gilt aber entweder nicht-q oder nicht-r; also gilt jedenfalls nicht-p. Die Prämissen des Schlusses werden auch als dessen „Hörner” bezeichnet. Eine der Prämissen zu leugnen, bedeutet, das Dilemma bei den Hörnern zu packen und auf diese Weise die Zwickmühle (der unerwünschten Konklusion) zu vermeiden.

G. Ryle diskutiert in seinem Buch Dilemmas (1954) Konflikte zwischen Theorien, die Verwirrung hervorrufen können. Dabei führt er exemplarisch bestimmte Muster von widerstreitenden Perspektiven vor, die sich für ihn letztlich auflösen lassen, indem man zeigt, dass sich aus den jeweiligen Sichtweisen Antworten auf unterschiedliche Probleme ergeben und es nur so scheint, als ob sie miteinander unvereinbar wären. Dabei geht es ihm insbesondere um eventuelle Konflikte zwischen wissenschaftlichen Theorien und den Überzeugungen unserer Alltagswelt (wobei es vielleicht schon irreführend ist, dieser eine ausgebildete Theorie zuzuschreiben). Dem  Philosophen kommt dabei die Rolle des Verkehrsinspektors zu, der mit einem Stau auf einer Straßenkreuzung konfrontiert ist. Es zeigt sich, dass wilde Begriffsverwendung dazu führt, von logischen Plattitüden auf absurde fatalistische Handlungsempfehlungen zu schließen.

Demgegenüber gibt es vor allem praktische Dilemmata, die nicht allein im Bereich moralischer Verpflichtungen zu finden sind. Schon bei der bloßen Berücksichtigung der klugen Interessenverfolgung eines einzelnen oder mehrerer Akteure können Entscheidungssituationen auftreten, in denen rationale Erwägungen allein keinen Ausweg bieten. Solche Probleme können grundlegende Bedeutung für den Aufbau eines philosophischen Systems haben. Dies betrifft u.a. die Metaphysik, ist aber von besonderer Aktualität für die Theoriebildung in der Ethik. Die Beantwortung der Frage, ob es wirkliche, letztlich unlösbare moralische Dilemmata gibt, hat weit reichende Auswirkungen für die Bewertung verschiedener Versionen deontologischer und utilitaristischer Theorien.

Strategische Dilemmata betreffen Probleme von Akteuren, ihre gesetzten Ziele bestmöglich zu erreichen. Dabei wird von moralischen Erwägungen bei der Wahl der Mittel völlig abgesehen (es sei denn, solche gehören zufällig zu den Zielen, die angestrebt werden). Es geht allein um eine kluge Entscheidung bei vorausgesetzten Zwecken, die z.B. auch egoistisch motiviert sein können. Das bekannteste Beispiel für ein solches Problem ist das in der Spieltheorie vieldiskutierte sog. Gefangenendilemma, in dem zwei handelnde Perso­nen die bestmögliche Wahl treffen wollen, deren Ausgang von der Wahl der jeweils anderen Person mit beeinflusst wird. Aber selbst ein einzelner Akteur, dem alle relevanten Informationen bekannt sind, kann in ein strategisches Dilemma geraten, das vielleicht ausweglos ist.

Als moralisches Dilemma bezeichnet man eine Handlungssituation, in der mehrere Pflichten einer Person miteinander kollidieren und sie zu einem schwierigen Abwägungsprozess zwingen. Von einem moralischen Dilemma im weiteren Sinne kann man sprechen, wenn die Pflichtenkollision insofern nur eine scheinbare ist, als lediglich Urteilskraft ausgeübt werden muss, um unter Berücksichtigung aller relevanten Umstände die moralisch gebotene Handlung bestimmen zu können. Bei einem moralischen Dilemma im engeren Sinne ist die Pflichtenkollision jedoch unlösbar bzw. nur auflösbar durch Bezugnahme auf nicht-moralische Erwägungen.

Die Debatte über die tatsächliche Existenz solcher moralischer Dilemmata im engeren Sinne hat eine lange philosophische Tradition und hat im Rahmen des sogenannten Trolley-Problems (Philippa Foot) neuen Fahrtwind aufgenommen (vor allem im Hinblick auf die aktuelle Frage: Soll ein autonomes Auto im Zweifel eher in einen einzelnen Menschen als in eine Menschengruppe fahren, wenn es „keine andere Wahl hat“).

Quelle: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe. Hrsg. von Armin Wildfeuer und Petra Kolmer. Verlag Karl Alber 2011

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