Füreinander da sein, ohne darum bitten zu müssen

Als die eine als Dorfpfarrerin in ihre Gemeinde kam, haben die beiden sich kennengelernt: Margot Käßmann und ihre langjährige Freundin, die Psychotherapeutin Almut Wiedenhoeft. Schnell fanden sie Gemeinsamkeiten – und begleiten sich nun schon ein halbes Leben lang. Ein Gespräch über das, was eine Freundschaft ausmacht.

Füreinander da sein, auch ohne darum bitten zu müssen
Die Psychotherapeutin Almut Wiedenhoeft, geboren 1959, lebt in Frielendorf. Ihr Studium beendete sie mit einer Promotion mit Schwerpunkt Erziehungswissenschaften und Psychoanalyse. Seit 2003 hat die zweifache Mutter eine eigene Praxis für Familien, Paare, Kinder und Jugendliche in Kassel.© privat

Mitten im Leben: Sie beide sind seit vielen Jahren befreundet: Gibt es ein Ereignis, eine Geschichte, die Ihre Freundschaft begründet?

Almut Wiedenhoeft: Ja, sowohl ein Ereignis als auch eine Geschichte und beides hat miteinander zu tun. Ich erinnere mich noch gut, wie ich Margots eindrückliche Predigt in ihrem ersten Gottesdienst in unserer Gemeinde gehört habe. Ich fühlte mich angesprochen, verstanden, aufgerüttelt zu Themen, die mich selbst beschäftigten; für die ich zugleich wenig Verständnis in meinem Umfeld fand. Und ich glaube, das spiegelt auch unsere gemeinsame Geschichte: Wir sind beide in einem Umfeld groß geworden – ich in einem dörflichen, Margot in einem kleinen städtischen Kontext –, in dem es eher um das ging, was andere dachten, als um das, was einen selbst bewegte oder beunruhigte. Schon in dieser Zeit und – auch heute noch – teilen wir „Beunruhigung“ im Hinblick auf soziale Themen wie Gerechtigkeit, Werte-, Frauenfragen.

Margot Käßmann: Nach dem Gottesdienst hatte Almut mich zu einem kleinen Fest eingeladen, das sie und ihr Mann in ihrem Garten gefeiert haben. Ich habe mich spontan wohl gefühlt, weil zu spüren war: Da gibt es eine gemeinsame „Wellenlänge“. Mich beeindruckt bei Almut die Ruhe und der Tiefgang mit Blick auf Beziehungs- und Familienkonstellationen. Auch durch ihre beruflichen Erfahrungen sieht sie oft Zusammenhänge, die ich gar nicht erkenne.

Was hat Ihre Freundschaft gegebenenfalls gefährdet?

A.W.: Von einer Gefährdung würde ich nicht sprechen, es gab jedoch durchaus kritische Zeiten. Zum einen bin ich ein eher langsamer, bedächtiger Mensch; Margot hingegen ist schnell, bisweilen sogar forsch; das passt manchmal nicht so gut zusammen: Margot plant und plant ... ich reduziere das Tempo ... Margot fährt den „Motor“ hoch ... und ich möchte bremsen, bremsen! Und damit komme ich zur nächsten Frage.

M.K.: Gut, dann bremse ich solange (lacht).

Lässt sich Freundschaft lernen?

A.W.: Freundschaft ist ein Prozess, in und an dem beide wachsen und reifen können. So beispielsweise im Hinblick auf die angesprochenen Unterschiedlichkeiten: weil wir das mittlerweile besser verstehen können und beide nicht „Mehr-des-Gleichen“ als guten Ausweg sehen. Solche Situationen bekommen nicht mehr so ein großes Gewicht; wir lassen sie stehen; lassen ein wenig Zeit vergehen, können auch erst einmal eine Weile „grummelig“ sein und schließlich darüber lächeln.

M.K.: Ja, ich denke, das ist auch erst bei einer so langjährigen Freundschaft möglich: einfach mal etwas stehen lassen und später noch einmal darüber reden. Am Ende habe ich bei unterschiedlichen Sichtweisen oder Einschätzungen immer etwas dazu gelernt.

Wie beweist bzw. bewährt sich Freundschaft?

A.W.: Vor allem durch gemeinsame Erfahrungen: Wir haben mit unseren Familien zahlreiche und ganz verschiedene Urlaube gemacht, uns regelmäßig sucht, auch wenn die Entfernungen größer wurden. Ich mag Margots Töchter sehr! Auch wir kennen uns über die vielen Jahre gut. Margot und ich haben uns in schwierigen Zeiten vertraut und begleitet: Margot hat Thomas (meinem Mann) und mir während der schweren Erkrankung und seinem Sterben und bei den damit verbundenen existentiellen Fragen zur Seite gestanden, ich Margot in ihren hoch belasteten Lebensphasen. Dann waren wir füreinander da, ohne darum bitten zu müssen. Das war und ist klar! Auf einer anderen Ebene war es auch gut und wichtig, dass wir uns ehrlich so manche kleine und große „Verzweiflungsgeschichte“ während der Jugendzeiten unserer Töchter erzählen konnten. So wussten wir, dass wir damit nicht alleine sind und es sowohl bei den „Käsis“ als auch bei den „Wiedis“ (Töchter-Sprache) knallende Türen, späte (oder gar keine) Heimkehr, „überraschende“ Freunde-Besuche, „Kotztüten“, hysterische Schreiattacken etc. gab. Insgesamt entsteht so Vertrauen!

M.K.: Die gemeinsamen Erlebnisse in ihren Höhen und Tiefen haben uns alle verbunden. Für meine Töchter war beispielsweise klar, dass Almut und ihre Töchter zu ihren Hochzeiten eingeladen werden. Das waren schöne gemeinsame Feiern.

Können Männer und Frauen befreundet sein?

A.W.: Ich finde Männer- und Frauenfreundschaften bereichernd; ich habe sie erlebt. Zugleich ist oft und schnell ein Hauch (oder eben nicht nur ein Hauch) Erotik dabei. Dann wird es kompliziert. Wenn sie in guten, nicht zerstörerischen Bahnen gehalten werden kann und eine bestehende Paarbeziehung nicht gefährdet, können diese Freundschaften eine gute Ergänzung sein. Aber das braucht gegenseitige Aufrichtigkeit und Sprache. Ob die jedoch immer richtig verstanden wird, ist die große Hürde; deshalb sind meines Erachtens solche Freundschaften schnell „einsturzgefährdet“.

M.K.: Mir scheint, Frauenfreundschaften gehen eher in die Tiefe, weil es um elementare, ja existentielle Themen geht – in den Gesprächen von Menstruation über Schwangerschaft (oder nicht!) bis zum Klimakterium sozusagen.

Wie ist es mit der Freundschaft unter Kolleginnen?

A.W.: Ich habe gute und wichtige Freundschaften in meinem Kollegenkreis. In meinem Beruf ist dabei Vertrauen eine bedeutsame Grundlage, weil die Arbeitsprozesse sehr viel mit der eigenen Persönlichkeit zu tun haben. Aber das ist anders als mit Margot. Margot ist für mich eine wissende Vertraute mit so vielen unerzählbaren – in Bildern und Sequenzen gespeicherten – gemeinsamen Erlebnissen, Hoffnungen, Lebensentwürfen und Begegnungen. Ich kannte ihre Mutter, wir haben alle Familienfeiern gemeinsam erlebt. Ich unterhalte mich gerne mit ihren Schwestern, ihren Nichten und Neffen; wir haben Taufen, Konfirmationen, Abendmahle; Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdienste, Geburtstage gemeinsam erlebt ... Das trägt!

M.K.: Ich denke, im beruflichen Umfeld können Freundschaften entstehen. Aber es kann schwierig für die Freundschaft werden, wenn es berufliche Konflikte geben sollte. Zur Freundschaft, da gebe ich Almut völlig Recht, gehört ja vor allem das gemeinsame Erleben im privaten Umfeld.

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