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Anzeige: Umfrage zur Fastenzeit

Nr. 3/2020März

Inhalt
1. Auflage 2020
Bestellnummer: Z470011
Erscheinungstermin PDF: 2020
Bestellnummer PDF: D100486

Liebe Leserin, lieber Leser,

unser Konsumverhalten hat sich deutlich verändert. Bummelten wir früher durch die Innenstadt und ließen uns hier oder da inspirieren – oder auch verführen –, ein Paar Schuhe oder einen Mantel zu kaufen, so sitzen wir heute vor dem PC und suchen, wo der Winterstiefel schwarz Größe 37 günstig zu bestellen ist. Ja, ich weiß, nicht alle tun das. Aber sehr, sehr viele. Ich gehöre auch dazu. Es geht um einen Zeit- und Bequemlichkeitsfaktor, denke ich. Wenn meine Enkeltochter sich ein Nachthemd mit Einhörnern als aufgedrucktem Motiv wünscht, müsste ich wohl länger durch die Innenstadt laufen und es könnte sein, dass ich keines finde. Das kann im Internet nicht passieren.

Die Folgen sind: Innenstädte veröden, Paketboten liefern Milliarden von Paketen aus. Viele von ihnen werden zurückgeschickt und ihr Inhalt anschließend vernichtet, weil Aufbügeln und Neuverpacken teurer ist als Wegwerfen. 2018 wurden in Deutschland 3,52 Milliarden Sendungen verschickt. Der Zuwachs bei Bestellungen aus dem Internet lag bei 6,1 Prozent. Für 2019 wird ebensoviel Zuwachs erwartet.

Nun sagen manche, das sei ja auch gar nicht so schlecht. Statt dass alle einzeln mit ihrem Auto in die Innenstadt fahren, die Parkhäuser füllen und herumlaufen, komme nun einer mit allen Paketen zu den Leuten nach Hause. Aber ich fürchte, so leicht dürfen wir es uns nicht machen. Der Onlinehandel hat uns zu einer Wegwerfgesellschaft werden lassen. Allein in Sachen Kleidung hat sich der Absatz seit dem Jahr 2000 verdoppelt. „Fast fashion“ nennt sich das. Dabei werden wertvolle Ressourcen zerstört, die Umwelt belastet – und in der Produktion Menschen brutal ausgebeutet. Nachhaltig ist diese Produktion wahrhaftig nicht. 60 Prozent aller Kleidung wird laut Studien innerhalb eines Jahres „entsorgt“. Dafür muss alles billig sein. „Geiz ist geil“, dieser Erfolgsslogan gilt immer noch. Dabei ist doch klar: Geiz ist keine angenehme Eigenschaft. Niemand sagt: „Was ich an dir besonders schätze, ist dein Geiz!“ Schon in der Bibel ist das klar: „Der Wandel sei ohne Geiz; und lasst euch genügen an dem, was da ist.“ (Hebr 13, 5) Ein kluger Satz, denke ich. Es geht um eine Ethik des Genug. Ich habe genug Schuhe, Kleidung, ich brauche nicht mehr.

So eine Haltung kommt schnell als Spaßbremse daher. Wie kann sie positiv vermittelt werden? Vielleicht, indem wir uns und anderen klarmachen, dass ein nachhaltiger Lebensstil eine eigene Qualität hat? Oder indem wir einmal thematisieren, wie viele Menschen sich durch übermäßigen Konsum verschulden? Die Zahl der überschuldeten Verbraucher in unserem Land wächst ebenso stetig wie der Onlinehandel. Es sind fast sieben Millionen Menschen, viele davon Jugendliche. Wie es scheint, müssen wir neu lernen, nur zu kaufen, was wir brauchen und uns auch leisten können.

Herzlich grüßt Ihre

Margot Käßmann

Über diese Ausgabe

Kontrovers

  • Plus S. 3

    Flugscham – eine neue Bewegung?

    „Flugscham“ wurde zuerst in Schweden als neues Wort erfunden und ist mittlerweile in etliche Sprachen übertragen worden. Bedeutet weniger zu fliegen ein Zurückdrängen des Weltbürgertums? Wer weiterhin fliegt und dabei für die entstandenen CO2-­Emmissionen eine Kompensation leistet, steht zudem im Verdacht, sich eines billigen Ablasshandels zu bedienen.

Alltags­heldinnen

  • Plus S. 4-5

    Eine Frau kriegt nicht genug: Herodias

    Die Geschichte aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 14) wird erzählt bis heute. Was für eine berechnende Frau ist diese Herodias! Erst verlässt sie den Ehemann für einen Reicheren, der für sie die eigene Frau verstößt. Dann stachelt sie die eigene Tochter an, dafür zu sorgen, dass ihr Kritiker Johannes der Täufer im wahrsten Sinne des Wortes mundtot gemacht wird.

Mitten im Leben

  • Plus S. 6-7

    Ein paar Fragen an die Welt des Mammon

    Die Welt der Finanzwirtschaft meint, ihre eigenen Gesetze zu haben. Wer einmal verschuldet ist, kommt nicht mehr raus aus der Mühle, es gibt keinen Neuanfang. Geld muss sich vermehren, koste es, was es wolle. Reiche sollten nicht teilen. Moralische Maßstäbe für Investitionen scheint es nicht zu geben.

Auf ein Wort

  • Plus S. 8-9

    Beschränken wir uns doch selbst!

    Klimawandel, Klimakatastrophe gar, Ressourcenver­knappung bei stetig steigender Weltbevölkerung – die Szenarien einer globalen Bedrohung gerade für die nachwachsenden Generationen lassen sich nicht mehr theoretisch wegdiskutieren. Zwei couragierte evangelische Frauen – Marlehn Thieme, einst Bänkerin, und Margot Käßmann, ehemalige Bischöfin – übernehmen Verantwortung.

Das schöne Wort

  • Plus S. 12

    Apfel

    Nora Gomringer aus: frei und unverzagt. Gebete der Hoffnung.

Zu Gast

  • Plus S. 13-14

    Eindrücke einer JapanreiseBlühend. Totenstill

    Zum Beispiel Yonomori, eine wunderschöne kleine Stadt, zehn Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima entfernt. Der Name bedeutet „Wald in der Nacht“. Zu sehen sind Alleen mit Kirschbäumen, die die Blüte gerade hinter sich hatten. Alles ist verlassen, abgesperrt, kein Ton ist zu hören außer dem Piepsen des Gei­gerzählers. Die Magnolien blühen. Autos mit platten Reifen rosten vor sich hin.

Autoren/-innen