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Anzeige: Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?

Nr. 10/2020Oktober

Inhalt
1. Auflage 2020
Bestellnummer: Z470018
Erscheinungstermin PDF: 2020
Bestellnummer PDF: D100554

Inzwischen bin ich 62 Jahre alt. Wenn ich auf mein Leben zurück­ blicke, bin ich vor allem dankbar. Was für ein Glück, nach 1945 als Frau in Westdeutschland geboren zu sein! Dafür habe ich nichts getan oder geleistet. Meine Großmutter war Jahrgang 1896. Sie heiratete mit 18 Jahren, der Mann musste bald danach in den Ersten Weltkrieg. Sie war allein mit Kind auf einem Gut in Hinterpommern, die Eltern weit weg in Schlesien. Als ihr Mann zurück­ kam, wurden drei weitere Kinder geboren. Es folgte die große Inflation, das Schulgeld für die Kinder war Monat für Monat eine Heraus­forderung, davon hat sie oft erzählt. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Sie hat Hinterpommern nicht rechtzeitig verlassen, ihr Mann wurde von der Sowjetarmee verschleppt, starb auf dem Transport, was sie erst Jahre später erfuhr. 1946 machte sie sich mit einer Tochter und drei kleinen Enkelkindern auf nach Hessen, wo sie eine Schwester wusste. Es folg­ten schwere Jahre, kein Geld, keine Wohnung, angewiesen auf das Wohlwollen anderer. Und trotz alle­ dem habe ich meine Großmutter als dankbar erlebt. Aus dieser Erfahrung heraus denke ich, Dankbarkeit ist eine Frage der Lebenshaltung. Wenn ich auf das berühmte Glas schaue: Sehe ich es als halbleer oder halbvoll an? Meine Mutter, die ja auch ihre Heimat verloren hatte, die die Bombenangriffe in Berlin er­ leben musste, zwei Jahre im Internierungslager in Dänemark verbracht hatte und danach mühsam einen neuen Anfang in Hessen suchte, konnte es kaum ertragen, wenn eine von uns Töchtern mein­te, es schwer zu haben. Wir fanden das manchmal ungerecht. Ich jedenfalls wollte nicht ständig mit „damals“ in eins gesetzt werden. Andere Zeiten, an­dere Probleme. Je älter ich werde, desto mehr kann ich nachvollziehen, was meine Mutter bewegte. Vielleicht ist das ja auch Altersmilde oder Alters­weisheit.

Auf jeden Fall: Ich bin dankbar! Für mein Leben, für die Erfahrungen, die ich machen durfte, für das Privileg, als Frau studieren zu können, einen Beruf zu ergreifen, Kinder und Enkel zu haben.

Und wenn ich „nach 1945 in Westdeutschland“ schreibe, meine ich auch: Ich weiß nicht, wie ich mich in der Zeit des Nationalsozialismus oder in der DDR verhalten hätte. Wäre ich mutig gewesen als Christin? Hätte ich mich angepasst oder Wider­ stand geleistet? Wäre ich vielleicht ein überzeugtes Mitglied des BDM oder später eine vehemente Ver­teidigerin des real existierenden Sozialismus gewe­sen? Da bin ich sehr zurückhaltend oder auch de­mütig. Wer weiß, wie es gewesen wäre...

Mich begleitet dabei ein Bibelvers: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ (1. Thessalonicher 5, 16–18) Das beschreibt eine Lebenshaltung als Christin, die für mich stimmig ist.

Über diese Ausgabe

Für die Seele sorgen

  • Plus S. 3-4

    Bitterkeit ist keine Endhaltestelle

    Niemand ist vor Unglück gefeit. Die eine wird verlassen, der andere verliert seinen Job, die dritte bekommt eine Krebsdiagnose, der vierte Probleme mit den Kindern. Und manchmal kommt es so gehäuft und erinnert an früher erlittenes Unrecht, dass graue Bitterkeit das Lebensgefühl bestimmt statt ein verheißungsvoller Blick in eine bunte Zukunft. Gerade dann gilt es, auf das zu schauen, was gut ist und Freude macht.

Kontrovers

  • Plus S. 5

    Missbrauchte Freiheit

    So manche 1989-Demonstrantin reibt sich die Augen, wenn sie auf den sogenannten Hygiene-Demonstrationen die Schilder mit der Aufschrift „Wir sind das Volk“ sieht. Damals gingen die Menschen für die demokratischen Freiheitsrechte eines ganzen Volkes auf die Straße – und riskierten viel. Heute pochen Menschen auf ihr Recht, zu einem Virus eine abweichende Meinung zu haben – und gefährden damit andere. Hier wird Freiheit gründlich missverstanden.

Alltags­heldinnen

  • Plus S. 13-14

    Hanna wäre so gerne Mutter

    Es ist nicht die einzige Geschichte über Kinderlosigkeit und ihre Folgen in der Bibel. Und oft gibt es eine zweite Frau, die dem Mann dann den Nachwuchs gebärt. Bei Hanna, der Mutter Samuels, zeigt sich allerdings eine erstaunliche Variante: Sie übergibt den sehnlichst erhofften, so spät bekommenen Sohn in großer Dankbarkeit dem Tempel, in den Dienst Gottes.

Mitten im Leben

Auf ein Wort

  • Plus S. 6-7

    Dankbarkeit ist kein frömmelndes Säuseln

    Nikolaus Schneider (73) und Margot Käßmann verbindet viel: Sie machten eine erstaunliche Karriere in der Kirche, obwohl sie beide nicht aus Akademikerfamilien stammen. Beide mussten mit Schicksalsschlägen wie schweren Erkrankungen umgehen. Doch die Dankbarkeit im Rückblick auf ihr Leben überwiegt – auch wenn sie nicht ergebenes Hinnehmen von Leid und Ungerechtigkeit bedeutet.

Kompakt

Das schöne Wort

Autoren/-innen