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Der neue Podcast von Margot Käßmann

Nr. 4/2019Juli

Inhalt
1. Auflage 2019
Bestellnummer: Z470003

Die Schweizerin Marga Bührig hat 1987 ihre Biografie unter dem Titel „Spät habe ich gelernt, gerne Frau zu sein“ veröffentlicht. Mich hat ihr Buch damals sehr berührt. Ich kannte Marga als Präsidentin des Ökumenischen Rates der Kirchen, eine anerkannte Frau, die wusste, was sie wollte. Ihren subtilen Humor mochte ich besonders. Beim Lesen ihrer Lebensgeschichte wurde mir bewusst: Eine Generation vor mir waren Frauen von so viel mehr Einschränkungen geprägt als ich in meinem Leben! Mit dem Geburtsjahr 1915 war es für Frauen wesentlich schwerer, einen selbstbestimmten Lebensweg zu gehen als mit dem Geburtsjahr 1958. Frausein war für mich keine Last, neidisch auf Jungen war ich nie, sondern ich war froh, ein Mädchen, später eine Frau zu sein. Meine Generation von Frauen hat in Deutschland mehr Freiheit erlebt als jede andere zuvor. Wer einmal die Filme Ku’damm 56 und Ku’damm 59 gesehen hat, versteht, wie eng die Rollenbilder in Westdeutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Ehemänner konnten ihren Frauen verbieten, berufstätig zu sein oder auch nur den Führerschein zu machen. Rock’n Roll-Musik galt als inakzeptabel.

Und: Uneheliche Schwangerschaft galt als Schande für die Familie. So lange ist das gar nicht her, wir sollten nicht so leicht auf zugewanderte Familien zeigen, das gab es damals auch mitten in der traditionellen deutschen Gesellschaft. Meine Generation konnte Abitur machen, ganz gleich, aus welcher sozialen Herkunft sie stammte. Wir konnten studieren. Berufstätigkeit und Muttersein haben sich nicht mehr ausgeschlossen, auch wenn die Vereinbarkeit schwieriger war als in der DDR und zudem im Westen weniger gern gesehen wurde als dort. Als Theologin konnte ich Pfarrerin, Bischöfin, ja sogar als geschiedene Frau Ratsvorsitzende werden. Da hat sich enorm viel entwickelt. Eine lesbische Frau wie Marga Bührig kann heute ihre Liebe frei leben.

Natürlich ist noch nicht alles so, wie es wünschenswert wäre. Frauen verdienen weiterhin weniger als Männer. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt eine Herausforderung. Die #metoo-Debatte hat gezeigt, dass Sexismus vielerorts an der Tagesordnung ist. Und die neuen populistischen Parteien malen wieder Bilder von der biederen Hausfrau und Mutter als Idealbild eines Frauenlebens. Dann sind da die ganz neuen Fragen: Wie steht es um die Freiheit der zugewanderten Frauen? Bedeutet ein Kopftuch Unterdrückung? Können wir Frauen in arabischen Ländern unterstützen, die keine Freiheit erleben dürfen? Was ist mit der Armut von Frauen in den Ländern des Südens? Wie können der Zugang zu Verhütungsmitteln und sexuelle Selbstbestimmung Realität für alle werden?

Die so genannte Frauenfrage ist noch längst nicht erledigt. Viele Bilder haben sich verändert, und das ist gut so. Hätte mein Vater niemals ein Kind gewickelt, so hat das der Vater meiner Kinder selbstverständlich getan und meine Schwiegersöhne zeigen sich entschlossen, auf Augenhöhe Eltern zu sein, beispielsweise die Eingewöhnung in die Kita zu übernehmen. Gleichberechtigung ist nicht Gleichmacherei. Es geht um die freie Entfaltung der je eigenen Gaben. Nach meiner Überzeugung ist das biblisch angelegt, wenn es dort heißt: Gott schuf den Menschen zum eigenen Bilde, zum Bilde Gottes schuf er sie.

Über diese Ausgabe

Kontrovers

  • Plus S. 3

    Burkini, Bikini, Badeanzug: alles erlaubt?

    Seit auch in manchen deutschen Schwimmbädern das Tragen von Burkinis verboten wird, gibt es eine erneute Debatte über weibliche Kleiderordnung in der Öffentlichkeit. Was für eine Freiheit, wenn Frauen endlich schwimmen dürfen!

Alltags­heldinnen

  • Plus S. 4-5

    Sitzengelassen: Hagar

    Was heißt es, die Geliebte eines verheirateten Mannes zu sein? Du wartest, er ist bei seiner Familie. Heimlich darfst du einmal mit auf eine Dienstreise. Vielleicht kommt er am zweiten Weihnachtsfeiertag kurz vorbei. Er schickt dir eine SMS von der Geburtstagsfeier seiner Tochter. Und wenn das Geheimnis „becomes too hot to handle“, so Bonnie Tyler in ihrem Lied „Married Men“, wenn es also zu schwierig wird mit dem Doppelleben, dann geht der Mann nach Hause zu seiner Ehefrau und die Geliebte bleibt zurück, voller Schmerz über das Verlassensein.

Mitten im Leben

  • Plus S. 6-7

    "Hast du Gott gesehen?" - "Ja, sie ist schwarz!"

    Religion wird in der Öffentlichkeit durch Männer repräsentiert, während an der Basis es die Frauen sind, die sie gestalten. Frauen waren die ersten, denen Jesus einen Verkündigungsauftrag gab, aber schon der Apostel Paulus wollte sie zum Schweigen bringen.

Auf ein Wort

  • Plus S. 8-9

    Ein Gespräch mit Alice Schwarzer Es muss über Sexualität gesprochen werden

    Dass die Emanzipation in der westlichen Welt in den letzten Jahrzehnten deutlich vorangekommen ist, darüber sind sich die Publizistin Alice Schwarzer (76) und die Pfarrerin Margot Käßmann (61) einig. Ein Gespräch darüber, welche Hürden Frauen weiterhin behindern.

Kompakt

  • Plus S. 11

    Kurz erklärt: Trinität, Dreifaltigkeit, Dreieinigkeit

    Es ist ein Gott, aber wir können ihn auf verschiedene Weise erfahren. Der erste Sonntag nach Pfingsten heißt in der Westkirche Trinitatis (von lateinisch trinitas = Trinität, Dreieinigkeit). In den orthodoxen Kirchen ist das Pfingstfest auch das Fest der Dreifaltigkeit. In der evangelischen Kirche werden die Sonntage von Trinitatis bis zum Ende des Kirchenjahrs als Sonntage „nach Trinitatis“ gezählt, während sie in der katholischen Kirche als Sonntage im Jahreskreis bezeichnet werden, zu denen neben der Zeit nach dem Dreifaltigkeitsfest auch die Sonntage zwischen dem Weihnachtsund dem Osterfestkreis gehören.

Zu Gast

  • Plus S. 13-14

    Musterland China

    Bei einem Vortrag in Hongkong 2015 vertraute eine Zuhörerin Margot Käßmann an, sie habe ständig unter dem Druck gelitten, eine gute Tochter, eine gute Schülerin, eine gute Bürgerin zu sein, dass sie fast am Leben verzweifelte. Das große Land mit der rasanten Entwicklung hat viele Gesichter. Eindrücke aus vier Jahrzehnten.

Autoren/-innen