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Anzeige: Umfrage zu Advent und Weihnachten

Nr. 9/2019Dezember

Inhalt
1. Auflage 2019
Bestellnummer: Z470008
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100426

In den elf Jahren, in denen ich Landesbischöfin in Hannover war, habe ich jeden Heiligabend zwei Gottesdienste gehalten. Die Marktkirche war meist übervoll, Menschen saßen auch auf den Stufen zum Altar. Dort war mein Stuhl, neben mir hockte einmal ein vielleicht zehnjähriger Junge. Als die Kirchenvorsteherin zu lesen begann: „Es begab sich aber zu der Zeit, als ein Gebot von Kaiser Augustus ausging...“, stöhnte er auf: „Oh Mann, die Story kenn ich schon!“ Ich habe ihm zugeflüstert: „Das ist schön. Und du wirst sie jedes Jahr wieder  hören, wenn du Heiligabend in den Gottesdienst kommst. Vielleicht mit deiner Frau, eines Tages mit deinen Kindern oder sogar wenn du selbst schon Großvater bist.“

Ich habe die Szene nie vergessen, weil mir selbst auf einmal klar wurde: Diese Texte unseres Glaubens, die Rituale, die Feste, sie verbinden uns mit anderen Menschen, die vor uns gelebt haben, mit uns leben und nach uns leben werden. Und sie sind wie ein roter Faden durch unsere Biografie. Manchmal vergehen Jahre schnell, „als flögen wir davon“, wie es in Psalm 90 heißt. Aber so ein besonderes Fest ist wie eine Zäsur, ein Haltepunkt. Wir erinnern uns an die Weihnachten unserer Kindheit, die ersten mit Kindern. Manche erinnern sich an den ersten Heiligabend mit der großen Liebe oder auch den ersten allein nach einer Scheidung, nach dem Tod des Partners, der Partnerin. In all diesen biografischen Umbrüchen aber beheimatet uns die Tradition.

Nach einem solchen Gottesdienst schrieb mir ein Mann, er habe gezögert, in die Kirche zu kommen. Er sei nach der Scheidung das erste Mal ganz allein gewesen am Heiligen Abend und dachte, er würde sich einsam vorkommen zwischen lauter glücklichen Familien. Aber dann sei er fast zu Tränen gerührt gewesen, weil er so dankbar fühlen konnte, willkommen zu sein und dazuzugehören. Das hat mich bewegt und gefreut!

Die Heiligabend-Gottesdienste sind für Predigende eine besondere Herausforderung. Menschen kommen in so unterschiedlichen Lebenssituationen und mit so großen Erwartungen. Da sind in der Tat glückliche Familien, aber auch zerstrittene. Jugendliche haben das Gefühl, sie „mussten“ mitkommen. Ältere denken zurück. In so einer Situation die richtigen Worte zu finden, ist nicht leicht. Mir lag immer daran, der anwesenden Gemeinde zu sagen: Auch in der sogenannten „Heiligen Familie“ war nicht alles immer einfach und harmonisch. Wir dürfen uns freuen am Glück. Aber wir finden genauso Halt in den schweren Zeiten. Der Evangelist Lukas hat eine wunderbare Geschichte erzählt, die sich in die Herzen von Menschen in allen Jahrhunderten und rund um die Welt geschrieben hat. Ich freue mich darauf, sie auch dieses Jahr wieder zu hören.

Über diese Ausgabe

Kontrovers

  • Plus S. 3

    Schenken ist Beziehung

    Der Advent, das Warten auf Weihnachten, gerät für viele Menschen zur besonders stressigen Zeit im Jahr. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, in den Warenhäusern häufen sich die Glücksversprechen. Manche sprechen gar von Konsumterror. Aber gar nichts mehr schenken? Ein Plädoyer für das Geschenk als Würdigung des Anderen.

Alltags­heldinnen

  • Plus S. 4-5

    Wahrer Gott und wahrer MenschDer große Bruder

    Dass Jesus Geschwister hatte, ist mehrfach in der Bibel beschrieben. Dennoch wurde in der Geschichte des Christentums sein besonderes Gottesverhältnis auch durch die ewige Jungfernschaft seiner Mutter Maria gekennzeichnet. Wie mag dieses herausragende Kind und der bewegte junge Mann auf seine Geschwister gewirkt haben?

Mitten im Leben

  • Plus S. 6-7

    Einsam oder allein?

    Gegen die schmerzende Erfahrung von Isolation gibt es vorbeugende Maßnahmen – mit guten Nebenwirkungen! Mut, Vertrauen, Zeit und Geduld sind der Einsatz.

Auf ein Wort

  • Plus S. 8-9

    Wir setzen auf die friedensstiftende Kraft der Religionen

    Das Gemeinsame wollen sie betonen, ohne die Unterschiede zu nivellieren: das Bemühen um den Zusammenhalt in der Gesellschaft, die Stärkung der Demokratie, Respekt und aktive Toleranz des anderen Glaubens. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Aiman Mazyek und Margot Käßmann, die vor kurzem als Vertreterin Deutschlands in den „World Council“ von „Religions for Peace“ gewählt worden ist, im Gespräch.

Kompakt

Das schöne Wort

Zu Gast

  • Plus S. 13-14

    Ein wunderschönes Land wurde abgewirtschaftet: Simbabwe

    Drei Wochen in der Adventszeit war Margot Käßmann 1998 in der „Kornkammer“ von Afrikas Süden. Persönliche Erinnerungen an ein Land, das nach der Befreiung aus der Kolonialherrschaft in die Hände eines Autokraten fiel. Die Spuren der Geschichte reichen aber viel weiter zurück – und sind nicht immer ruhmreich.

Autoren/-innen