Margot Käßmann & Walter HomolkaJesus war ein bedeutender Jude

Der liberale Rabbiner Walter Homolka (55), Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam und Uni­versitätsprofessor für Jüdische Religionsphilosophie, und die christliche Theologin Margot Käßmann (61) scheuen die Differenzen nicht. Ohne die unablässige Auseinandersetzung mit der Sichtweise des und der Anderen gibt es kein friedliches Zusammenleben in der globalisierten Welt.

Jesus war ein bedeutender Jude
Margot Käßmann und Walter Homolka bei einer Buchpräsentation in Wittenberg.© Tobias Barniske

Mitten im Leben: Welche Bedeutung hat Jesus für Sie?

Walter Homolka: Jesus hat ein jüdisches Leben geführt, als Jude gebetet, geglaubt und gehofft. Er hat keine Kirche gegründet, kein Weihnachten oder Ostern gefeiert, hat keine Sakramente empfangen wie die Taufe oder Eucharistie, war selbst also kein Christ. Die jüdischen Erforscher der Person Jesu seit Rabbiner Jakob von Emden im 18. Jahrhundert haben also Recht: Jesus war Jude. War er Pharisäer und Schriftgelehrter? Vielleicht. War er bedeutend? Ohne Zweifel. War er der Messias oder gar der Sohn Gottes? Aus jüdischem Verständnis nein.

Margot Käßmann: Genau das finde ich interessant. Für mich als Christin ist Jesus Gottes Sohn insofern, als er uns klar gemacht hat, wer Gott ist, wie Gott die Menschen liebt. Aber er war Jude, das würde ich auch niemals bezweifeln. Allerdings denke ich, er war getauft durch Johannes.

Braucht es religiöse Bildung?

W.H.: Als Vorsitzender des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks (ELES) kann ich sagen: Bildung spielt in jüdischen Familien eine herausragende Rolle, säkulare wie religiöse Bildung. Rabbiner

Abraham Geiger hat sogar formuliert: „Durch Wissen zum Glauben“. Deshalb bietet die Zentralwohlfahrtsstelle des Zentralrats der Juden in Deutschland auch umfangreiche Bildungsprogramme für Heranwachsende an, die ELES als Begabtenförderwerk und andere Organisationen dann für junge Studierende weiterführen.

MK: Da stimmen wir völlig überein. Ich bin Lutheranerin. Martin Luther lag an gebildetem Glauben. Deshalb hat er die Bibel in die deutsche Sprache so übersetzt, dass normale Menschen nachlesen und verstehen können, was da steht. Er hat von den Fürsten Schulen für alle Kinder gefordert, ganz gleich welcher sozialen Herkunft, egal ob Junge oder Mädchen.

Wie steht es um den christlichen Antijudaismus?

W.H.: Die christliche Demütigung der Schwesterreligion stand ganz am Anfang des Antijudaismus. Folge des christlichen Siegeszugs als Weltreligion war eine Herabwürdigung der Religion Jesu und eine Verhöhnung der jüdischen Treue zum Bund Gottes, so wie Juden ihn offenbart bekommen haben. Daran hat die Reformation nichts geändert und auch nicht die Aufklärung. Erst nach der Shoa kam es zu einem grundlegenden Umdenken in Europa und Nordamerika. Der Rheinische Synodalbeschluss oder die katholische Konzilserklärung „Nostra Aetate“ erklären sich aus diesem Umschwung. Heute stehen beide Kirchen fest an der Seite des Judentums. Aber Judenmission und christliches Überlegenheitsdenken sind nicht aus der Welt. Jüngste Äußerungen Benedikts XVI. erinnern daran, wieviel noch zu tun ist. 

M.K.: Ich denke auch, dass erst die Shoa, das Erschrecken über die Mitschuld an millionenfachem Mord die Kirchen zu einem grundlegenden Umdenken geführt haben. Aber das auch nicht sofort 1945. Es war ein Prozess des Begreifens. Wie aktuell die Frage ist, habe ich bei den Diskussionen über den Antijudaismus Martin Luthers anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 erlebt.

Worauf führen Sie den erstarkenden Antisemitismus zurück?
W.H.: Der Antisemitismusbericht an den Deutschen Bundestag von 2017 zeigt: 20 % der Bevölkerung sind latent anti-semitisch eingestellt, seit vielen Jahren. Heute wird jedoch kein Blatt mehr vor den Mund genommen. Die Kirchen haben 

da große Schuld auf sich geladen. Aber heute begegnen wir Antisemitismus oft auch im Gewand fundamentaler Israelkritik. Wir müssen begreifen, dass anti-semitische Ausfälle von Islamisten, Linken und Rechtsradikalen ein Angriff auf unsere liberale Demokratie sind und eine klare Reaktion erfordern.

M.K.: Wahrscheinlich stimmt es, dass der Antisemitismus latent immer noch vorhanden war, auch wenn ich die Illusion hatte, er sei überwunden. Es ist zu einfach, zu sagen, er wird jetzt durch Muslime importiert. Mit Walter Homolka denke ich, es geht um das hohe Gut der Religionsfreiheit insgesamt – dabei auch die Freiheit, ohne Glauben zu leben. Deshalb müssten Humanisten unsere Position ebenfalls stützen.

Wer darf wie israelische Regierungspolitik kritisieren?

W.H.: Israelische Regierungen müssen sich Kritik anhören, wie alle Regierungen der Welt. Aber das Existenzrecht Israels steht nicht zur Debatte. Das hat die Bundeskanzlerin Angela Merkel deutlich gesagt: Es gehört in Deutschland zur Staatsräson. Wir alle können uns dafür einsetzen, dass die einzige Demokratie des Nahen Ostens unsere Maßstäbe spiegelt. Christen wie Juden auf der ganzen Welt tragen dazu bei, wenn sie Projekte in Israel unterstützen, die Brücken bauen, Gegensätze mildern, religiösen Pluralismus fördern.

M.K.: Offen gestanden bleibe ich als Deutsche zurückhaltend. Natürlich kann ich unterscheiden zwischen der Regierung eines Landes, die zu kritisieren ist, und dem für mich unhinterfragbaren Existenzrecht des Landes Israel sowie der sehr schwierigen Lage der Palästinenser. Aber mich erschreckt, wie vehement Menschen, die dort gar nicht leben, sich mit der einen oder anderen Position identifizieren.

Walter Homolka, Oberstleutnant der Reserve, Margot Käßmann, Pazifistin - gibt es in der Friedensfrage eine größere Differenz zwischen Ihnen beiden?

W.H.: Ich war gebannt am Fernsehschirm, als die damalige EKD-Ratsvorsitzende 2010 in Dresdens Frauenkirche prophetisch predigte. „Nichts ist gut in Afghanistan“ hat sie dem Ausspruch des Verteidigungsministers Peter Struck entgegengesetzt, der meinte, es gelte die Demokratie am Hindukusch zu verteidigen. Margot Käßmann konfrontiert uns mit einem Ideal, das für Juden wie Christen zentral ist. Ich glaube, Demokratie muss wehrhaft sein. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass auch Jüdinnen und Juden diesen Auftrag überzeugt in den deutschen Streitkräften wahrnehmen. Auch als Zeichen, dass wir dazugehören und Verantwortung wahrnehmen. Heute sind wir sensibel dafür, dass unsere Demokratie vor allem hier in Deutschland verteidigt werden muss: gegen rechtsradikale Ideen, gegen Antisemitismus, gegen Ausländerhass.

M.K.: Wer Pazifistin ist, ist doch nicht Gegnerin von Soldatinnen und Soldaten. Mich ärgert, dass du dich mit einer pazifistischen Position immerzu rechtfertigen sollst. Ich selbst respektiere, wenn jemand für eine demokratisch strukturierte Armee argumentiert. Aber den Respekt erwarte ich der anderen Position gegenüber auch. Schuldig werden kann der Mensch mit der Befürwortung ebenso wie mit der Ablehnung von militärischen Mitteln. Mit Walter Homolka kann ich auf sehr angenehme Weise über solche Fragen reden oder auch streiten – und bin hinterher stets klüger als vorher...

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