Der Kapitalismus wird die Erde kaputt machen

Die Perspektive auf die Zukunft ist nicht nur individuell sehr verschieden. Auch welcher Generation ein Mensch angehört, prägt die Sicht auf das, was kommt. Margot Käßmann im Gespräch mit einem jungen Unternehmer über Risiken und Chancen, über Ängste und Hoffnungen.

Der Kapitalismus wird die Erde kaputt machen
Hans Storck ist 28 Jahre alt und arbeitet als Musikmanager mit deutschen HipHop-Künstlern zusammen. Er hat an der Universität der Künste in Berlin Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert und nebenbei sein eigenes Musiklabel aufgebaut. Aufgewachsen ist er in einem Pfarrhaus in Berlin-Kreuzberg.© Hans Storck

Mitten im Leben: Welche Pläne haben Sie persönlich für 2020?

Hans Storck: Ich bin beruflich ziemlich zufrieden und motiviert, deshalb gibt es hier keine größeren Veränderungen, die ich anstrebe. Ich habe aber schon länger die Idee, mich politisch mehr einzubringen. Ich suche hier aktuell noch den richtigen Anlaufpunkt. Erste Überlegungen gibt es. 2020 will ich das konkret angehen.

Margot Käßmann: Auch ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Für dieses Jahr liegen schon mehrere Termine mit Predigten, Lesungen und Vorträgen fest. Aber ich bin fest entschlossen, noch weniger Verpflichtungen einzugehen, weil ich mehr Zeit für meine Enkelkinder und auch mich selbst haben möchte.

Wie stellen Sie sich Ihr Leben in 20 Jahren vor?

H.S.: In 20 Jahren werde ich, so Gott es will, zwei bis drei Kinder haben, im Idealfall auch in einer romantischen und funktionierenden Beziehung. Auch wenn ich keine Angst davor habe, einfach Vater zu sein und ein freundschaftliches Verhältnis zu der Mutter zu führen. Das ist eine relativ schöne und unspektakuläre Vorstellung. Ich glaube, dass sich auf gesellschaftlicher Ebene in 20 Jahren viel geändert haben muss, damit es nicht zu größeren sozialen Unruhen kommt.

M.K.: Oh, ich kann mir vorstellen, dass ich da nicht mehr leben werde. Sollte ich mit 81 aber noch da sein, wäre ich sehr dankbar, geistig und körperlich noch einigermaßen fit zu sein.

 Was empfinden Sie als die größte Herausforderung für Ihre Generation?

H.S.: Definitiv die Klimakrise und die damit verbundenen sozialen Folgen. Die Herausforderung unserer Generation wird es sein, ein Gesellschaftssystem zu erschaffen, dass weder Kapitalismus noch Sozialismus ist, sondern eines, das auf der einen Seite Freiheiten ermöglicht und auf der anderen Seite nicht über einen Wachstumsgedanken funktioniert. Der Kapitalismus wird die Erde kaputt machen, egal wie viel „grüne Kosmetik“ wir betreiben. Wir sollten weniger produzieren, konsumieren und – das Schöne ist – dadurch auch weniger den Arbeiten nachgehen, die uns keinen Spaß machen.

M.K.: Meine Generation tritt ja nun nach und nach beruflich in den Ruhestand. Ich denke, wir sollten, wenn wir die Kraft haben, uns in der Zivilgesellschaft engagieren. Es werden überall Ehrenamtliche benötigt, in den Kirchen, bei der Feuerwehr, für die Begleitung von Flüchtlingen. Die Jungen in der Rushhour des Lebens haben dafür wenig Luft.

Was empfinden Sie als Chance?

H.S.: Die Antwort auf die Frage davor sagt hierzu schon viel. Ich glaube, dass die bevorstehenden Krisen uns dazu zwingen werden, die Chance wahrzunehmen, ein gesünderes Gesellschaftssystem zu finden, in Bezug auf Umwelt, soziale Verhältnisse, Freizeit und persönliches Glück. Das auszuhandeln und demokratisch zu beschließen, ist wiederum eine große Herausforderung.

M.K.: Eine Chance ist, mit der im Alter neu gewonnenen Gelassenheit mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen – allerdings nur, wenn es gewünscht wird. Für die Jüngeren sind Ältere, die vermeintlich alles besser wissen, schlicht nervig.

Nennen Sie drei Eigenschaften, die Menschen haben bzw. entwickeln sollten!

H.S.: Zum einen die Antwort auf die Frage: Wie nutze ich meine Freizeit, abseits von Konsum, Reisen und Entertainment? Das habe ich bisher wenig lernen können, halte es aber für eine enorm wichtige Eigenschaft. Dann darf die Fähigkeit zur Langeweile nicht fehlen. Meine Mutter hat zu mir gesagt, dass Langeweile Entspannung sein kann und Kreativität fördert. Das stimmt, meistens. Und drittens: Es klingt so pathetisch, aber ich glaube, dass Demut eine der wichtigsten und gesündesten Eigenschaften ist, die der Mensch haben kann.

M.K.: Empathie, die Fähigkeit, mit anderen zu fühlen. Interesse, Neues zu lernen, zu sehen, zu verstehen, weil Veränderung aktiv hält. Und schließlich Humor, denn ohne eine gewisse Lebensheiterkeit ist vieles schwer zu ertragen.

Wovor haben Sie Angst?

H.S.: Wirkliche Angst verspüre ich nicht. Es gibt eine Sorge über die gesellschaftlichen Krisen, in denen wir stecken, aber das ist eher ein rationaler Prozess und keine akute Angst. Vielleicht ändert sich das, sobald man selbst Kinder hat.

M.K.: Ich habe Angst, dass der Hass und die Hetze das friedliche Miteinander in unserem Land und in unserer Welt zerstören. Da wird Misstrauen gesät und eben auch Angst. Wenn Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft bedroht werden, müssen wir dagegen aufstehen, weil genau so im vorigen Jahrhundert die Katastrophe des nationalsozialistischen Terrors ihren Lauf nahm.

Worauf hoffen Sie in Ihrem Leben?

H.S.: Ich bin zufrieden und deshalb auch sehr dankbar für das Leben, das ich führe. Ich wünsche mir diese Zufriedenheit auch für andere Menschen, insbesondere natürlich für die Menschen um mich herum.

M.K.: Es ist schön, dass Du, Hans, das als so junger Mensch sagen kannst. Für mich gilt das ebenso. Wie schon der Apostel Paulus sagte: Es bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei...

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