• Provozierender Blick auf das Klosterleben
  • Die neue Stimme aus dem Ordensbereich
  • Verlag Herder
  • 1. Auflage 2018
  • Gebunden mit Schutzumschlag
  • 208 Seiten
  • ISBN: 978-3-451-37987-1
  • Bestellnummer: P379875

Mönch sein heißt radikal sein

Thomas Quartier ist seit seiner Jugend fasziniert von Klosterleben, Revolution und Bob Dylan. In seinem Buch beschreibt er, wie das nicht nur vereinbar ist, sondern warum es nicht ohne geht, zumindest nicht für ihn. Das Klosterleben ist für Quartier eine Provokation, die jeden innerhalb und außerhalb der Klostermauern wachrütteln kann. Diese Provokation erlebbar machen, das will Quartier in diesem Buch, denn: „Wer bereit ist, sich von diesem Leben inspirieren zu lassen, ist auch selber permanent im Aufbruch. Er wird zum Grenzgänger.“ Für Quartier ist das Leben als Mönch deshalb vor allem eines: radikal. Und seine Radikalität soll ansteckend sein, auch für Menschen, die nicht im Kloster leben. Sein Appell: Lasst uns Grenzjäger sein!

Das Klosterleben gehört eindeutig nicht mehr zu den gesellschaftlich anerkannten Wegen, seinem Leben Sinn zu verleihen. Es stellt eigentlich keine realistische Lebensperspektive mehr dar. Menschen haben von der Tradition gehört, wissen, dass es Mönche und Nonnen gab. Aber heute kann doch kein normaler Mensch mehr auf die Idee kommen, diese Lebensform zu wählen, so mysteriös sie auch sein mag.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Quartier ins Kloster eingetreten ist. Heutzutage ist eine solche Lebensentscheidung für jeden ein sehr persönlicher Prozess. Er selbst hat ein Leben im Kloster bis kurz vor seinem Eintritt nie als realistische Möglichkeit in Betracht gezogen. Noch heute erschreckt er sich manchmal morgens, wenn er in seiner Klosterzelle aufwacht. Aber seit dem Tag seines Eintritts hat er keine Stunde als sinnlos erfahren. Es lohnt sich, das Ganz-Andere zu tun, sich verstören zu lassen. Nur so lassen sich Bereiche des Lebens erreichen, von denen man gar nicht wusste, dass es sie gibt.

Was heißt „radikal leben“? Bedeutet es, ausgeflippt oder fanatisch zu sein? In der Alltagssprache denken viele an diese Bedeutungen. Radikalität fasziniert »junge Rebellen« und schreckt Menschen in einer gesetzteren Lebensform ab. Im eigentlichen Sinne geht es weder um Extravaganz noch um Extreme. Es geht vielmehr darum, sein Leben von der Wurzel her konsequent zu gestalten. Sicher gibt es scheinbar radikale Menschen, die aber ganz anders sind, als es ihr radikales Engagement vermuten lässt. Mönche sind nicht so. Ihr ganzes Leben entsprießt derselben Wurzel, nämlich radikal dem Ruf Gottes ins Kloster zu folgen. Ausnahmen gibt es im Idealfall nicht, auch keine Freizeit im eigentlichen Sinne. Mönch sein heißt radikal sein, und zwar radikaler als die »Radikalinskis«, die gerade in unserer bewegten Zeit immer wieder für Schlagzeilen sorgen.

-- Heilige Wut und spirituelle Revolution --

Ein Gespräch zwischen Thomas Quartier und Konstantin Wecker

Die Zurückgezogenheit eines Klosters und ein Leben auf der Bühne scheinen sich auf den ersten Blick zu widersprechen. Thomas Quartier (45), Benediktinermönch und Theologe, und Konstantin Wecker (70), Sänger und Dichter, treffen sich dennoch regelmäßig: bei Konzerten des gefeierten Liedermachers oder in der Abtei des schreibenden Klosterbruders. Beide verbindet die Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach gesellschaftlicher und spiritueller Veränderung. Quartier beschreibt in seinem Buch Heilige Wut, wie das Kloster ihn zu einem radikalen Leben bringt. Wecker ist seit Jahrzehnten einer der Protagonisten der kulturellen Revolte in Deutschland. Ein Gespräch zwischen Wecker und Bruder Thomas über Wut und Zärtlichkeit, das Wort Gott, Poesie und Widerstand.

Was bedeutet heilige Wut für Sie?

Konstantin Wecker: Meine Form der Heiligen Wut verbinde ich im Titel eines meiner Lieder mit Zärtlichkeit. Die Wut ist etwas, das uns lebendig hält und das wir als Menschen in uns haben. Dieses Gefühl dürfen wir nicht von uns wegschieben und so tun als wäre es nicht da. Dann bricht es nämlich ganz gefährlich irgendwann mal aus. Ich weiß nicht, ob man irgendwann mal so heilig sein kann, dass man keine Wut mehr im Bauch hat und alles voller milder Liebe betrachtet, aber das wird Bruder Thomas besser wissen …

Thomas Quartier: Ja, Wut darf man nicht verdrängen. Die Wut zu heiligen, bedeutet für mich, sie zu kanalisieren und zu einer Art spiritueller Energie zu machen, die zum Engagement antreibt. „Heiligen“ bedeutet nicht, dass das ganze Leben nur noch aus Frömmigkeitsübungen besteht. Vielmehr ist eine Transformation unserer Wut die vielleicht wichtigste Funktion jeder Form von Spiritualität. Trauen wir uns nicht, Wut zu empfinden, wird auch das spirituelle Erleben blass bleiben. Heiligen wir unsere Wut nicht, wird sie destruktiv.

KW: „Heiligen“. In meinem neuen Programm geht es darum, dass Worte vor allem Symbole sind. Ich denke, wir müssen den Worten mehr Freiheit lassen. Wenn man bei „heilig“ immer nur ein frömmelndes Bild vor sich hat, nimmt man dem Wort seine Kraft.

TQ: Gleiches gilt auch für das Wort „Wut“. Wenn ich dieses Gefühl immer nur als blindes Dahinwüten verstehe und nicht auch als eine Art aufrichtiger Empörung, die zum verantwortlichen Menschen dazugehört, nimmt man ihm sein Potenzial.

KW: Für mich als Poeten ist jedes Wort vieldeutig, weil man ja selbst die Interpretation immer wieder neu erlebt, mit seinem neuen Wissen, seinem neuen Leben. Natürlich gibt es Worte, die man vermeiden sollte, weil sie so missbraucht worden sind, dass sie kaum mehr anders zu verstehen sind. Bei Worten aus der Nazizeit hätte ich sehr viel Mühe, ihnen wieder einen reinen Gehalt zu geben.

Gott – was verbinden Sie mit diesem Wort?

TQ: Interessanterweise passiert es mir manchmal in sozial engagierten Kreisen, wenn ich das Wort „Gott“ verwende, dass Leute direkt auf die Barrikaden gehen. Sie fragen: „Warum nun schon wieder ‚Gott‘, bemühen, wenn es um das Engagement für eine bessere Welt geht?“ So als ob man das Wort nicht verwenden dürfte, nur weil nicht jeder daran glaubt. Dabei ist für mich Gott das offenste Wort, das ich mir vorstellen kann.

KW: In meinem bald erscheinenden Buch frage ich: „Wie wäre es, wenn das Wort Gott selbst sprechen würde?“ „Ich bin Gott, grüß Gott! Ich kann nichts dafür, was ihr aus mir macht“. Das ist mein Plädoyer für das Wort Gott, um es wieder befreit von all den Fesseln zu sehen, die ihm von Menschen auferlegt wurden, die dann auf einmal behaupten, sie wüssten genau, wo Gott wohnt, was er will und wen er bestraft.

TQ: Das ist genau das, worin ich unsere Aufgabe sehe. Solche Gegensätze mit viel Mitgefühl, poetischer und geistlicher Kreativität abzubauen und Offenheit wieder neu zu entdecken.

KW: Genau. Mir geht es nicht nur um die Umwertung aller Werte in unserer wertlosen Gesellschaft, sondern auch um die Umwortung aller Worte.

Geht es hier um eine spirituelle Revolution?

TQ: Gerade die Verbindung von Worten spielt eine wichtige Rolle, wenn es um eine Veränderung des Geistes geht. Ich habe durch die Poesie und das Engagement von Konstantin Wecker gelernt, dass „Revolution“ auch etwas mit Spiritualität zu tun hat, ja dass die beiden Begriffe notwendig zusammengehören.

KW: Ich bringe das Wort „Revolution“ auch mit Zärtlichkeit in Verbindung und bin daher unglaublich glücklich mit Papst Franziskus, der ja eine Revolution der Zärtlichkeit fordert. Es geht freilich nicht um die gewalttätige Revolution, sondern zunächst einmal schlicht Veränderung. Im Moment passiert ziemlich viel Bedrohliches. Krieg und Feindbilder vermehren sich. Gleichzeitig spüre ich aber an so vielen Menschen und Schriften, die derzeit erscheinen, dass es durchaus auch eine spirituelle Revolution gibt, nicht zuletzt auch im Buch von Bruder Thomas.

TQ: Eine Revolution ohne Spiritualität kann es nicht geben. Man muss erst bei sich selbst ankommen und sich trauen, den Weg nach innen zu gehen, um wirklich sich selbst und damit die Welt verändern zu können. Wenn man nichts verändern will, ist man noch nicht wirklich aufgebrochen. Es kann also umgekehrt auch keine Spiritualität ohne Revolution geben.

Welche Rolle spielt dabei die Poesie?

KW: Die Worte „Poesie und Widerstand“ bilden eine Synthese. Dafür gibt es für mich einen ganz schlichten Beleg: Poesie ist die Sprache, die die Herrschenden und die Krieger nicht verstehen. Sie haben Angst vor ihr. Darum werden Bücher verbrannt und Literaten ausgewiesen. Vielleicht ist Poesie sogar der einzige Widerstand, der möglich ist. Sophie Scholl hat Hitler nicht gestürzt, aber ihr Widerstand hat unglaublich viel bewirkt und wird auch noch in den nächsten Jahrhunderten ganz viel bewirken: ein poetischer Widerstand.

TQ: Jeder Mönch ist auch ein Stück weit Poet sein und muss seine eigene Kreativität zulassen. Wenn man nicht immer wieder bereit ist, in sich hineinzuhorchen und von da aus verantwortlich zu handeln, kann man nicht monastisch leben. Das heißt freilich nicht, dass jeder Klosterbewohner Gedichte schreibt. Aber „Mönche“ gibt es auch nicht nur im Kloster. Mönch sein ist ein Modell für viele unterschiedliche Lebensformen, gerade in der heutigen Gesellschaft.

KW: Ich denke, ein Mönch ist jemand, der versucht, etwas in sich zu finden. Dabei geht es in der Tat nicht nur um klösterliche Disziplin. An Buddha hat mir immer gefallen, dass er nach seinem asketischen Leben irgendwann eingesehen hat, dass es das auch nicht ist. Darum wird er ja auch immer so dick dargestellt. Als „Mönch“ kann jeder Mensch zulassen, dass er in sich selbst Gott findet. Für mich ist es immer wieder ein spiritueller Moment, wenn ich auf der Bühne die ersten Töne anschlage, von Klängen und Versen umgeben werde. Das ist meine Liturgie.

TQ: Der Weg nach innen ist eine Voraussetzung für den Weg nach außen. Kontemplation kann ein gesellschaftlich hochrelevanter Akt sein, weil sie zur Inspiration wird, zur treibenden Kraft des Engagements. Es gibt sehr explizite Berufungen, die man sich nicht selbst aussucht, sondern empfängt. Dadurch ist man nicht besser als andere. Jeder muss seine eigene Berufung, die Quelle seiner Spiritualität finden – eine Lebensaufgabe.

KW: Natürlich, zu jeder inneren, spirituellen Arbeit an der eigenen Berufung gehört es, dass man nicht vergisst, sich selber auf die Schliche zu kommen. Die Hauptlebensaufgabe ist meines Erachtens, dass man immer mehr diesen inneren Schweinehund, der in uns allen wohnt, zulässt und sich zugesteht, dass man nicht annähernd so perfekt ist, wie man es gerne hätte. Die Tatsache, dass man ein Mönchsgewand trägt, ist noch kein Beweis dafür, dass man sein Ego überwunden hat. Dir, Bruder Thomas wünsche ich als jungem Mönch, dass Du Dir auch weiterhin immer wieder ehrlich begegnest, und Deinen Lesern natürlich auch.

TQ: Vielen Dank. Man muss auch die Wut auf sich selber zulassen und überhaupt erst erkennen. Die Vorbilder, die mich inspirieren, nicht zuletzt Konstantin Wecker, machen genau das. Viele Menschen reiben sich in ihrem Engagement auf. Man braucht nicht einfach nur Auszeiten, sondern eine Erdung der eigenen Suche. Das ist die beste Art, seine Wut zu heiligen und selber zum Symbol zu werden, das andere inspiriert. Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du auch weiterhin die spirituelle Ruhe findest und Dir Deine Kraft und Deinen Mut erhältst.

Autor

Prof. Dr. Thomas Quartier OSB (1972) ist Mönch der Abtei St. Willibrord in Doetinchem (NL). Er doziert Monastische Studien an der Katholischen Universität Leuven (BE) und Liturgie- und Ritualwissenschaft an der Radboud Universität Nijmegen (NL). Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Titus Brandsma Instituts in Nijmegen und Gastprofessor an der Benediktinischen Universität Sant Anselmo in Rom. Zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zu Mönchtum heute, liturgischer Spiritualität und zur Bedeutung von Ritualen für das Leben.

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