Grundschulen als "Schülerhaus"Schneller Übergang zum Ganztag

Die Stadt Stuttgart richtet befristet Schülerhäuser an Grundschulen ein. Auf diese Weise kommen viele Kinder und Eltern schnell in den Genuss einer Ganztagseinrichtung, sagt Bereichsleiter Andreas Dobers.

Schneller Übergang zum Ganztag
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klasseKinder!: Herr Dobers, auf dem Weg zu ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangeboten haben sich einige Stuttgarter Grundschulen dafür entschieden, übergangsweise ein von der Stadt eingerichtetes „Schülerhaus“ zu werden. Was steckt hinter dieser Idee?
Andreas Dobers:
Wir haben festgestellt, dass seit Anfang der 2000er-Jahre die Nachfrage nach Betreuungsplätzen enorm gestiegen ist. Um für die Grundschulkinder eine Betreuung vor und nach dem Unterricht direkt an der Schule zu ermöglichen, mussten die vorhandenen Klassenräume doppelt genutzt werden. Das machen wir in Form der Schülerhäuser: Wer ein solches einrichtet, kann dies nur als Übergang auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule tun. Das Angebot haben zahlreiche Schulen angenommen. Schön ist, dass in diesem Rahmen sehr viel um- und neu gebaut wurde. Dies war die Grundlage für den Ausbau des Ganztags täglich von 7 bis 17 Uhr in der Schulzeit und für zehn Wochen Ferienbetreuung.

Wie funktioniert der Ganztagsbetrieb genau?
Es werden zusätzlich Fachkräfte an die Grundschulen entsandt, damit eine Rhythmisierung des Tagesablaufs möglich wird. So wird ein Mittagsband mit Mittagessen und pädagogischen Angeboten möglich. Nach dem Mittagsband wechseln sich Unterricht und Bildungsangebote ab, die die Kinder mitbestimmen. Das Curriculum und die Stundenzahl der Schulfächer bleiben also unverändert. Das Schulverwaltungsamt hat den Grundschulen mit dem Jugendamt und den freien Trägern der Jugendhilfe erfahrene pädagogische Partner an die Seite gestellt.

Bildung, Erziehung und Betreuung gibt es in der Ganztagsgrundschule unter einem Dach. Sie legen großen Wert darauf, dass die Fachkräfte auf Augenhöhe mit den Lehrkräften arbeiten und die Kinder beteiligt werden. Was heißt das?
Wir leisten Bildung und Erziehung aus einer Hand. Die verschiedenen pädagogischen Blickwinkel führen dazu, dass die Kinder individuell in ihrer jeweiligen Lebenswelt abgeholt werden können. Für das Kind sind diese beiden Perspektiven eine riesige Chance: Es kann sich aus zwei Erwachsenen einen als Ansprechpartner aussuchen. Das erhöht die Chance auf mehr Beziehungsarbeit. Umgekehrt können auch die Erwachsenen jedes Kind aus zwei verschiedenen Blickwinkeln erleben und sich darüber austauschen. Lehr- und Fachkräfte arbeiten viel gemeinsam, meist im individuellen Lernen oder im selbstorganisierten Lernen. Die dritte Chance für Kinder sind Angebote von Fachkräften, die sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren. Auch hier können sich die Erwachsenen wieder entsprechend austauschen.

Das Vier-Augen-Prinzip als Erfolgsgeschichte?
Es ist ein Gewinn für alle. Wir wissen noch nicht, inwieweit diese Kombination in den Unterricht hinein übernommen werden wird, aber ich kann mir das auch gut für einzelne Fächer vorstellen. Zum Beispiel lässt sich viel in freier Natur entdecken und lernen. Einer der Erwachsenen könnte etwa einen Parcours vorbereiten, die andere Person unterstützt und beobachtet die Kinder.

Welche Aspekte dieser Ganztagsbildung funktionieren Ihrer Erfahrung nach besonders gut?
Wir haben zum Beispiel in den Schulen die Zeiträume vergrößert, die die Kinder selbstbestimmt nutzen können. Dadurch haben sie Zeit, ihre Freunde zu treffen und gemeinsam in einem inspirierenden Umfeld zu spielen. Mittlerweile berichten Eltern unseren Fachkräften, dass ihre Kinder nicht zu früh abgeholt werden möchten. Ein zweiter Faktor ist die Multiprofessionalität. Zusätzlich zu den Lehrerinnen und Lehrern hat unser Träger unterschiedliche pädagogische Fachkräfte angestellt: Erzieher, Sonderpädagogen, Ergotherapeuten, Theaterpädagogen, Kinderpfleger, Gymnastiklehrer, Zirkus- und Erlebnispädagogen.

Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?
Sie können eine Vielzahl an sozialen Kompetenzen entwickeln und lernen Dinge, die so nicht im Lehrplan stehen. Das ist ein riesiger Wert, den man nicht 1:1 in Noten umrechnen kann.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Stuttgarter Modell der Ganztagsbildung?
Schule, Träger und Schulverwaltungsamt schreiben die Konzepte vor Ort gemeinsam fort. Eltern- und Kinderbeteiligung entwickeln gemeinsam die Ganztagsbildung an ihrer Grundschule. Es gibt gemeinsame Fachtage mit Experten. Die Fachkräfte entwerfen mit Lehramtsanwärtern und Kooperationspartnern des Stadtteils neue multiprofessionelle Tandemkonzepte. Die Kinder werden über verschiedene Partizipationsgremien wie Klassenräte oder Beteiligungsformen für die Schulhofgestaltung immer stärker in die Entwicklung ihres Ganztags eingebunden.

Das Gespräch führte Claudia Füßler.

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