Über Werte sprechen statt Werte vermitteln

Pädagogisch fruchtbar ist nicht die pädagogische Absicht, sondern die pädagogische Begegnung“, so formulierte es bereits der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Die Beziehung von Pädagoginnen und Pädagogen zu Kindern und Jugendlichen ist entscheidend, um ernsthaft über Werte und Lebensanschauungen zu philosophieren. Kinder und Jugendliche – egal welcher kulturellen Prägung und egal welcher Religionszugehörigkeit – in ihren Lebensfragen ernst zu nehmen und ihnen dabei auf Augenhöhe zu begegnen, ist der Schlüssel zu einer produktiven Diskussion. Dies bedeutet für mich auch, lieber von Wertediskurs statt von Wertevermittlung zu sprechen. Letzteres wird immer wieder als „großes Ziel“ in der Bildungspolitik genannt und macht den Anschein, Garant für die Lösung aller Probleme zu sein.
Doch welche Botschaft steckt hinter dem Wort Wertevermittlung? Es klingt, als hätten Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und ihre Familien keine eigenen Werte, sondern müssten diese erst an deutschen Schulen beigebracht bekommen. Der Begriff Wertevermittlung geht von einer Grundhaltung aus, die geprägt ist von einem ungleichen Kulturkontakt, einem ungleichen Machtverhältnis. Weiterhin spaltet eine solche Haltung in ein „Wir“ und „die Anderen“. Wobei ich mir immer wieder die Frage stelle, wer zu diesem „Wir“ eigentlich gehört.
Bei der Einteilung von Menschen in vermeintlich homogene Gruppen entsteht die Gefahr, Menschen einer Religion oder eines Herkunftslandes gemeinsame Werte zuzuschreiben. Nicht selten bleibt man so an Vorurteilen und Stereotypen haften, die dann im persönlichen Kontakt die Wahrnehmung des Gegenübers beeinträchtigen. Aber jeder Mensch hat viele Facetten. Die eigentliche pädagogische Herausforderung ist es nicht, über die eigenen Werte zu monologisieren, sondern in Kontakt mit den Kindern zu kommen und Fragen anzustoßen, die sie selbst über ihre Werte reflektieren lassen: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Worüber freue ich mich? Was macht mich wütend? Wie habe ich mich bisher in Gruppen verhalten? Wie will ich mit anderen zusammenleben? Was wünsche ich mir von anderen? Was bin ich selbst bereit zu geben? Eine solche Diskussion erfordert eine Atmosphäre des Vertrauens und der Sicherheit. Für die pädagogische Praxis bedeutet dies: Alle Kinder an der Schule gehören selbstverständlich dazu. Sie müssen sich nicht erklären, beweisen oder gar verändern. Zugehörigkeiten sind nicht verhandelbar.
In einem Wertediskurs muss die Fachkraft nicht alles verstehen oder gut finden. Auch Pädagoginnen und Pädagogen sind einzigartig. Als Bezugsrahmen sollten jedoch die Menschenrechte gelten. Intervention ist dann nötig, wenn Kinder sich gegenseitig abwerten, antipluralistisch argumentieren oder einen absoluten Wahrheitsanspruch vertreten. Ich beziehe mich in Wertediskursen auf die Demokratie, auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und auf den Pluralismus – damit sind die freie Religionsausübung und der Wertepluralismus inbegriffen.
Trauen Sie sich Wertediskurse zu führen, in denen Sie vornehmlich die Kinder sprechen lassen. Vermeiden Sie, schnell „Ja, aber …“ zu antworten, sondern haben Sie Vertrauen in die vielfältigen Sichtweisen innerhalb Ihrer Gruppe. Durch perspektivisches Fragen („Wie sehen das die anderen?“) oder kreative Fragen („Was hätte es für Folgen, wenn wir es so machen, wie Alina vorschlägt?“) motivieren Sie Kinder und Jugendliche zu eigenständigem Denken und einer Reflexion über Werte. Ziel des Ganzen ist es, in Ihrer Gruppe ein gemeinsames Wir zu schaffen, in dem Verschiedenheit als gleichwertig akzeptiert wird und Werte für ein gutes Miteinander Konsens sind.  

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