Professionelle Beobachtung im Ganztag

Konzepte, die den individuellen Entwicklungsstand von Kindern erfassen, erobern die Schulen. Sie können die pädagogische Qualität verbessern.

Professionelle Beobachtung im Ganztag
© Lordn - istockphoto.com

In der Kindergartenpädagogik sind sie längst etabliert, doch Fachleute sehen auch sinnvolle Einsatzmöglichkeiten in der Schulkindbetreuung: Es geht um die professionelle Beobachtung der Kinder und die Dokumentation ihrer Entwicklungsschritte. Dahinter steht der Gedanke, dass Fachkräfte nur dann eine kindzentrierte Perspektive einnehmen können, wenn sie die unterschiedlichen Schülerinnen und Schüler ganz individuell mit ihren Bedürfnissen, Themen und Interessen wahrnehmen. Die Ziele sind folgende:

  • Entwicklungsschritte des Kindes wahrnehmen
  • das Verhalten des einzelnen Kindes verstehen
  • seine Interessen und Themen verstehen
  • seine Gefühle wahrnehmen
  • die Beziehungen des Kindes in der Schule und der Familie erfassen
  • seine Stärken, Fähigkeiten und Neigungen herausfinden, um sie gezielt fördern zu können
  • die Lernmotivation und Lernbereitschaft erkennen

Während im Kindergarten die Interessen und Themen des Kindes und die Konzentration auf Stärken im Vordergrund stehen, nehmen in der Schule die Leistungs- und Entwicklungsstände sowie das Erkennen von Defiziten einen höheren Stellenwert ein. Allerdings sind diese Unterschiede graduell. In erster Linie geht es bei professioneller Beobachtung darum, Kinder auf der Basis individueller Beobachtungen in ihren Bildungsprozessen zu begleiten und zu unterstützen.
Natürlich muss entsprechend Zeit für die Beobachtung und Verschriftlichung zur Verfügung stehen, nur dann werden Fachkräfte diese Aufgabe auch mit einer positiven Grundhaltung angehen. Diese Extrazeiten können zum Beispiel im Dienstplan berücksichtigt werden. Am besten sollte das Beobachtungskonzept mit dem Träger abgestimmt werden. Die Einführung braucht Zeit, damit alle Beteiligten erkennen können, dass sich der Aufwand lohnt. Nicht zuletzt fließen die Erkenntnisse aus den Beobachtungen auch in die Gespräche mit den Eltern ein.

UNTERSCHIEDLICHE KONZEPTE

Es gibt unterschiedliche Konzepte professioneller Beobachtung und Dokumentation. Nach Einschätzung des Sozialpädagogen und klasseKinder! Redaktionsbeirats Knut Vollmer eignet sich für die Schulkindbetreuung insbesondere das Modell der Bildungs- und Lerngeschichten:

Der Ansatz kommt ursprünglich aus dem Bereich der frühen Bildung, kann aber gut auf die Altersgruppe der Sechs- bis Zehnjährigen erweitert werden. Dahinter steht der Gedanke, Bildungs- und Entwicklungsprozesse in Geschichten wiederzugeben, um sie ganzheitlich festhalten zu können. Das bedeutet, nicht nur einzelne Aspekte von Lernprozessen zu identifizieren, sondern diese im ganzen Umfeld zu betrachten. Fachkräfte notieren Alltagssituationen einzelner Kinder sachlich und strukturieren sie nach vier Lerndispositionen. Anschließend diskutiert das ganze Team die Beschreibungen und überlegt gemeinsam, welche Anreize für das betreffende Kind sinnvoll sein könnten. Das alles wird dokumentiert – zum Beispiel in einem Portfolio für jedes Kind – und an einem für die Schülerinnen und Schüler zugänglichem Ort aufbewahrt. Das Konzept betont fünf sogenannte Dimensionen: das Gefühl von Zugehörigkeit, emotionales und psychisches Wohlbefinden, Explorations- und Forscherlust, verbale und nonverbale Kommunikation sowie die Möglichkeiten der Partizipation. Darüber hinaus werden fünf Lern-Dispositionen erfasst: welches Interesse ein Kind zeigt, wie engagiert es bei der Sache ist, wie es Herausforderungen und Schwierigkeiten standhält, wie es sich ausdrücken und mitteilen kann und wie es an einer Lerngemeinschaft mitwirkt.

Ein anderes Modell ist die Leuvener Engagiertheits-Skala für Kinder, die unter anderem in das komplexe pädagogische Infans-Konzept eingebettet ist. Die Fachkraft beobachtet und reflektiert hier in fünf Schritten:

  • Was tut und sagt das Kind allein und in Interaktion mit anderen?
  • Was macht die Situation mit mir?
  • Perspektivübernahme: Wie fühlt sich das Kind aus meiner Sicht?
  • Wie engagiert sich das Kind in der Situation?
  • Fachliche Reflexion mit den Kolleginnen und Kollegen – Überlegungen, Erkenntnisse und weiterführende Fragen.

Aus all diesen Punkten sollen die Fachkräfte Rückschlüsse für ihr pädagogisches Handeln ziehen und diese auch schriftlich festhalten. Es geht unter anderem darum, ob das Kind neue Herausforderungen oder stärkere Unterstützung braucht. Zum Schluss legt das Team fest, auf welche Punkte in der nächsten Beobachtung besonders geachtet werden soll.

Auch das Salzburger Beobachtungskonzept zielt auf eine Professionalisierung der pädagogischen Beobachtung. Mit den Einschätzungs- und Beobachtungsbögen können Fachkräfte den Entwicklungsverlauf jedes Kindes dokumentieren. Das Konzept bietet ein grobes Screening aller Kinder in zwölf relevanten Entwicklungsbereichen sowie bei Bedarf einen differenzierten Blick auf einzelne Bereiche. Alle Kinder sollen mehrmals im Jahr gezielt beobachtet werden. Die Erfassungsbögen vereinfachen Gespräche im Team sowie mit den Eltern und Lehrkräften.

Die Entwicklungstabelle von Beller und Beller legt den Schwerpunkt darauf, Entwicklungsdefizite frühzeitig zu erkennen. Sie ist in acht Entwicklungsbereiche gegliedert: Umgebungsbewusstsein, Körperbewusstsein und -pflege, sozialemotionale Entwicklung, Spieltätigkeit, Sprache und Literacy, Grob- und Feinmotorik, kognitive Fähigkeiten. Ursprünglich wurde sie wie die anderen Modelle auch für die Frühpädagogik entwickelt. Mittlerweile ist sie überarbeitet worden und umfasst nun auch die Entwicklung von Kindern bis zum zehnten Lebensjahr.

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