Herausfordernde Eltern

Manchmal ahne ich leise, woher bei manchen Kindern anstrengende Allüren kommen könnten.

Der Motor läuft schon, die Türen sind zu. Doch noch immer fährt der Bus nicht ab. Seit einer Viertelstunde rutschen die Kinder der 3c ungeduldig auf ihren Sitzen hin und her. Klassenfahrt nach Mecklenburg! Aber warum geht’s nicht los? Der Reisebus kam schon verspätet an, dann schaffte er es nicht durch die engen Berliner Straßen bis zum Schultor. Anschließend passten nicht alle Koffer in die Ablage. Dann musste die Polizei noch einen prüfenden Blick auf das Gefährt werfen. Zwischendurch kletterte die Hälfte der Kinder auf Anweisung einer Erzieherin wieder aus dem Bus raus – alle noch mal zum Klo. Jetzt sitzen alle, aber der Bus steht immer noch.
Was ist denn nun schon wieder los?
Als die Bustüren sich erneut öffnen, schlüpft eine Mutter heraus. Ihr entschuldigendes Grinsen macht es nicht besser. Die restlichen Eltern pfeifen und johlen. Geht’s noch? Hatte es nicht vorab einen Elternbrief gegeben, in dem ausdrücklich stand: Kinder bitte nur an den Bus, nicht in den Bus bringen? Warum gibt es immer dieses eine Prozent Eltern, das glaubt, Regeln seien nur für andere gemacht? Der Busvorfall war natürlich kolossal harmlos, eine lustige Anekdote für den Abendbrottisch. Andere Vorfälle sind nicht ganz so unterhaltsam. Der Tochter einer Freundin wurden neulich in der Grundschule Handy und Haustürschlüssel aus der Tasche geklaut. Im Klassenchat versuchten die Kinder herauszufinden, ob es nur ein böser Streich war. Ohne Erfolg. Am nächsten Tag erst wurde einer der Mitschüler überführt und gab die Sachen zerknirscht zurück. Da war die SIM-Karte leider schon gesperrt. Eine Anzeige bei der Polizei hatte die Familie auch aufgegeben. Die Geschichte endete trotzdem keineswegs mit einer Entschuldigung – sondern damit, dass die Mutter des bestohlenen Kindes von der Mutter des Mitschülers beschimpft und angebrüllt wurde. Warum denn gleich zur Polizei – das sei doch eine völlig hysterische Reaktion! Die Kinder hatten den Vorfall längst ad acta gelegt, da standen sich die Erwachsenen immer noch wutschnaubend gegenüber.

CHOLERISCH, CHRONISCH BESORGT, RÜCKSICHTSLOS …

Schule ist Gesellschaft im Kleinen. Es gibt alles: Eltern, die die Schuld nie bei sich, dafür immer bei anderen sehen. Eltern, die gerne seitenlange Tiraden per Mail in die Runde schicken. Eltern, die vor Ehrgeiz und Konkurrenzdruck kaum laufen können. Eltern, denen alles egal ist. Eltern, die sich übermäßig kümmern. Eltern, die sich überhaupt nicht kümmern. Cholerische Eltern. Überforderte Eltern. Chronisch besorgte Eltern. Eltern, die unkonzentriert und verpeilt sind. Eltern, die morgens nicht aus dem Bett kommen. Eltern, eine schlimme Trennung durchmachen. Eltern, die frisch verliebt sind. Kreative und einfallsreiche Eltern. Stets hilfsbereite Eltern. Stille Eltern. Laute Eltern. Wohlstandsverwöhnte Eltern. Arme Eltern. Eltern, die am Schulessen herummäkeln. Eltern, denen die Nase der Lehrerin nicht passt.
Sie alle, wir alle müssen irgendwie miteinander klarkommen. Und nicht nur das. Wir müssen, auch wenn wir uns gegenseitig oft ziemlich herausfordernd finden, Vorbilder sein für unsere Kinder. Von wem sonst sollen sie lernen, Konflikte durchzustehen und Unterschiede auszuhalten?

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