KolumneNicht nur Leistung loben

Manchmal sehne ich mich in die USA zurück, wo ich als Teenager eine Zeit lang zur Schule ging.

Nicht nur Leistung loben
© Matthias Wieber, Freiburg

Mein Sohn hätte gerne ein Handy. Er verkneift es sich, danach zu fragen, denn er weiß, wir kaufen ihm keins. Trotzdem werden die Abstände zwischen Gesprächen, die sich um Smartphones drehen, immer kürzer. Fast täglich zählt er auf, wer in seiner dritten Klasse mittlerweile über ein eigenes Gerät verfügt: „ Clara, Lena, Adam, Max …“ Wenn ich mich mit anderen Müttern über das Thema unterhalte, fallen stets die gleichen Stichworte: Erreichbarkeit, Sicherheit. Anrufen können, wenn Unterricht ausfällt. Mir leuchtet das alles ein. Trotzdem lautet die magische Grenze, die wir für unsere Kinder gesetzt haben: fünfte Klasse. Das ist früh genug, finde ich. Außerdem können wir Regeln, die beim ältesten und beim zweitältesten Kind galten, beim Nesthäkchen nicht einfach außer Kraft setzen. Wir bleiben also hart – und unser Sohn muss seinen Frust aushalten.

Ich gebe zu, dass das Wort „Resilienz“ bis vorgestern trotzdem nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehörte. Genauer gesagt musste ich erst nachlesen, was es bedeutet. Mit Begriffen wie innerer Stärke und psychischer Widerstandsfähigkeit kann ich mehr anfangen. Beides wünsche ich meinen Kindern von Herzen. Was ich ihnen ausdrücklich nicht wünsche: ein künstlich aufgeblasenes Ego, das sich aus Besitz und Konsum speist. „Hier, schaut her, alles meins!“ In der Grundschulklasse meiner Tochter waren Geld haben und shoppen gehen Riesenthemen. Wer nicht mithalten konnte oder wollte auf dem Jahrmarkt der Markenschuhe und Fernreisen, der hatte es schwer, zu den coolen Kids zu gehören. Meine Tochter blühte erst nach dem Schulwechsel richtig auf.

Ein Hauch von Ermutigungspädagogik

Wie entsteht nun also ein gesundes Selbstvertrauen? Zu wissen, dass man auf dem Fußballplatz ein guter Stürmer ist und in Mathe zu den Klassenbesten gehört: Das macht sicher situativ stolz und glücklich. Aber nicht alle Kinder sind akademische oder sportliche Überflieger. Und manchmal sind die Überflieger auch nur auf den ersten Blick starke Persönlichkeiten. Auf den zweiten tun sie sich schwer mit Niederlagen. Manche haben nie gelernt, wie man sich nach dem Hinfallen wieder aufrichtet.

Als ich 16 war, verbrachte ich ein Jahr als Austauschschülerin in den USA. In der Kirche in Texas sangen wir fröhlich das Kinderlied des The Bill Gaither Trios: „I am a promise, I am a possibility! ...“ Ich bin ein Versprechen. Eine Möglichkeit. Ein ganzes Bündel voller Potenzial. Generell war mir die Mentalität, die mir dort begegnete, vollkommen fremd. Am Ende jedes Schuljahres wurden die Kinder bei einer feierlichen Ehrung ausgezeichnet. Die besten Schüler bekamen, natürlich, eine Medaille. Aber nicht nur sie. Es wurden auch die ausgezeichnet, die sich am meisten angestrengt haben. Oder die besten Teamplayer. Und die, die anderen immer geholfen haben.

Jahrzehnte später, nachdem ich das deutsche Schulsystem aus der Kinder- und der Elternperspektive kenne, wünsche ich manchmal einen Hauch dieser überschwänglichen amerikanischen Ermutigungspädagogik. Warum immer nur die loben, die nicht stören und am besten auch noch herausragende Leistungen erbringen? Der Hort wäre eigentlich der perfekte Ort, um an alle großzügig Zuwendung und Anerkennung zu verschenken. Oder anders gesagt: Um den Resilienz-Goldstaub auf Köpfe aller Kinder niederrieseln zu lassen.

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