Auffälliges Verhalten„Exklusivzeit hilft“

Auffälliges Verhalten in der Schule kann ein Ruf nach Zuwendung sein. Worauf pädagogische Fachkräfte achten können, erklärt Resilienzforscher Klaus Fröhlich-Gildhoff.

Exklusivzeit hilft
© Michael Bamberger, Freiburg

klasseKinder!: Ist Resilienzförderung in der Schule vor allem wichtig für Kinder aus schwierigen Elternhäusern?

Klaus Fröhlich-Gildhoff: Die Förderung der seelischen Widerstandskraft ist für alle gut und hilfreich. Aber manche Kinder suchen nach Zuwendung, Sicherheit und Bindung, die sie bisher nicht hatten. Dann zeigen sie mitunter merkwürdige Verhaltensweisen. Dafür muss die Schule sensibilisiert sein.

Welches Verhalten kann das sein?

Kinder machen Unsinn, Kinder stören, Kinder verhalten sich anderen gegenüber aggressiv oder halten sich nicht an Regeln. Dann heißt es manchmal nur: Die wollen Aufmerksamkeit. Das ist aber zu wenig, es geht nämlich um Zuwendung. Das Kind will geachtet werden. Diese Verhaltensweisen sind ein Zeichen dafür, dass dieses Bedürfnis nicht ausreichend gestillt ist.

Im Ganztagsbetrieb kommen auf eine Fachkraft oft 25 Schülerinnen und Schüler. Wie kann es da gelingen, zu allen stabile, enge Beziehungen aufzubauen?

Das brauchen ja nicht alle Kinder im gleichen Umfang. Wer diese positiven Beziehungserfahrungen schon gemacht hat, wird sie in der Schule weniger einfordern. Wichtig ist, die Kinder zu erkennen, denen solche Erfahrungen fehlen. Diesen Mädchen und Jungen gegenüber sollten Fachkräfte besonders verlässlich sein und signalisieren: Ich bin für dich da. Ein Stück „Exklusivzeit“ hilft auch, in der der Erwachsene dem Kind gegenüber volle Präsenz zeigt.

Wie oft ist das für betroffene Kinder nötig?

Wenn das drei-, vier-, fünfmal im Laufe eines Tages passiert und das Kind sich darauf verlassen kann, gewinnt es in kleinen Schritten zunehmend Sicherheit. Es merkt: Dieser Erwachsene beachtet mich in einem doppelten Sinne. Es geht um Achtung, aber auch um Wahrnehmung. Auf diese Weise kann man frühe Bindungsmangelerscheinungen ein Stück weit kompensieren.

Was ist Voraussetzung, um als Fachkraft auf derart bedürftige Mädchen und Jungen angemessen einzugehen?

Pädagogisches Handeln ist ein Kreislauf. Es fängt mit systematischer Beobachtung und Wahrnehmung der kindlichen Verhaltensweisen an. Dann geht es darum zu verstehen, warum sich das Kind so verhält. Entsprechend muss man sein Begegnungsangebot so planen, dass es für die Fachkraft machbar und für das Kind hilfreich ist. Nach der Umsetzung muss man auswerten, ob das Angebot wirkt. Notfalls muss man wieder von vorn anfangen. Einfach nur ein Kind bestrafen, weil es sich auffällig verhält, verändert dagegen nichts. Es führt nur zur Ausgrenzung der betroffenen Kinder.

Also hängt Resilienzförderung auch von der Haltung der Fachkräfte gegenüber der eigenen Arbeit ab?

So ist es. Man muss sich die „Resilienzbrille“ aufsetzen. Das betrifft vor allem die Art der Beziehungen und Begegnungen mit den Kindern. Darüber hinaus kann man die sechs Resilienzfaktoren (siehe Kästen Seite 21 – 25, Anm. d. Red.) im pädagogischen Alltag oder durch spezifische Programme und Übungen ein Stück weit stärken.

Bei Resilienzförderung geht es auch darum, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen. Was kann die Schule da leisten?

Die Kinder brauchen Aufgaben, die sie bewältigen können. Ideal sind solche, die gerade so an die Fähigkeitsgrenze gehen – und dann ein kleines bisschen drüber. Wenn das einmal schiefgeht, muss man die Kinder trösten und mit ihnen darüber sprechen. Aber das Grundgefühl „Mein Handeln bewirkt was“ entwickelt sich über ganz konkrete Bewältigungserfahrungen. Egal ob Kinder einen Turm bauen, klettern oder sich den abstrakten Zahlbegriff aneignen.

Stillere Kinder bekommen im Schulalltag oft zu wenig Aufmerksamkeit, oder?

Das ist leider ein Problem. Studien zeigen, dass etwa ein Fünftel aller Kinder Anzeichen für Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Und fast zwei Drittel davon sind die stillen, zurückgezogenen, besonders ängstlichen Kinder. Die rutschen aber oft durch, weil sie keinen „Lärm“ und damit weniger für die Pädagogen direkt spürbare Schwierigkeiten machen. Trotzdem haben gerade diese Kinder oft Nachholbedarf in Sachen Resilienz.

Welche Atmosphäre in der Klasse trägt dazu bei, die Resilienzkompetenz zu fördern?

Jedes einzelne Kind muss wertgeschätzt werden. Das heißt auch, ein hohes Maß an Fehlerfreundlichkeit und Bereitschaft zum Verzeihen zu haben. Das Entscheidende aber ist, die Stärken der Kinder herauszufinden und weiter zu stärken. Jedes Kind hat Interessen auf einem bestimmten Gebiet. Die sollte man aufgreifen.

Bieten Ganztagsschulen im Vergleich zu den Halbtagsangeboten bessere Möglichkeiten für die Resilienzförderung?

Mit einem durchdachten Konzept stehen die Chancen gut. Wenn Schulen Resilienz fördern wollen, sollten alle pädagogischen Kräfte – von den Lehrkräften bis zu den Erziehern – gemeinsam an einem solchen Konzept arbeiten. Zum Beispiel muss Resilienzförderung am Nachmittag auch vormittags im Unterricht aufgegriffen werden – und umgekehrt. Wenn Lehrkräfte im Unterricht eine „Resilienzstunde“ oder „Glücksstunde“ oder Ähnliches einführen, sollten sie im Tandem mit einer Fachkraft aus dem Ganztagsbereich zusammenarbeiten, damit die Übergänge gewährleistet sind.

Inwieweit beeinflussen Haltung und Wertschätzung im Kollegium die Resilienzförderung der Kinder?

Wenn wir Schulen beraten oder Schulteams fortbilden, müssen sich die Pädagogen auch mit ihrer eigenen Arbeit auseinandersetzen. Zum Beispiel in einer Stärke-Bilanz: Was gelingt euch gut in eurer Arbeit? Was tut ihr, um eure Arbeitsfähigkeit zu sichern? Dann frage ich: Was tut ihr, um die Stärken der Schülerinnen und Schüler zu stärken? Wie stärkt ihr die Stärken der Eltern? Und wie stärkt ihr ganz konkret die Stärken eures Teams? Das öffnet den Blick für die Stärke-orientierte Herangehensweise schon auf der Fachkräfte- Ebene und verdeutlicht die Philosophie, die hinter Resilienzförderung steht.

Ist Resilienzförderung an deutschen Grundschulen schon ein verbreitetes Thema?

Es gibt seit etwa zehn Jahren viele Entwicklungen und Projekte, mit denen Grundschulen zum einen mehr auf die Persönlichkeitsentwicklung und die gesunde seelische Entwicklung der Kinder blicken. Zum Zweiten wird vielerorts mittlerweile auch mehr auf das einzelne Kind, auf die individuelle Kompetenzentwicklung geachtet. Ich bin optimistisch, dass sich der Gedanke weiter ausbreitet.

Das Gespräch führte Sven Kästner.

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