Ehrenamt im GanztagLernpaten ohne Schulbuch

Sie spielen Karten, lesen vor und haben ein offenes Ohr für Probleme. Im Saarland unterstützen ehrenamtliche Paten Ganztagsschüler in deren Persönlichkeitsentwicklung.

Lernpaten ohne Schulbuch
© Lernpaten Saar, Saarbrücken

Als der neunjährige Ibrahim* mit seinen Eltern und drei Geschwistern vor mehr als zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland kam, fehlten ihm die Worte. Deutsch konnte er nicht sprechen, der Austausch mit seinen Mitschülern war schwierig. „Wenn es zu Reibereien auf dem Schulhof kam, drückte er mit Aggressivität aus, was er meinte. Und das nur, weil er mit den anderen nicht kommunizieren konnte“, berichtet Rainer Zahn. Der 61-jährige gelernte Geologe ist Ibrahims Lernpate und damit einer von insgesamt 100 ehrenamtlichen Helfern im saarländischen Projekt „Lernpaten Saar“.
Anders als es der Name vermuten lässt, soll die Patenschaft keine Nachhilfe oder Nachmittagsbetreuung sein. Vielmehr ist Ziel der Lernpaten, benachteiligte Kinder und Jugendliche in ihrer Schullaufbahn zu begleiten, ihre Persönlichkeit zu stärken und sie zu unterstützen, wenn es heißt „Lernen zu lernen“. Kurz: Die ehrenamtlich Tätigen sind so etwas wie Mentoren, die im Ganztag ihren Schülerinnen und Schülern zur Seite stehen. Das erfordert ein offenes Ohr und viel Verständnis. Viele der Lernpatenkinder gehören Familien an, die es aus unterschiedlichsten Gründen nicht schaffen, ihre Kinder im Schulalltag zu begleiten. Sie stammen zumeist aus bildungsfernen und benachteiligten Schichten oder müssen sich als Geflüchtete im deutschen Alltag zurechtfinden.
Die Stiftung Bürgerengagement Saar und die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) PRO Ehrenamt initiierten das Projekt vor rund drei Jahren. 52 Schulen unterschrieben bislang Kooperationsverträge. Und die Liste derjenigen, die sich ebenfalls eine Unterstützung durch Lernpatinnen und -paten wünschen, ist lang. So lang, dass LAG-Präsident Hans Joachim Müller hofft, die bisherige Zahl von Ehrenamtlichen in absehbarer Zeit auf 200 verdoppeln zu können. „Für uns ist das ein gigantisches Projekt. Dass wir aber nach zwei Jahren schon so viele Paten gefunden haben, ist unglaublich.“

ZWEI STUNDEN PRO WOCHE

Wie die Lernpaten im Alltag agieren, verrät Rainer Zahn. Zwei Stunden lang trifft er sich einmal wöchentlich mit Ibrahim und seiner ein Jahr älteren Schwester. Deutsch büffeln sie nicht. Sie spielen Karten, vorzugsweise Quartett. Das fördert die Konzentration, aber auch die Deutschkenntnisse. „Oder wir überlegen, was wir denn früher so gespielt haben“, berichtet er. „Ich sehe was, was du nicht siehst“ sind solche Spiele, die geradezu nebenbei Sprache fördern. Bewusst werden auch für den Schulalltag wesentliche Begriffe eingestreut: Schulhof, Toilette, Freunde, Ja, Nein oder „Ich will das nicht“ – Worte, die eine Kommunikation ermöglichen. Ibrahim hat schnell gelernt: Jetzt boxt er nicht mehr, sondern spricht.
„Na klar, wenn mein Kind einmal ein Diktat üben möchte, machen wir das“, gesteht Patin Doris Bogendörfer. Der von ihr betreute Andreas kämpfte lange mit seiner Konzentrationsschwäche. Doris Bogendörfer setzte auf Bildergeschichten, die sie immer aufs Neue wiederholte. Außerdem nutzte sie sein Faible fürs Kickboxen und führte Andreas und seinen Vater an einen Verein heran. Dort sind Entspannungs- und Konzentrationsübungen Normalität. Der Junge folgte ihrem Rat, diese Erfahrung auf die Schule zu übertragen. Mit Erfolg. Andreas kann sich länger konzentrieren. Die Noten haben sich deutlich verbessert. Auf ihre Arbeit vorbereitet werden die Paten mit einer Fortbildung, unter anderen zu den Themen rechtliche Aspekte, Lernmethoden und entwicklungspsychologische Grundlagen. Während des Engagements ist dann der Austausch mit allen wichtig, die in Schule und Ganztag mit den Kindern zu tun haben. Eine der ersten Schulen, die sich für die Idee begeistern ließen, war die Grundschule Eschberg, eine offene Ganztagsschule in Saarbrücken. Sven Rave leitet sie. „Es erfordert auch von der Schulseite die Offenheit und den Willen zur Zusammenarbeit und zur Öffnung des Schullebens. Wenn eine Schule solche Hilfe nicht annehmen will oder es gar als Belastung ansieht, Nicht-Profis ins Haus zu lassen, dann kann man das alles vergessen“, sagt er.

LERNPATEN SIND KEINE THERAPEUTEN

Spätestens nach der Lernpaten-Ausbildung sind den Helfern auch ihre Grenzen klar. „Sie sind Begleiter der Kinder, manchmal auch der Familie, niemals aber Familien-Therapeuten. Wenn erforderlich, können sie jedoch mit Hilfe der Initiatoren weitere professionelle Hilfe organisieren“, sagt Gerhard Dahm, einer der Referenten der Qualifizierungsmaßnahme. Sollte ein Pate Beratungen und Reflexion benötigen, wird ihm die Teilnahme an einer Supervision ermöglicht. Am Ende profitieren alle – die Patinnen und Paten und die Kinder.

Steckbrief

Lernpaten Saar

Patinnen und Paten: 100

Beteiligte Schulen: 52, davon 60 Prozent Grundschulen

Qualifizierung: Alle ehrenamtlich tätigen Lernpatinnen und -paten nehmen an einer 36-stündigen Qualifizierungsmaßnahme teil.

Kosten: 40 000 Euro pro Jahr (für Spesen und kleine Ausflüge mit den Kindern)

Verträge: Mit beteiligten Schulen und den Eltern der von ihnen ausgewählten Kinder werden Kooperationsverträge geschlossen.

Evaluation: Die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes hat das Projekt begleitet und eine positive Entwicklung der Lernpatenkinder bestätigt.

www.lernpaten-saar.de  

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