Reden, nicht schlagen

Wie können Kinder lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen? Das Palaverzelt zeigt, wie es geht. Entwickelt wurde das Programm auf Grundlage der Mediationsmethode.

Reden, nicht schlagen
© Institut für Konfliktlösungen GbR

Tom aus der ersten und Fatih aus der zweiten Klasse haben sich am Vormittag in der großen Pause gestritten. Sie haben Kickboxen geübt, wie sie das in letzter Zeit immer tun. Doch heute hat Tom plötzlich richtig heftig zugeschlagen, so sehr, dass Fatih geweint hat. Beide sind wütend zurück in ihre Klassen gegangen. Sie begegnen sich nach dem Unterricht im Ganztag wieder. Die Wut ist noch immer nicht verraucht. Ein klarer Fall für das Palaverzelt.
Dieses Konfliktlösungsritual ist von dem Familienmediator Ansgar Marx gemeinsam mit anderen Fachkräften speziell für Kitas und Grundschulen entwickelt worden. „Uns ging es darum, den Kindern schon möglichst frühzeitig in ihrer sozialen und emotionalen Entwicklung ein positives und gewaltfreies Konfliktverhalten zu vermitteln“, sagt Marx. Kinder sollen erfahren, dass es bei einem Streit fast immer eine Lösung gibt. Sie erhalten somit eine stabile Basis für ihr gesamtes Leben, um Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg zu gehen oder mit Gewalt zu reagieren. Stattdessen wissen sie dann, wie sie Streitsituationen angehen und nach einer gemeinsamen Lösung suchen können.
Bei der Methode erlernen fünf- bis zehnjährige Kinder mit spielerischen Elementen ein Modell, das sie befähigt, eigene Gefühle auszudrücken, die eigenen Bedürfnisse und die des anderen Kindes ernst zu nehmen und selbstständig eine Konfliktlösung zu entwickeln. Der Name ist nicht nur im übertragenen Sinn zu verstehen: Zu den Materialien gehört auch ein halboffenes Zelt, in das sich die Streithähne zurückziehen, um ihre Auseinandersetzung beizulegen. Das funktioniert, wie unsere Evaluationen zeigen“, sagt Gisela Stelzer-Marx von iko-Institut für Konfliktlösungen, das Schulungen und Material zur Palaverzelt-Methode anbietet. Die Kinder markieren vor und nach der Bearbeitung des Streits auf einem Smiley-Barometer, wie es ihnen geht. „Die Kinder fühlen sich nach der Lösung des Streits wesentlich besser. Das ist eine wichtige Erkenntnis im Hinblick auf ihre Aufnahmefähigkeit und Lernfähigkeit, gerade im schulischen Kontext“, sagt Stelzer-Marx.

FÜNF PHASEN

Die Konfliktlösungsmethode des Palaverzeltes besteht aus fünf Phasen. In der ersten Phase erhält jedes Kind einmal mit dem Sprechball das Wort und kann in Ruhe seine Sicht des Streites darlegen. „Wichtig ist, dass der Erwachsene diese Sicht dann noch einmal kurz zusammenfasst, um sicherzugehen, dass alle das richtig verstanden haben“, sagt Gisela Stelzer-Marx. In Phase zwei geht es darum, Gefühle zu benennen. Das gelingt im Palaverzelt mit sieben verschiedenen Delfinen, denen es ganz unterschiedlich geht – sie sind zum Beispiel fröhlich, traurig oder wütend. Diese Emotionskarten dienen als Anreiz dafür, dass die Kinder von ihrem Gefühlsleben erzählen.
Die dritte Phase geht den Ursachen des Streits auf den Grund, es wird versucht, tiefer an die Bedürfnisse eines jeden Kindes zu kommen. Dabei hilft die Wunschmuschel. „Das ist oft der Knackpunkt, bei dem sich das Ganze drehen kann“, sagt Stelzer-Marx. Wenn ein Kind zum Beispiel sagt: „Ich wünsche mir, dass ich endlich wieder mitspielen kann“, macht das klar, dass es hier ums Dazugehören geht. In dieser Phase entwickelt sich auch das gegenseitige Verständnis: Warum hat der andere sich so verhalten, wie er es getan hat? In Phase vier hilft eine Glühbirne als Ideengeber – hier sollen jetzt Lösungsideen gesammelt werden, und zwar von den Kindern selbst. Orientiert an der Frage „Habt ihr eine Idee, wie dieser Streit beendet werden kann?“ werden alle Vorschläge notiert, auch – und das ist wichtig, sagt Stelzer-Marx – solche, die in den Ohren von Erwachsenen erst einmal absurd oder abseitig klingen.
Nacheinander werden diese Vorschläge dann in der fünften Phase durchgegangen. Wem ein Vorschlag gefällt, der drückt auf die Klingel. So wissen alle gleich, welche Lösung von allen angenommen worden ist. Die wird nach einer kurzen Zusammenfassung des „Schlichtungsverfahrens“ schriftlich festgehalten. Alle Streitparteien unterzeichnen, worauf man sich verständigt hat.

PERSPEKTIVWECHSEL: WAS FÜHLT DER KONTRAHENT?

Alles in allem dauert so eine Sitzung im Palaverzelt rund 20 Minuten – abhängig vom Alter der Kinder und dem Problem. „Wir empfehlen, die Methode vor allem bei schwierigen Konstellationen zu verwenden, wenn zum Beispiel ein Kind ausgeschlossen wird und sich eine Dreiecksgeschichte ergeben hat“, sagt Stelzer-Marx. Einfache Konflikte können Kinder im Grundschulalter gut allein klären. Mitunter gehe es auch darum, den Kindern dabei zu helfen zu erkennen, was eigentlich hinter einem bestimmten Verhalten steckt. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Kinder das Angebot des Palaverzelts gerne annehmen. „Sie erleben das als Bereicherung, fühlen sich wertgeschätzt und sind wunderbar offen gegenüber dieser Methode“, sagt Gisela Stelzer-Marx. Ziel ist es, den Kindern ein konstruktives Konfliktverhalten beizubringen. Von klein auf lernen wir über die Methode des Nachahmens. Wir orientieren uns an unserer Umwelt – wie macht man dies, wie verhält man sich in jener Situation. Konflikte sind Situationen, in denen wir an unsere Grenzen stoßen. Es knallt – im übertragenen Sinn. Kinder orientieren sich auch bei Streits und Auseinandersetzungen daran, wie andere mit der Situation umgehen. In diesem Moment greift das Palaverzelt und bietet konstruktiv Hilfe, die gleichzeitig nachhaltig ist. Bestenfalls übernehmen Kinder die einzelnen Schritte und wenden sie später eigenständig in schwierigen Situationen an.

AUCH DIE ERWACHSENEN LERNEN DAZU

Während manche Methoden zur Konfliktbewältigung gezielt andere Kinder als Streitschlichter einsetzen, wird beim Palaverzelt Wert darauf gelegt, dass ein Erwachsener die Funktion des Mittlers übernimmt. „Nicht, weil der es besser weiß – sondern weil wir die Kinder nicht überfordern wollen“, sagt Stelzer-Marx. Wenn das Palaverzelt zum Einsatz kommt, macht das auch etwas mit den Erwachsenen. Die sind nämlich gezwungen, ihre gewohnte pädagogische Rolle zu verlassen und sich darauf einzulassen, die Dinge mal aus einer anderen Perspektive oder mit einem anderen Fokus zu betrachten. „Das ist für viele Erwachsene ebenso ein Lerneffekt, wenn sie merken, dass es oft sehr auf die eigene Haltung ankommt“, erzählt Stelzer-Marx. Statt in ein „Ach, der schon wieder“ samt alten Denkmustern zu verfallen, lädt das Palaverzelt dazu ein, Mensch und Handlung getrennt zu betrachten und vor allem nicht zu bewerten. Eine Herausforderung, gerade auch für Erwachsene. Mitunter entscheiden sich sogar Kinder und Erzieher gemeinsam für einen Besuch im Palaverzelt, wenn es zwischen Groß und Klein etwas zu klären gibt.

Es gibt kein perfektes Alter fürs Zelt. Als Faustregel kann man davon ausgehen, dass Kinder mit etwa acht, neun Jahren dazu in der Lage sind, einen Perspektivwechsel durchzuführen und auch mal zwei Meinungen zu einem Thema stehen lassen können. Nach dem Motto: Ich bin okay, du bist okay – wie können wir das Problem klären? Allerdings können Kinder bereits mit fünf Jahren erkennen und akzeptieren, dass eine andere Person etwas anders erlebt hat als sie selbst. „Wenn die Kinder in der Lage sind, sich dazu zu artikulieren, kann das Palaverzelt problemlos auch mit den älteren Kindern im Kindergarten angewandt werden“, sagt Gisela Stelzer-Marx.

Hintergrund

  • Das Konzept „Palaverzelt – mit Kindern Konflikte lösen“ wurde von Prof. Dr. Ansgar Marx und einem Team von Kitaleiterinnen, Erzieherinnen sowie Studierenden der Ostfalia Hochschule zwischen 2007 und 2009 ent- wickelt.
  • Die Methode wurde 2016 in die Liste empfehlenswerter Präventionsansätze in den Bereichen Familie, Schule, Kinder/Jugendliche des Landespräventionsrates Niedersachsen aufgenommen, mehr Infos unter www.gruene-liste-praevention.de.
  • Das Programm kann bei einem eintägigen Training (z. B. Berufsbildungsseminar) oder auch als Inhouse-Seminar für das Team erlernt werden.
  • Fachkräfte können für 298 Euro den Palaverzelt- Koffer mit den entsprechenden Utensilien und Anleitungen bestellen. www.palaverzelt.de

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