Die Kraft der Sprache

Doppelbotschaften sind verwirrend, insbesondere für Kinder. Wer sich klar und eindeutig ausdrückt, vereinfacht das Miteinander im Ganztag.

Die Kraft der Sprache
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Vor Kurzem war ich wieder einmal beruflich mit der Bahn unterwegs. Inspiriert durch meine Reiselektüre – ich las gerade einen Text mit dem Titel „Wissen Sie wirklich, was Sie sagen?“ – beobachtete ich eine Familie neben mir im Großraumwagen. Die Mutter sagte zu ihrer Tochter, die schätzungsweise sieben oder acht Jahre alt war: „Kannst du bitte aufhören zu zappeln und still sitzen bleiben?!“
Sätze wie diese, in denen eine Frage und eine Aufforderung vermischt werden, sind in der Alltagssprache häufig. Allerdings enthalten „Kannst du aufhören zu zappeln?“ und „Bleib still sitzen!“ zwei verschiedene Botschaften. Für die Tochter war das verwirrend. Es hat einige Augenblicke gedauert, bis sie die Nachricht entschlüsseln konnte. Daher reagierte sie nicht sofort. Hilfreicher wäre es gewesen, wenn die Mutter klar ausgedrückt hätte, was sie will: „Bleib bitte still sitzen!“ oder „Hör auf zu zappeln!“.

FRAGE UND BITTE WERDEN HÄUFIG VERMISCHT

Kleinere Kinder können mit doppelten Botschaften häufig gar nichts anfangen und handeln daher oft stark verzögert oder gar nicht. Das wird ihnen dann als Trödeln oder Nicht- Hinhören ausgelegt. Dabei liegt es am Sender und nicht am Empfänger, wenn die Nachricht nicht klar und eindeutig ankommt. So ist es übrigens auch im Ganztag. „Kannst du bitte die Tür schließen?!“ „Kannst du mir bitte die Mappe bringen?!“ „Kannst du bitte deine Schuhe anziehen?!“ Fühlen Sie sich ertappt? Nicht schlimm. Wir alle sind mit dem Vermischen der Satzarten groß geworden und setzen sie auch unter Erwachsenen häufig und wie selbstverständlich ein. Etwa wenn wir im Restaurant zum Kellner sagen: „Kann ich bitte bezahlen?“
Wenn wir uns und unseren Kindern helfen wollen, im Denken und Handeln klarer zu werden, sollten wir bei unserer Sprache anfangen. Achten Sie einfach mal eine Zeit lang auf Ihre Formulierungen. Wie oft vermischen Sie eine Frage und eine Aussage, eine Frage und eine Aufforderung oder eine Frage und eine Bitte? Wenn Sie sich das bewusst machen, ist schon der erste Schritt getan. Um Ihre Botschaft unmissverständlich zu übertragen, trennen Sie dann noch die Bitte von einer Aufforderung: „Mach bitte die Tür zu. Bring mir bitte die Mappe. Zieh dir deine Schuhe an.“
Die meisten Erwachsenen gehen davon aus, dass Kinder genau wissen, was der andere meint. Das ist jedoch nicht der Fall. Kinder – und übrigens auch manche Erwachsene – brauchen erst eine Weile, um zu erfassen, was andere Menschen von ihnen wollen. Manchmal können sie die verwirrenden Botschaften nur anhand der Mimik, der Gestik und des Tonfalls entschlüsseln. Machen wir es doch ihnen und uns einfacher, indem wir klar sagen, was wir meinen: „Hallo, Herr Kellner, ich möchte bitte bezahlen.“ Wer es ein bisschen höflicher mag, kann ja noch hinterherschieben: „Es wäre schön, wenn Sie zeitnah kommen würden.“

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