VielfaltSchule für die globalisierte Welt

Bildungseinrichtungen können von Kindern mit Fluchterfahrung profitieren. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, lernen auch die Einheimischen viel über unterschiedliche Länder und Kulturen.

Die Schulen sind voller geworden und die Herausforderungen größer. Sprachprobleme tauchen ebenso auf wie interkulturelle Missverständnisse in der Elternarbeit oder Sorgen wegen traumatisierter Kinder. Geht es um Flüchtlinge an den Schulen, werden vor allem die Schwierigkeiten diskutiert. Integrationsforscher verweisen aber darauf, dass vom gemeinsamen Lernen und Aufwachsen mit Schülern aus anderen Teilen der Erde alle Kinder profitieren können – auch die einheimischen.
„In der globalisierten Welt müssen wir lernen, mit Menschen aus den verschiedensten Kulturen klarzukommen“, sagt die Inklusionspädagogin Maja Schachner von der Universität Potsdam. „Deshalb ist die Schule sehr gut dafür geeignet, die Schüler darauf vorzubereiten.“ An kaum einem anderen Ort kommen so viele Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammen – und das in einem Alter, in dem viele Einstellungen erst entstehen.
Nicht zuletzt die Flüchtlinge bringen die unterschiedlichen Teile der Welt in die hiesigen Klassenzimmer. Damit ermöglichen sie einheimischen Kindern ganz persönliche Erfahrungen mit Menschen aus anderen Sprachräumen und Gesellschaften. „Viele der heutigen Schüler werden später während des Studiums eine Weile ins Ausland gehen. Die Fähigkeiten, die man dort braucht, kann man in einer vielfältigen Schule lernen“, sagt Schachner.
Eine Studie der Universität Cambridge über das Potenzial eingewanderter Heranwachsender in den USA aus dem Jahr 2012 bestätigt diese Einschätzung. Dass gemeinsame Klassen mit Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Kulturen sogar leistungsfördernd wirken können, zeigt eine vor zwei Jahren erschienene britische Untersuchung. In dem Forschungsprojekt stellte sich heraus, dass Londoner Schüler im Unterricht besser abschnitten als britische Schüler aus Gegenden mit weniger Einwanderung und homogeneren Klassen. „Das gilt sowohl für Schüler mit wie auch ohne Migrationshintergrund“, sagt Adam Rutland vom Goldsmiths- Institut der Universität London.
Allerdings sind solche Erfolge kein Selbstläufer, der Psychologe nennt als Voraussetzung „positiven Kontakt“ zwischen den Kulturen: „In London gibt es zum Beispiel viele interethnische Freundschaften zwischen Schülerinnen und Schülern.“ Den Rahmen dafür können die Pädagogen an den Schulen setzen. „Hier bieten sich viele Möglichkeiten für Erzieherinnen und Erzieher im Ganztagsbereich“, sagt Schachner. „Diese Zeit kann ja oft viel freier gestaltet werden als der Unterricht.“
Wichtig ist, dass alle Kinder gleichberechtigt einbezogen werden. Die Potsdamer Wissenschaftlerin ist überzeugt davon, dass ein diskriminierungsfreier Umgang der Pädagogen mit allen Schülerinnen und Schülern positive Einstellungen zwischen den einheimischen Kindern und den Neuankömmlingen entstehen lassen kann. Dafür sind ganz grundsätzliche Fähigkeiten wie Sozialkompetenz, Empathie oder Offenheit gegenüber anderen Kulturen gefragt, die für die Arbeit an Schulen ohnehin wichtig sind.
Trotzdem hält Schachner Fortbildungen auch auf diesem Gebiet für wichtig. Denn die Erfahrung von Inklusionsforschern zeigt: Viele Deutsche scheuen sich, über kulturelle Unterschiede zu sprechen, weil sie dies als vermeintliche Lehre aus der nationalsozialistischen Vergangenheit verstehen. Pädagogen betonen deshalb oft, alle Kinder seien gleich. „Das stimmt zwar im Hinblick auf: Wir sollten alle gleichberechtigt sein und alle die gleichen Chancen haben“, sagt Schachner. „Aber wir sind eben trotzdem verschieden. Und diese Verschiedenheit muss man auch anerkennen und in seine Arbeit mit einbeziehen.“

WIR MÜSSEN VERSCHIEDENHEIT ANERKENNEN

Das bedeutet auch, die Herkunftskultur der Flüchtlinge anzuerkennen. Von den Neuankömmlingen kann nicht erwartet werden, dass sie den eigenen Hintergrund völlig aufgeben. Es ist wichtig, Kinder zu unterstützen, die es schaffen, sich die deutsche Sprache und Kultur anzueignen und gleichzeitig ihre eigene Kultur aufrechtzuerhalten.
Auch Pädagogen sollten sich stets der eigenen Vorurteile bewusst sein. Wissenschaftler gehen davon aus, dass jeder Mensch voreingenommen ist. Linda Juang, Professorin für Inklusionspädagogik in Potsdam, verweist auf Stereotype, die auch Migranten wohlwollend gegenüberstehende Menschen oft im Hinterkopf haben: „Nicht alle Flüchtlingskinder kommen aus instabilen Wohn- und Familienverhältnissen oder leiden unter sprachlichen Defiziten.“ Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund in der Schule als weniger kompetent wahrgenommen werden, selbst wenn sie die gleichen Leistungen wie ihre deutschen Mitschüler zeigen. „Man muss sich immer wieder klarmachen: Flüchtlingskinder sind vor allem eines – Kinder“, betont Juang.
Die Angst vor eigenen Fehlern kann die Arbeit ebenfalls blockieren. „Manche Pädagogen denken: Ich habe keine Ahnung von Kindern aus Syrien“, sagt die Wissenschaftlerin. „Aber sie müssen darüber nicht alles genau wissen. Wichtiger ist, eine gute Beziehung zum Kind aufzubauen.“ Das hilft den Neuankömmlingen dabei, Fuß zu fassen, und lässt schnell die ganze Klasse oder Hortgruppe zusammenwachsen – die wichtigste Voraussetzung für den „positiven Kontakt“ zwischen den Kulturen.

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