Herausforderndes VerhaltenRüpel, Stänker, Pausenclowns

Herausforderndes Verhalten: Rüpel, Stänker, Pausenclowns
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klasseKinder!: Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Ganztagsbetreuung. Was ist Ihr Eindruck: Gibt es heute mehr Kinder mit gestörtem Verhalten als früher?
Knut Vollmer: Bereits vor 20 Jahren gab es Kinder, die sich auffällig zeigten. Aber die Zusammenhänge sind heute andere. Die Kinder werden jünger eingeschult, gleichzeitig wollen Eltern ihren Nachwuchs am liebsten aufs Gymnasium bringen. Das alles hat den Leistungsdruck im Grundschulalter immens erhöht. Auch sind die Symptome vielfältiger: Es gibt psychosomatische Beschwerden, Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle und im Umgang miteinander. Und ich beobachte, dass es manchen Kindern und auch Eltern schwerfällt, sich in bestehende Strukturen einzuordnen.

Wie wirkt sich das auf die pädagogische Arbeit aus?
Die Anforderungen sind gestiegen. Jedes Kind muss mit seinen Themen und Bedürfnissen gesehen werden. Gleichzeitig führen Erzieher eine Gruppe, die sich immer heterogener zeigt – und das manchmal unter unzureichenden Rahmenbedingungen. Dazu kommen die Symptome: Frustration geht in Aggression über. Jungs werden dann tatsächlich körperlich aggressiv, Mädchen verarbeiten das eher anders, nach innen.

Gehören Rangeleien und Kämpfe in dem Alter – gerade bei Jungs – nicht auch zur Entwicklung dazu?
Natürlich. Nicht jedes handfest ausgetragene Kräftemessen ist Anlass zur Besorgnis. Kinder testen Grenzen aus und gehen auch mal drüber. Ein Stück weit können sie das unter sich regeln, teilweise brauchen sie dann auch die Unterstützung von uns Pädagogen, die den Rahmen abstecken, moderieren und Rituale finden. Das hat nichts mit Verhaltensauffälligkeiten zu tun.

Werden Kinder zu schnell zu Problemfällen abgestempelt?
Es besteht zumindest die Gefahr, dass wir Verhalten falsch interpretieren. Insbesondere wenn Kinder nicht unseren Vorstellungen und Erwartungen entsprechen und sie uns selbst wütend machen.

Wut und Aggression zu bewältigen fällt auch vielen Erwachsenen schwer.
Aggressionen sind in unserer Gesellschaft verpönt und werden tabuisiert. Dabei sind nicht diese Gefühle das Problem, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen.

Was bedeutet das für den Hort?
Die Einrichtungen müssen darauf eingestellt sein: Gibt es genügend Raum für Bewegung? Gibt es Möglichkeiten, Aggressionen auszuleben, zu kanalisieren – etwa mit einem Matratzenlager, wo Kinder auch mal raufen können? Es kann sich lohnen, Boxsäcke anzuschaffen oder aufblasbare Schwimmringe – sogenannte Belly Bumper, mit denen Kinder auch mal schubsen können. Wichtig ist auch der Umgang mit Emotionen und Aggressionen innerhalb des Teams: Darf ich meinen Kollegen auch mal die Meinung sagen? Da kann man sich als Einrichtung ruhig kritisch hinterfragen.

Kinder machen Probleme, wenn sie Probleme haben. Hilft es, wenn Betreuer auf die Gründe gucken, die hinter auffälligem Verhalten stehen?
Unbedingt! Ich sehe es so: Auffälliges Verhalten ist die gesunde Antwort auf eine krank machende Umwelt. Wenn Kinder sich auffällig zeigen, dann haben Pädagogen eine besondere Verantwortung. Sie müssen beobachten und sich fragen: In welchen Zusammenhängen – wo und mit wem – zeigt sich ein Kind auffällig? Wie äußert sich das? Wie wächst das betreffende Kind auf, welche Situation herrscht zu Hause? Es hilft, ein systematisches Fallgespräch im Team zu führen. Die Methode der kollegialen Beratung hat sich aus meiner Erfahrung sehr bewährt – ein strukturiertes Verfahren, bei dem man zusammen mit Kollegen Lösungen erarbeitet.

Ein ganz konkreter Fall: Im Hort meiner Tochter reagiert ein Mädchen immer unangemessen aggressiv. Es haut die anderen Kinder, tritt oder rempelt. Was tun?
Als Erwachsener neigt man dazu, bei solchem Verhalten reflexartig zu schimpfen oder Sanktionen auszusprechen. Aber Erziehung heißt ja nicht verbieten oder strafen, sondern Verhalten zu steuern. Wir als Pädagogen müssen uns in so einem Fall fragen: Was braucht das Kind? Reagiert es aus einer Not heraus? Was ist der nächste Schritt, was muss es lernen? Das kann man auch im Gespräch mit dem Kind klären: Kannst du uns Signale geben? Was passiert mit dir, kurz bevor du ausrastest? Für das Kind ist das eine andere Botschaft, als wenn es ständig mitbekommt: „Ich bin der Störer, ich nerve.“

Aber unter diesem Verhalten leiden auch die anderen Kinder.
Die Gruppe braucht natürlich ein Signal und muss das Gefühl haben, dass die Betreuer sich für ihre Belange einsetzen. Da haben sich übrigens Kinderkonferenzen bewährt, bei denen die Schüler für ihre Anliegen eintreten und gemeinsam Lösungen suchen. Es kann auch für das Mädchen hilfreich sein, eine Reaktion von Gleichaltrigen zu bekommen. Oft leiden Störer unter ihrer Außenseiterrolle.

Was ist Ihrer Meinung nach ein gutes Mittel, wenn gar nichts mehr geht?
Pädagogen sollten mit Kindern und Eltern sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Manchmal brauchen die Familien mehr, als eine Horteinrichtung bieten kann, etwa Hilfe bei der Erziehung. Es gibt verschiedene pädagogische oder therapeutische Maßnahmen, die Eltern beim Jugendamt beantragen können.

Fühlen sich Hortbetreuer auf den Umgang mit herausfordernden Kindern gut vorbereitet?
Eher nicht, das ist zumindest mein Eindruck. Meine Praktikanten können Angebote bis ins Detail durchplanen. Aber auf die kniffeligen Aufgaben – dazu gehört neben dem Umgang mit auffälligen Kindern auch die Zusammenarbeit mit den Eltern – sind sie nicht vorbereitet. Aus meiner Sicht müsste da mehr in der Ausbildung passieren.

Das Interview führte Ulrike Schattenmann.   

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