"Gemüseackerdemie"Gartenschule für gesunde Ernährung

Kohlrabi, Rettich oder Chinakohl? Viele Kinder kennen diese Gemüsesorten nicht und haben sie auch noch nicht gegessen. Der Verein „Ackerdemia“ will gegensteuern: Er organisiert den Anbau von Obst und Gemüse im Schulgarten – Kinder pflegen Beete und lernen den Wert von Lebensmitteln kennen.

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Dieses Gemüse erkennen auch viele Erwachsene nicht auf Anhieb, aber ein Viertklässler klärt auf: „Das ist Eiszapfen-Radies.“ Er und seine Mitschüler an der Berliner Hugo-Heimann-Schule haben diese und viele andere Gemüsesorten im schuleigenen Garten ausgebracht. Und natürlich wollen sie möglichst viele der rettichförmigen Knollen ernten.
Dafür beackern die Schüler jetzt Montag für Montag ihre Beete: gießen vorsichtig erste Triebe, lockern den Boden auf, zupfen Unkraut. Und dann ist da noch die Jagd nach dem natürlichen Feind der Salatköpfe: „Wir müssen immer wieder Schnecken einsammeln“, erklärt der Viertklässler.
Viele Jahre lag der Garten der Hugo-Heimann-Schule wie im Dornröschenschlaf. „Wir haben mehrmals versucht, die Beete zu bewirtschaften – aber immer ohne Erfolg“, räumt Schulleiterin Martina Sonnenberg ein. Das Personal ist knapp, es fehlte einfach jemand, der sich beständig um die Pflege hätte kümmern können. Jetzt nutzt die Grundschule ihr Stück Land wieder für die Ganztagsbetreuung: Ermöglicht wurde das durch das Bildungsprogramm „GemüseAckerdemie“, dessen Gründer Christoph Schmitz die gärtnerischen Sorgen vieler Schulen kennt: „Ein eigener Schulgarten ist für viele Schulen und Lehrer allein nur schwer umzusetzen. Wir unterstützen sie mit allem, was dazugehört.“

KEINEN BEZUG ZUR NATUR

Der Agrarwissenschaftler ist auf dem Bauernhof aufgewachsen und beschäftigt sich auch wissenschaftlich damit, dass die Gesellschaft sich von der Lebensmittelproduktion entfremdet. „Die meisten Kinder wissen nicht, wo Nahrungsmittel herkommen, wie sie entstehen und wie man sie selbst anbauen kann“, beobachtet Schmitz. „Sie haben den Bezug zu Natur und Landwirtschaft verloren, ernähren sich ungesünder und werfen immer mehr weg.“ Aus dieser Erkenntnis heraus entstand der Verein „Ackerdemia“, der mittlerweile an gut 20 Schulen in fünf Bundesländern das „GemüseAckerdemie“- Programm anbietet.
Im Garten der Berliner Hugo-Heimann-Schule hat sich die Klasse inzwischen in zwei Gruppen aufgeteilt. Während einige Schüler das schnell wachsende Unkraut auf den Beeten hacken, harken die anderen zwischen den Bäumen hinter dem Gartenzaun vermodertes Laub aus dem Herbst zusammen. „Die alten Blätter kommen auf den Kompost“, sagt der zehnjährige Achmed, „dann wird die Erde besser.“
Erstaunlich viele der Viertklässler hier haben schon landwirtschaftliche Erfahrung – wenn auch teils in ganz anderen Klimazonen. „Meine Oma im Libanon hat im Garten Pflanzen, die stacheln“, berichtet Ali. Die neunjährige Mert ergänzt, sie gieße immer die Beete ihrer Großeltern, wenn sie mit ihren Eltern den Sommer in der Türkei verbringe.

ZUM ERSTEN MAL SPINAT ESSEN

Allerdings haben die „GemüseAckerdemie“-Mitarbeiter auch ganz andere Eindrücke gesammelt: „Ich habe schon Kinder erlebt, die Angst hatten, die Erde auch nur zu berühren“, berichtet Christiana Henn aus Berlin. Nach einer Saison im Gartenprojekt komme es dann aber vor, dass Kinder plötzlich Spinat, Rettich oder Salat essen, obwohl sie davon vorher nie etwas wissen wollten.
Geleitet werden die Ackerkurse von einer Lehrerin oder einem Lehrer der jeweiligen Schule. Saat- und Pflanzgut, Werkzeug, fachliche Informationen, Schulungen und umfangreiches Lehrmaterial steuert die „GemüseAckerdemie“ bei. Die Fachleute dort erarbeiten einen Anbauplan für mehr als 25 Gemüsesorten und koordinieren die Gartenarbeit nach ökologischen Richtlinien. Alles Nötige auf den Beeten übernehmen zwischen April und Oktober dann die Schüler. Ein Vermarktungsprojekt schließt den Kurs ab. „Manche Schulen organisieren einen Markt, auf dem die Ernte verkauft wird“, sagt Christiana Henn, „andere suchen sich Paten, die das Gemüse gegen Geld abnehmen.“ Auf diese Weise sollen die Kinder verstehen lernen, dass Lebensmittel generell und Gemüse im Speziellen einen Wert haben.
Unterdessen geht in der Berliner Hugo-Heimann-Schule die Gartenstunde ihrem Ende entgegen. Schnell räumen die Kinder ihre Werkzeuge zusammen, stellen alles in einem kleinen Schuppen ab und verabschieden sich ausgelassen von den Lehrkräften.
„Viele unserer Kinder verbringen ihre freie Zeit vor dem Fernseher oder dem Computer und haben keinerlei Beziehung zur Natur“, sagt Schulleiterin Martina Sonnenberg. Die Defizite mancher Grundschüler lassen sich erahnen, wenn die Lehrer sich vom Gartenprojekt die Vermittlung ganz elementarer Dinge erhoffen. Der Jahreskreislauf etwa werde erfahrbar, sagt Sonnenberg. Sie schätzt aber auch den praktischen Ansatz – dass die Kinder anpacken und den Garten mit eigener Hände Arbeit bewirtschaften: „Nur was ich irgendwann mal praktisch in der Hand hatte, bringe ich auch in die Köpfe.“

Mehr Informationen zum Projekt unter www.gemüseackerdemie.de

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