Bewegungskonzept "Bewegte Schule"Bewegt durch den Tag

Wieso braucht es eigentlich die „Bewegte Schule“? Und was genau macht sie aus? Überlegungen zu einem zeitgemäßen Bewegungskonzept und seinen Erfolgsbedingungen.

Der Artikel in 150 Wörtern

Dass Kinder gerne rennen, klettern, hüpfen und sich die Welt über Bewegung erschließen, steht im Kindergarten außer Frage. Doch mit dem Eintritt in die Schule wird das „Bewegungskind“ zum „Sitzkind“. Obwohl Bewegung weiterhin eine Voraussetzung für seine gute psychische, physische, soziale und kognitive Entwicklung ist, beginnt nun ein Leben auf dem Stuhl.

Bewegung ist nicht nur ein Entwicklungsbeschleuniger in Kindheit und Jugend, sie begleitet ein freudvoll gelebtes Leben bis zum Schluss. Diese zentrale Ressource des Menschen darf die Schule nicht außer Acht lassen, zumal die Ganztagsschule, an der Kinder und Jugendliche den größten Teil ihrer Wachzeit verbringen. Eine solche Schule hat eine besondere Verantwortung für die Gesunderhaltung ihrer Schüler. „Bewegte Schule“ wird bisweilen missverstanden als sportives Rezept gegen die Sitzschule. Man versucht, einen ermüdenden Unterricht mit belebenden Bewegungshäppchen aufzulockern, bevor es wieder anregungsarm weitergeht. Ein derart punktueller Einsatz von Bewegung entspricht nicht den Bedürfnissen der Kinder. Auch mehr Sportunterricht ist zwar begrüßenswert, aber macht allein noch keine „Bewegte Schule“. Vielmehr gilt es, Bewegung als Grundbedürfnis des Menschen zu erkennen und in allen Bereichen der Schule zu nutzen.

„Bewegte Schule“ heißt: die Schule so zu gestalten, dass Kinder in ihrer natürlichen Bewegungsfreude unterstützt werden. Dass sie bewegenden, spannenden Unterricht erfahren, der viel Raum für Eigentätigkeit lässt. Dass Schule ein Lebensort ist, der allein schon durch die räumliche Gestaltung dazu anregt, sich auszuprobieren und Neues zu erfahren. „Bewegte Schule“ heißt auch, dass Lehrer Erzieher, Sozialpädagogen und Schulsozialarbeiter keine Kräfte verschleudern, sondern sich motiviert ihren pädagogischen Aufgaben widmen können. Eine „Bewegte Schule“ bietet Zeit und Raum fürs Lernen, Spielen, Ruhen, Erholen und den Austausch von Groß und Klein.

Was heißt das für die Gestaltung von Raum, Zeit und den Umgang untereinander? Im Folgenden einige Gelingensbedingungen aus dem Konzept der „Bewegten Schule“:

1. Starke Erwachsene – Starke Kinder

Lernen ist wie Atmen – Kinder lernen immer. Sie lernen weniger im verkündigungsorientierten Unterricht als in informellen Situationen, etwa indem sie Lehrer, Horterzieher, pädagogische Betreuungspersonen oder Schulsozialarbeiter beobachten und erleben. Authentische, motivierte Erwachsene sind die zentrale Erfolgsvariable, um Kinder zu bewegten und bewegungsfreudigen Menschen zu entwickeln. Dabei spielt es auch keine Rolle, wo der jeweilige Erwachsene in der Berufshierarchie im Schulalltag steht. Viele von uns erinnern sich an „tolle“ Pädagogen, Menschen, die uns beeindruckten und prägten. Das waren Persönlichkeiten, die echtes Interesse an uns zeigten, die ehrlich und rücksichtsvoll waren – und eine gute Bindung zu uns Kindern herstellen konnten.
Ein überlasteter, erschöpfter, vielleicht gar frustrierter Pädagoge kann diese Aufgabe nicht erfüllen. „Bewegte Schule“ setzt daher auch an der Gesundheit der Erwachsenen an. Es gilt, hausgemachte Krankmacher zu beseitigen, etwa Aufgaben- und Zeitdruck, der für Überlastungsgefühle sorgt („Ich werde nie damit fertig!“).  

Tipp

Geschicktes Zeitmanagement

  •  Unterscheiden Sie, was Kerngeschäft ist und was flankierende Aktivitäten sind, und priorisieren Sie regelmäßig die anstehenden Aufgaben.
  • Nehmen Sie neue Aufgaben nur an, wenn alte erledigt sind und wieder Zeitressourcen frei sind.
  • Führen Sie keine Dienst- oder Elterngespräche in den großen Pausen, sondern nutzen Sie diese zur Erholung.
  • Halten Sie Beginn- und Schlusszeiten bei „Teammeetings“ verbindlich einund lockern Sie sie durch Bewegung auf.
  • Erkennen Sie an, dass es immer wieder Hocharbeitsphasen gibt (Elternsprechtag, Weihnachten, ...)

Der bewusste Umgang mit (Lebens-)Zeit ist ein Schlüssel für Zufriedenheit im Beruf. Gemäß dem ressourcenorientierten Ansatz der Salutogenese ist außerdem das Kohärenzgefühl – der Zuversichtssinn – eine wichtige Grundlage für seelische und körperliche Gesundheit und für die Leistungsfähigkeit im Berufsleben. Dazu zählen Verstehbarkeit („Ich blicke durch“), Handhabbarkeit („Ich kann es packen“) und die Erfahrung von Sinnhaftigkeit der jeweiligen Aufgaben („Es lohnt sich“). Wenn diese drei Voraussetzungen gegeben sind, bleiben Lehr- und Betreuungskräfte motiviert und übernehmen Verantwortung, was wiederum der Berufszufriedenheit und damit auch der Gesundheit dient.

In der Praxis an Ganztagsschule und Hort heißt das: ein kluges Zeit- und Aufgabenmanagement sowie Beteiligungsstrukturen schaffen. So kann etwa ein Lenkungsausschuss mit gewählten Vertretern aus Ganztagsschule und Hort viele Aufgaben der Schulorganisation steuern – es muss nicht alles bei der Schulleitung liegen.

2. Anregende Räume – Angeregte Kinder

Räume bilden – darüber besteht Einigkeit. Die Bedeutung des Raums als „dritter Pädagoge“ wird jedoch oft noch unterschätzt. Besonders im Außengelände liegen viele Entwicklungs- und Lernpotenziale brach: Monotone Gras- und Betonflächen, etwas Gebüsch, ein paar Bänke, dazu recht einfallslose Klettergeräte und Balancierbalken, „damit bloß nichts passiert“ – hier findet keine Verführung zur Bewegung statt!

Eine große Falle sind unterfordernd gestaltete Außengelände. Langweilige Geräte zerstören die Bewegungslust und sorgen paradoxerweise für steigende Unfallzahlen. Denn wenn Kinder motorisch unterfordert sind, passen sie nicht so gut auf wie an herausfordernden Geräten und stürzen in vermeintlich harmlosen Situationen. Unterfordernd gestaltete Außenflächen begünstigen zudem Vandalismus und einen Anstieg aggressiver Handlungen.

Tipp

Ein stimulierendes Außengelände

  • Grundsätzlich sollte das gesamte Gelände die motorischen Grundfertigkeiten der Kinder ansprechen: springen, rennen, balancieren, rollen, klettern, ... Wenn das Außengelände leicht hügelig modelliert ist, entstehen viele Bewegungsmöglichkeiten. Außerdem stimuliert diese Landschaft den Gleichgewichtssinn.
  • Halten Sie Sand und Wasser bereit – Kinder matschen gern; ein Wasserhahn reicht, dazu einen Eimer.
  • Lassen Sie Klettergerüste aus Sicherheitsgründen durch Firmen bauen. Robinienholz eignet sich besonders gut.
  • Für Fußball reichen auch kleine Tore.

    Anders, wenn sich Kinder auf dem Gelände und an den Geräten erproben können; wenn dort verschiedene Fähigkeiten, Fertigkeiten und Sinne angesprochen werden. Dann müssen die Kinder und Jugendlichen ihre Möglichkeiten und Grenzen realistisch einschätzen und sich dem Umgang mit Risiko und Wagnis selbstsichernd stellen. Nur so erwerben sie soziale, motorische und kognitive Kompetenzen.

    Es reicht, wenn Kinder sich dabei beaufsichtigt fühlen – wenn die Aufsichtspersonen beispielsweise an den Schnittpunkten der Sichtachsen stehen und für Schülerinnen und Schüler gut erreichbar sind, sobald etwas passiert ist. Erfahrungsgemäß trauen sich die Kinder ohnehin nur das zu, was sie wirklich können. Auch ängstliche Eltern verlieren in der Regel schnell ihre Sorge, wenn sie beobachten dürfen, wie aufmerksam ihre Kinder an herausfordernde Geräte gehen.  

Tipp

Bewegungsstimulation in Innenräumen

  • Hangelmöglichkeiten in den Fluren
  • Boulder (Kletterwände)
  • mobile Slacklines mit Holzgestell
  • Schwingtrampoline, die nicht verletzungsträchtig sind
  • Spielzeug aus der Bewegungskiste wie Jongliertücher, Schaumstofffrisbees oder „Twister“

3. Ausreichend Zeit – Ausreichend Bewegung

Bewegung braucht Zeit. Sind die Pausen der Schule zu kurz, der Freiraum im Hort zu knapp, dann kommen die Kinder erst gar nicht ins Spiel. Ab 25 Minuten sind Pausen erst Pausen, Gesundheitswissenschaftler empfehlen gar 30 Minuten große Pause.

Eine gute Ganztagsschule wechselt den ganzen Tag zwischen gebundener und freier Lernzeit sowie Freizeit, zwischen An- und Entspannung, Produktivität und Ruhephasen. Das geht freilich am besten an gebundenen Ganztagsschulen, in offenen Einrichtungen ist es schwer, die Trennung von Vormittagsunterricht und Nachmittagsbetreuung aufzulösen. Dennoch: Eine gute Rhythmisierung ist das Erfolgsrezept für Bewegung. Das heißt auch, dass die typischen Nachmittagsberufe bestenfalls stärker in den Vormittag mit eingebunden werden. Und dass mehr Lehrerstunden in den Nachmittag wandern, um die Trennung zwischen „Lernen“ und „Betreuen“ abzuschwächen und darüber hinaus gelenkten Unterricht und freie Lernphasen über den ganzen Tag hinweg abwechslungsreich zu verteilen. Das geht nur mit einem multiprofessionalen Team, in dem die ganzheitliche Arbeit am „Ganztagskind“ als gemeinsamer Nenner für die Zusammenarbeit gesehen wird und sich die Erwachsenen gemeinsam als zuständig zeigen – unabhängig vom Berufsstatus. Kinder brauchen die gleichen Regeln, Rituale und Interventionen, ob es nun Vor- oder Nachmittag ist.

Umgang mit Lebenszeit an einer Bewegten Schule heißt übrigens auch: Räume und Rituale zur Entspannung zulassen. Auszeiten vom Unterricht etwa (siehe Foto unten) oder einen „Erwachsenengarten“ – in dem sich Lehr- und Betreuungskräfte zurückziehen können.  

Tipp

Gelenkte Bewegungsangebote

  • Kinder lieben es zu laufen, hüpfen, fangen oder sich zu verstecken ... – alle klassischen Fang-, Hüpf- oder Bewegungsspiele eignen sich gut (siehe auch „Freche Spiele für zwischendurch“ S. 42 f). Kinder sollten lernen, solche Spiele auch selbst in Gang zu setzen.
  • Fallschirmspiele binden die ganze Gruppe und machen großen Spaß: Alle Kinder halten den Schirm und wechseln dann je nach Kommando auf den gegenüberliegenden Platz, indem sie unter dem Schirm durchrennen. Mögliche Kommandos: „Alle, die heute gut geschlafen haben!“ – „Alle, die rote Socken anhaben!“ – „Alle, die heute am liebsten Nudeln mit Tomatensoße essen würden!“ ...
  • Sehr beliebt ist alles, was rollt, etwa Inliner oder Skateboards – das können Kinder auch selbst von zu Hause mitbringen.

Tipp

Bewegte Pause

Dauer: Mindestens 25 Minuten. In der Bewegungspause soll in keinem Fall gegessen werden: Ins Brot beißen und klettern geht nicht. Die bewegte Pause muss frei sein für Bewegung – am besten anschließend gemeinsam im Klassenverband essen.
Geräte: Es muss für die Schülerinnen und Schüler einfach sein, an ihre Geräte zu kommen. Container mit Ausleihgeräten haben sich bewährt – die Ausleihe kann durch Schülerinnen und Schüler selbst organisiert werden.
Eigenverantwortung: Kinder sollten in der Lage sein, Spiele in kurzer Zeit selbst zu organisieren und in Gang zu bringen. Das kann im Sportunterricht eingeübt werden: Wie erkläre ich ein Spiel? Wie bilde ich Mannschaften? Und wie reagiere ich bei einer Störung?

Tipp

So kommen Bewegungsmuffel in Schwung

Kinder bringen grundsätzlich Bewegungsfreude mit – wenn sie bereits verloren scheint, dann eignen sich einfache Spiele mit attraktiven, animierenden Geräten, die sofort Erfolge versprechen.

  • Jongliertücher aus Seide fliegen langsam durch die Luft und sehen sehr schön aus.
  • Hüpfspiele, die die Kinder mit Kreide selbst auf den Boden zeichnen, können Kinder leicht begeistern.
  • Ein altes Spiel wie „Murmeln“ zieht sie ebenfalls in den Bann. Wichtig ist, dass der Erwachsene selbst Spaß hat, sich zu bewegen. Macht er mit, zieht er das Kind mit.

4. Bewegender Unterricht– Beweglicher Geist

Eine Ganztagsschule ist weniger „Belehranstalt“ als eine „die Menschen bewegende“ Einrichtung, in der Lernen und Leben ganzheitlich aufeinander bezogen sind. Die Devise moderner Pädagogik lautet: Kompetenzerwerb statt Wissensmehrung. Der Kompetenzerwerb gelingt am besten durch eigenständiges forschendes Lernen, durch erprobendes Handeln. Wo Kinder sich selbst für ein Thema interessieren, zeigen sie phänomenale Lernfortschritte.

Solches Lernen setzt Raum für Bewegung voraus. „Bildungsinseln“, die die Kinder je nach Interesse den ganzen Tag über aufsuchen, und andere Formen der Selbsttätigkeit sind geeignete Methoden. Dabei kommen die Kinder auf ganz natürliche Weise in Bewegung und kleben nicht nur auf dem Stuhl. Allein schon die Abschaffung des Stuhls als alleinige „Lernbasis“ und seine Ergänzung durch Wippstühle, höhenverstellbare Steharbeitsplätze und Liegearbeitsplätze steigern die Konzentrations- und Merkfähigkeit. Außerdem lassen Unterrichtsstörungen nach und die Stimmung wird verbessert. Denn Bewegung setzt Endorphine frei, und das sind bekanntlich „Glückshormone“.

Tipp

Inhalt einer Bewegungskiste Ausstattungsempfehlung pro Klasse:

  • 9 Jongliertücher oder mehr, damit auch Gruppen Spaß mit den Tüchern haben
  • 6 Springseile in unterschiedlichen Farben
  • 6 Tennisringe (kleine Gummiringe): Sie eignen sich zum Jonglieren oder verknüpft mit Seilen zum „Seilhüpfen“
  • 3 Gummitwist- Bänder
  • 6 Schaumstoff-Frisbees (kein harter Kunststoff wegen der Verletzungsgefahr)
  • 3 Diabolos
  • 1 Twister: Das ist ein Kunststofftuch mit verschiedenen Feldern. Die Kinder würfeln und müssen dann ihre Hände und Füße auf bestimmte Felder setzen
  • Kreide zum Aufmalen von Hüpfspielen, gegebenfalls Spielanleitungen laminiert mit in die Kiste geben. Gute Spielanregungen finden sich bei den Landessportverbänden
  • 6 Igelbälle zum Spielen und Massieren
  • 6 Kreisel
  • 1 Elefantenhautball (Schaumstoffball mit Schutzüberzug) Empfehlung: Niemals einen Fußball in die Bewegungskiste legen. Besser ist es, wenn Kinder selbst einen Fußball mitbringen und dann besonders gut auf ihren „Klassenball“ achten.

Übrigens: Vertretungsstunden müssen nicht zwangsläufig mit Stillarbeit oder vor dem Fernseher stattfinden. Eine Bewegungsstation (siehe Tipp) ist ein wunderbarer Anlaufpunkt für solche Stunden, aber auch für Betreuungszeiten oder wenn im normalen Unterricht einfach mal die Luft raus ist. Auch in Betreuungszeiten sorgt diese Station für Entspannung auf allen Seiten: vor allem wenn sich Erwachsene freudig mitbewegen.

Tipp

Die Bewegungsstation

Halten Sie in einem Raum oder Container Bälle, Jongliergeräte, Einräder, Roller, Gymnastikreifen, Springseile, Kegel, Schwungtücher etc. bereit.

Die Kinder lernen den Umgang mit den Geräten im Sportunterricht. Dort gibt man ihnen auch Spielideen.

Diese Station eignet sich sehr für Vertretungsstunden, Betreuungszeiten und wenn „aufgetankt“ werden muss.  

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