Experten-InterviewDer ehrliche Blick auf jedes Kind

Ob ein Kind von außerfamiliärer Betreuung profitiert, hängt von zahlreichen Faktoren ab, zeigt die Expertise von Dr. Joachim Bensel. Im Gespräch hat er uns die Bedeutung von Prozessqualität, Persönlichkeit und einer guten Buchungsberatung näher erläutert.

Der ehrliche Blick auf jedes Kind
© Harald Neumann

Herr Dr. Bensel, negative wie positive Auswirkungen institutioneller Betreuung auf die kleinkindliche Entwicklung haben laut Ihrer Expertise vorrangig mit der Prozess- und Strukturqualität einer Einrichtung zu tun. Was verstehen Sie darunter?

Studien haben gezeigt, dass die Qualität der Prozesse, also jene Qualität, in der die Fachkräfte mit den Kindern interagieren, eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Kinder spielt. Die Prozessqualität umfasst viele Bereiche – im Endeffekt all das, was Team und Leitung selbst steuern können, um für Kinder gute Entwicklungsbedingungen zu schaffen, z. B. Hygienestandards oder die Atmosphäre, die in der Kita herrscht. Auf der anderen Seite sind die Rahmenbedingungen entscheidend, also die Strukturqualität, die vom Träger und den gesetzlichen Vorgaben abhängt. Dazu gehören u. a. räumliche Bedingungen und die Fachkraft-Kind-Relation.

Lässt sich das getrennt voneinander betrachten? Gute pädagogische Arbeit ist doch immer von guten Rahmenbedingungen abhängig …

Studien haben gemessen, dass die Strukturqualität zu einem Drittel bis zur Hälfte darüber bestimmt, was an Prozessqualität beim Kind ankommt. Die Arbeit der Fachkräfte unterliegt also einerseits strukturellen Zwängen. Andererseits, das zeigen diese Zahlen auch, gibt es Spielräume, selbst unter schlechten Rahmenbedingungen: Die andere Hälfte der Prozessqualität wird nämlich bestimmt von Faktoren wie dem pädagogischen Geschick der einzelnen Fachkraft und dem Team-Klima.

Die Phase der Eingewöhnung scheint ebenfalls maßgeblich darüber zu bestimmen, welche Effekte die außerfamiliäre Betreuung auf ein Kleinkind hat. Warum ist sie so wichtig?

Durch eine gute elternbegleitete Eingewöhnung, in der die Bezugserzieherin Kontakt zu dem Kind aufnehmen kann, empfindet dieses mit der Zeit auch die pädagogische Fachkraft als sichere Basis. Diese Sicherheit ermöglicht es ihm überhaupt erst, seine dingliche und soziale Umgebung zu erkunden und die Entwicklungsmöglichkeiten, die ihm die Krippe bietet, zu nutzen.

Und doch lässt sich nicht jedes Kind gut eingewöhnen, trotz intensiver Bemühungen von Eltern und Fachkräften. Was raten Sie in solchen Fällen?

Auch wenn die Haltung gegenüber Kinderkrippen zum Glück mittlerweile grundsätzlich positiv ist, sollte das nicht zu der Annahme „anything goes“ verleiten. Ich bin der Meinung, dass es einfach Kinder gibt, für die aufgrund ihrer Persönlichkeit die Krippe zu früh ist. In solchen Fällen sollten nicht die beruflichen Zwänge der Eltern oder die Arbeitgeberwünsche im Vordergrund stehen, sondern nach Alternativen gesucht werden, die dem Kind gerecht werden. Dazu gehört u. U. auch eine etwas spätere Rückkehr in den Job. Wir können die Kinder ja nicht nach dem, was der Arbeitsmarkt fordert, ausrichten – das muss umgekehrt passieren!

Für manche Kinder ist die außerfamiliäre Betreuung generell zu früh. Für andere die tägliche Zeit in der Krippe zu lang. Wie können Kita-Teams die Eltern dabei unterstützen, die richtige Entscheidung für ihr Kind treffen?

Wichtig ist hier vor allem ein ehrlicher Blick und auch, sich von äußerlichen Zwängen zu distanzieren, sei es der Arbeitsmarkt oder elterliche Ängste. In einer guten Buchungsberatung, die es in jeder Kita geben sollte, können Fachkräfte schon vorab klären: Was kommt da für ein Kind? Ist es offen für Neues? Wie geht es auf Menschen, auf andere Kinder zu? Ist vielleicht zu erwarten, dass es sich als Teil einer größeren Kindergruppe sehr schwertun wird? Und dann muss ich speziell für dieses Kind überlegen, was der passende Betreuungsumfang ist.
Gerade auch, wenn sie die Eingewöhnung begleitet haben, sollten pädagogische Fachkräfte so professionell sein, den Eltern gegenüber ehrlich auszusprechen: „Wir merken, dass es Ihrem Kind zu viel ist. Wir empfehlen Ihnen, die Zeiten zu reduzieren“, bzw. im Extremfall: „Wir glauben nicht, dass wir in der Lage sind, Ihrem Kind das zu geben, was es im Moment braucht.“

Gibt es auch ein Minimum an Betreuungsumfang, das nicht unterschritten werden sollte?

Ja, es gibt nicht nur ein Zuviel, sondern auch ein Zuwenig an Krippenbesuch. In Holland etwa bringen Eltern ihre Kinder nur in die Krippe, wenn die Mütter arbeiten, etwa am Montag von 14 bis 18 Uhr und am Donnerstag von 8 bis 13 Uhr. Das ist natürlich keine gute Idee, denn hier geht es nur um das Aufpassen auf Kinder und nicht um frühe Bildung – diese erfordert kontinuierlichen Kontakt zu den anderen Kindern und Fachkräften. Frühe Bildung braucht keine Ganztagesbetreuung, im Gegenteil, wir empfehlen ja gerade für den Anfang eine halbtägige Betreuung. Aber eine mit möglichst wenig Lückentagen, sodass das Kind verlässlich weiß: Ich gehe heute in die Krippe und komme morgen wieder.

Kindern geht es vor allem dann gut, wenn ihre persönlichen Bedürfnisse wahrgenommen werden. Wie schaffen es Fachkräfte, jedem Kind in seiner Individualität gerecht zu werden?

Der Tim muss nachmittags noch mal draußen toben können. Anina will lieber mit der Fachkraft kuscheln und ein Buch anschauen. Ich muss individuell nachspüren, was jedes einzelne Kind braucht.

Was die schlechten Betreuungsschlüssel oft erschweren …

Ja, das stimmt. Teilweise sind die Betreuungsschlüssel katastrophal, da kommen Fachkräfte natürlich schnell an ihre Grenzen. Wobei es aber auch eine Frage der Prioritätensetzung ist: Es gibt sicher Dinge, die kann ich zeitlich reduzieren, um Zeit dafür zu gewinnen, den individuellen Blick auf das Kind zu richten.

Können Sie ein Beispiel für solch zeitliches Einsparpotenzial nennen?

Wir erleben es immer noch, dass in Krippen viel „Gefälligkeitspädagogik“ betrieben wird, z. B. die typischen Bastelarbeiten zum Muttertag. Dabei geht es darum, den Eltern durch vorzeigbare Produkte zu beweisen, dass in der Einrichtung etwas passiert. Doch das ist nicht die primäre pädagogische Aufgabe, sondern die Entwicklungs- und Bildungsbegleitung des einzelnen Kindes. Dass die Fachkräfte wissen, wie es ihrem Kind geht, welches seine Entwicklungsfortschritte sind und welche Kontakte es geknüpft hat, evtl. das eine oder andere sogar auf Video dokumentiert haben, zeigt den Eltern viel eindrucksvoller, dass in der Kita ein guter Job gemacht wird!

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Katrin Imbery.

Kleinstkinder-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Kleinstkinder-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.