Der BewegungskindergartenViel Platz für eine ganzheitliche Entwicklung

Im Zeitaltern der Computer und des Internets bewegen sich unsere Kinder bereits im Kindergarten zu wenig. Das Konzept des Bewegungskindergartens geht dieses Problem an. Hier können sich die Kleinen bei Bewegungsspielen austoben.

Der Bewegungskindergarten: Viel Platz für eine ganzheitliche Entwicklung
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Angesichts der umfassenden Mediatisierung (Computer, Internet, Fernsehen usw.) und der damit verbundenen Bewegungsarmut wird gerade in Erziehungsinstitutionen das Thema Bewegungserziehung immer wichtiger. Mit dem Konzept "Bewegungskindergarten" soll verstärkt der Bewegungsarmut und Bewegungslosigkeit in einer schnelllebigen Zeit begegnet werden.

Bewegung gehört zur kindlichen Aktivität

Spiel und Bewegung sind grundsätzliche Formen der kindlichen Aktivität. Dieser Tatsache will der Bewegungskindergarten Rechnung tragen. Das theoretische Konzept "Bewegungskindergarten" geht davon aus, dass der Mensch nur als Ganzheit vorstellbar ist: Denken, Fühlen, Handeln, Wahrnehmen und Sichbewegen sind miteinander verbundene Tätigkeiten und beeinflussen sich gegenseitig. Bei Kindern ist diese Ganzheitlichkeit besonders stark ausgeprägt, denn sie nehmen noch mit ihrem ganzen Körper wahr. Sie reagieren auf äußere Spannungen mit körperlichem Unwohlsein und ebenso können freudige Bewegungserlebnisse zu einer körperlich und psychisch empfundenen Gelöstheit und Entspannung führen. Die Entwicklung des Selbst ist beim Kind wesentlich geprägt von den Körpererfahrungen, die es in den ersten Lebensjahren macht. Bewegungserfahrungen können somit als die Grundlagen der kindlichen Identitätsentwicklung angesehen werden.

Bewegung als wichtiger Faktor für die Entwicklung

Bewegung ist notwendig für die Entwicklung des Menschen und erfüllt verschiedene Funktionen. In den verschiedenen Entwicklungsstufen und Lebensabschnitten können der Bewegung unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Im folgenden sind diese Bedeutungsfunktionen aufgelistet:

  1. "Personale Funktion - den eigenen Körper und damit sich selbst kennenlernen; sich mit den körperlichen Fähigkeiten auseinandersetzen und ein Bild von sich selbst entwickeln.
  2. Soziale Funktion: - mit anderen gemeinsam etwas tun, mit- und gegeneinander spielen, sich mit anderen absprechen, nachgeben und sich durchsetzen.
  3. Produktive Funktion - selber etwas machen, herstellen, mit dem eigenen Körper etwas hervorbringen.
  4. Expressive Funktion - Gefühle und Empfindungen in Bewegung ausdrücken, körperlich ausleben und verarbeiten.
  5. Impressive Funktion - Gefühle wie Lust, Freude, Erschöpfung und Energie empfinden, in Bewegung erfahren.
  6. Explorative Funktion - die dingliche und räumliche Umwelt kennenlernen und sich erschließen, sich mit Objekten und Geräten auseinandersetzen und ihre Eigenschaften erfassen, sich den Umweltanforderungen anpassen bzw. sie sich passend machen.
  7. Komparative Funktion - sich mit anderen vergleichen, sich miteinander messen, wetteifern und dabei sowohl Siege verarbeiten als auch Nierderlagen ertragen lernen.
  8. Adaptive Funktion - Belastungen ertragen, die körperlichen Grenzen kennenlernen und die Leistungsfähigkeit steigern, sich selbstgesetzten und von außen gestellten Anforderungen anpassen."

Primäre Erfahrungen sind wichtig für subjektive Eigenständigkeit

Im Spiel und in der Bewegung machen Kinder ihre primären Erfahrungen. Diese primären Erfahrungen, die die Kinder direkt durch eigenes Tun, Aktivität, Einsatz des Körpers und der Sinne gewinnen, sind außerordentlich wichtig für die Entwicklung des Kindes als Subjekt. Das Kind eignet sich seine Umwelt an über aktive Selbsttätigkeit und kann sich so über die Produkte seiner Tätigkeit mit sich selbst identifizieren. Aber erst wenn dem Kind auch die Möglichkeit gegeben wird, sich selbständig mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, kann es auch das Subjekt seiner Entwicklung sein.

Der bewegungspädagogische Ansatz folgt Piaget und Montessori

Der bewegungspädagogische Ansatz folgt den Gedanken Maria Montessoris und Jean Piagets. Das spontane, selbstbestimmte Handeln der Kinder wird als Grundbedingung einer "normalen" Entwicklung angesehen. Nach der Interaktionstheorie von Piaget liegt in den einfachen Handlungen und Tätigkeiten des Kindes die Basis für jede weitere Erkenntnisgewinnung. Und auch für Montessori ermöglicht erst die Selbsttätigkeit des Kindes weitere Lernschritte und Erfahrungen. Im Rahmen der pädagogischen Praxis ist es deshalb wichtig, für die Selbsttätigkeit des Kindes die richtigen Voraussetzungen zu schaffen: Dem Kind muss Gelegenheit gegeben werden, sich selbständig mit seiner Umwelt auseinandersetzen zu können und in möglichst vielen Situationen selbstbestimmt handeln zu können. Gefordert ist eine Umgebung, in der Eigenaktivität möglich ist. Montessori spricht in diesem Zusammenhang von der Aufgabe des Pädagogen, eine "vorbereitete Umgebung" zu schaffen, die als "künstliche" über die "natürliche" Umwelt des Kindes hinausgeht. Denn nicht immer schafft die natürliche Umwelt genügend Möglichkeiten für spontanes und selbstbestimmtes Handeln.

Die Umsetzung in die Praxis

Mit der pädagogischen Praxis des "Bewegungskindergartens" soll der enormen Bedeutung von Bewegung für eine ganzheitliche Entwicklung des Kindes Rechnung getragen werden. Darüber hinaus will der Bewegungskindergarten der aktuellen Bewegungsarmut der Kinder entgegenwirken und Bewegungseinschränkungen ausgleichen helfen. Gemäß der pädagogischen Konzeption des Bewegungskindergartens muss für Bewegung und Bewegungsspiele aller Art Raum geschaffen werden.

Wenn man dem pädagogischen Konzept "selbstbestimmtes Lernen durch Bewegung" folgt, dann sollte ein jederzeit verfügbarer Bewegungsraum im Kindergarten vorhanden sein, wo die Kinder in der Zeit fürs freie Spiel selbst bestimmen können, ob sie diesen Raum aufsuchen wollen oder nicht. Der Raum sollte groß genug sein, um Bewegungsspiele mit anderen durchführen oder sich einfach austoben zu können. Impulse für Bewegungsspiel-Ideen können sich aus der aktuellen Spielsituation ergeben, von den Kindern selbst kommen oder von den ErzieherInnen eingebracht werden. Den ErzieherInnen sollte dabei keine passive Rolle zukommen; vielmehr müssen sie die Bedeutung der Aktivitäten der Kinder einschätzen. Sich an den aktuellen Bedürfnissen der Kinder auszurichten, bedeutet nicht , dass man jede Planung aufgibt. Allerdings sollte die Tages-Planung flexibel und offen bleiben für das selbst bestimmte Handeln der Kinder. Renate Zimmer zufolge müssen „Planung und Offenheit [...] nicht im Widerspruch stehen, sondern ergänzen sich gegenseitig". (siehe Quellen, Handbuch der Bewegungserziehung).

Ziel und Aufgabe der Bewegungserziehung

Ziel und Aufgabe der Bewegungserziehung sollte Renate Zimmer zufolge sein:
Dem Bewegungsbedürfnis der Kinder entgegenzukommen und ihr Bewegungsbedürfnis durch kindgerechte Spiel- und Bewegungsangebote zu befriedigen.
Kindern die Möglichkeit geben, ihren Körper und ihre Person kennenzulernen.
Zur Auseinandersetzung mit der räumlichen und dinglichen Umwelt herauszufordern.
Die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erweitern und zu verbessern.
Das gemeinsame Spiel von leistungsschwächeren und leistungsstärkeren Kindern zu ermöglichen.
Gelegenheit zur ganzheitlichen, körperlich-sinnlichen Aneignung der Welt zu geben.
Zur Erhaltung der Bewegungsfreude, der Neugierde und der Bereitschaft zur Aktivität beizutragen.
Vertrauen in die eigenen motorischen Fähigkeiten zu geben und eine realistische Selbsteinschätzung zu ermöglichen.

Grundtätigkeiten und Grundfähigkeiten einüben

Im Rahmen einer vorschulischen Bewegungserziehung werden die sogenannten „Grundtätigkeiten" wie Gehen, Laufen, Springen, Klettern, Schieben, Rollen, Ziehen, Werfen usw. geübt. Diese Tätigkeiten entwickeln sich im Laufe der ersten Lebensjahre des Kindes. Der Bewegungskindergarten trägt dazu bei, dass sich diese Grundaktivitäten beim Kind gut entwicklen können und dass den Kindern Gelegenheit gegeben wird, um diese auch ausführen zu können. Wichtig im Zusammenhang mit einer Förderung der Entwicklung des Kindes durch Bewegung ist es, auf die Gleichgewichtsfähigkeit, die Reaktionsfähigkeit und die räumliche Orientierungsfähigkeit zu achten. In der spielerischen Auseinandersetzung mit Geräten, Spielpartnern und Spielsituationen - und nicht in Form spezifischer Übungs- und Trainingsprogramme - soll das Kind diese Fähigkeiten erproben. Um bspw. den Gleichgewichtssinn zu üben, können die Kinder über eine Bank gehen, auf einem Wackelbrett stehen oder mit etwas auf etwas balancieren. Die ErzieherIn sollte hierzu Impulse und Anregungen geben können, insbesondere dann, wenn den Kindern langweilig wird und sie keine neue Ideen haben. Konkrete Anweisungen der ErzieherInnen sind auch gerade dann nützlich, wenn die Kinder den Wunsch äußern, eine bestimmte Tätigkeit erlernen zu wollen.

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