Moralischer FortschrittEine Einleitung in das Thema

1. Gibt es moralischen Fortschritt in der Welt?

Zu dem Zeitpunkt, an dem ich beginne, über diese Einleitung nachzudenken, beginnt die Welt gerade auf den jüngsten Bericht des Weltklimarates zu reagieren. Es ist Oktober 2018 und, so heißt es überall: Noch nie gab es eine solche globale Herausforderung. Notwendig sind laut diesem Spezialbericht des IPPC zur globalen Erderwärmung noch nie dagewesene und weitreichende Veränderungen in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – und zwar schnell. Bergründet wird das nicht nur mit dem Kampf ums blanke Überleben zahlreicher Menschen, sondern, so heißt es, auch im Kontext nachhaltiger Entwicklung und der Armutsbekämpfung. Dabei geht es von der Verringerung des Energiekonsums und dem Wandel hin zu nachhaltigeren und gesünderen Konsumgewohnheiten wie etwa dem Verzicht auf Fleisch und auf andere das Klima belastende Produkte bis zur Offenheit für und Investitionsbereitschaft bei neuen Technologien, die helfen könnten, Emissionen auszugleichen. Der Tenor ist, die Menschheit könne es noch schaffen, die schlimmsten Folgen und Ungerechtigkeiten des anthropogenen Klimawandels abzuwenden, wenn sie denn zügig Fortschritte macht, hin zu einer Weltgesellschaft, die ab 2050, also in gut dreißig Jahren, nicht mehr schädliche Klimagase emittiert als sie anderweitig bindet. Ich bin Jahrgang 1980, ich kann das noch erleben. Mit solchen Fortschritten hatte ich bislang gar nicht gerechnet.

Aber wäre das schon moralischer Fortschritt? Dass diese Maßnahmen im Kontext der anderen genannten Ziele verortet werden, macht das vielleicht noch nicht unbedingt deutlich, denn die Themen Nachhaltigkeit und Armutsbekämpfung bilden nur einen Ausschnitt der Moral. Die mit dem reduzierten Konsum von Fleisch und anderen industriell aus Tieren hergestellten Produkten einhergehende Verringerung tierlichen Leidens und die geringere Belastung von Ökosystemen wären nur Nebenprodukte. Darüber hinaus könnte man einwenden, dass all diese Maßnahmen schlicht im wohlverstandenen Eigeninteresse des Menschen liegen und gar nichts mit Moral zu tun haben. Und dennoch dürften diese Forderungen im Endeffekt doch einen erheblichen Wandel in den moralischen Einstellungen von Menschen voraussetzen. Genauer einen Wandel was die normative Relevanz von Nähe und Distanz, Gegenwart und Zukunft, menschlichen und nicht-menschlichen Interessen betrifft. Dieser Wandel zöge vielleicht eine überhaupt erweiterte Denkungsart nach sich, die sich im menschlichen Handeln niederschlagen könnte, tagtäglich beim Einkauf und beim Entscheiden von Kleinigkeiten wie auch in den Arenen der großen Politik. Hoffen, so scheint es, dürfte man darauf zumindest.

Zur gleichen Zeit ist nun aber in den Nachrichten diverser Länder von der Vergewaltigung eines 14 Monate alten Säuglings, von der Erniedrigung und Misshandlung an Demenz erkrankter Senior*innen und von einem Wahlsieg rechtskonservativer Parteien nach dem anderen zu hören, selbst in dem Land, dass sich Auguste Comtes Losung „Ordnung und Fortschritt“ mit ordem e progresso buchstäblich auf die Fahne geschrieben hatte. Deutschland wird seine Klimaziele auch 2020 nicht erreichen, und dies nicht unbedingt, weil es ein Ding der Unmöglichkeit wäre. Und in der Zeit, in der ich diesen Text bis hierhin noch einmal gelesen habe, wurden u. a. 5 000 Schweine, knapp 200 000 Hühner und noch einmal doppelt so viele Meerestiere getötet. Bei all dem ist von den vielfältigen Kriegen und Konflikten in der Welt noch gar nicht die Rede.

So besehen wären dann weder die Grundpfeiler einer auch nur anthropozentrischen Moralität noch das Fortschreiben einer liberaldemokratischen, eurozentrischen Erfolgsgeschichte als Entwicklungsgeschichte gewiss. Dass letztere überhaupt als solche gedacht werden kann, ist zudem mittlerweile aufgrund einer dem Entwicklungsbegriff inhärenten Logik, die als neokolonialistisch, neorassistisch ausgewiesen worden ist (McCarthy 2009) und zudem als speziesistisch gelten kann, mindestens korrekturbedürftig. Und genau diesem reflexiv-kritischen Moment, das ja fortschrittlich zu nennen wäre, gerade weil der klassische, der Aufklärung entstammende Fortschrittsbegriff im Dienst der Anti-Diskriminierung kritisiert und mit seinen blinden Flecken vorgeführt wird, wirken aber zugleich entschieden regressive Kräfte entgegen. Vor diesem Hintergrund darf man, muss man sich vielleicht fragen, wie man ernsthaft Beiträge zur Debatte über moralischen Fortschritt leisten kann, wo sie doch, vorsichtig datiert, seit gut 200 Jahren läuft und die Ergebnisse nun mindestens zweideutig sind.

Aber sind sie das wirklich? Resolute Verteidiger des Aufklärungsund Fortschrittsdenkens wie Steven Pinker (2018) oder Hans Rosling et al. (2018) würden an dieser Stelle auf die kognitiven Fehler und Verzerrungen im bisher Gesagten hinweisen wollen. Selbst wenn ich mich intellektuell nicht der Gruppe „progressophober Lieblinge“ eines bestimmten akademischen Milieus (Pinker 2018: Kap. 4) verpflichtet fühle, enthält meine kurze Bestandsaufnahme unserer Zeit eine kognitive Fehlleistung. Indem ich nämlich meine Informationen aus dem Strom medialer Tagesmeldungen beziehe, der der vorhandenen Masse an Informationen immer einen Spin in Richtung überhitzte Katastrophennachricht geben muss, werde ich weit abgetrieben von der Einsicht, was eigentlich der Fall ist: dass die Menschheit nämlich seit ihren Anfängen friedlicher, zivilisierter, humaner, und integrativer geworden ist (Pinker 2018). Wer mit diesen Begriffen so pauschal nichts anzufangen vermag, der wird – schon weil er diese Güter in dem Moment genießt, in dem man sich mit einem Text wie diesem befasst – zustimmen müssen, dass Güter wie Leben, Freiheit, Gesundheit, Nahrung, Reichtum, Sicherheit, Gleichberechtigung, Alphabetisierung, Bildung und eine Vielfalt an Betätigungsmöglichkeiten erstrebenswert sind – und diese Güter sind, nach allem, was sich im Großen und Ganzen dazu ablesen lest, leichter verfügbar als in der Vergangenheit.1 Zudem sind die Bemühungen um weiteren moralischen Fortschritt zumindest immer wieder erklärtermaßen Thema im öffentlichen Diskurs. Dass Anliegen zugunsten historisch unterdrückter Gruppen überhaupt diskutiert und nicht einfach als irrelevant abgetan werden, kann als Zeichen eines fortschrittlichen moralischen Bewusstseins in gegenwärtigen Gesellschaften gelten. Man könnte dies auch für Scheinheiligkeit halten: Natürlich spricht alle Welt darüber, was in moralischer Hinsicht getan werden müsste, aber umgesetzt wird nichts oder nur wenig. Dann müsste man aber immer noch, mit Peter Singer, zumindest zugeben, dass Scheinheiligkeit der Tribut ist, den das Laster der Tugend zollt (Singer 2017: 11).

In einer philosophischen Herangehensweise an das Thema moralischen Fortschritts kann nun weder die Auswertung empirischer Daten im Vordergrund stehen. Noch ist die Erarbeitung von Politikempfehlungen im Stil des Executive Summary das Ziel. Vielmehr kann sich die philosophische Arbeit eine gewisse Distanz zu Empirie und Empfehlung genau deswegen leisten, weil moralischer Fortschritt als Begriff nicht primär den tatsächlichen Wandel zum Guten oder Besseren beschreibt, sondern zunächst diejenigen Veränderungen in Überzeugungssystemen ausbuchstabiert, die sich auf das beziehen, was Menschen in einer Vielzahl normativer Institutionen für moralisch akzeptabel halten (Macklin 1977: 377). Dann dürften die vielfältigen Negativbefunde über unsere heutige moralische Welt, trotz all der Errungenschaften in der Sicherung von Grundbedürfnissen und der Verbreitung von Wohlstand, in der Tat eher Ausdruck allgemein gestiegener Ansprüche gelten denn als empirisch gestützter Befund der Schlechtigkeit der Welt (Pinker 2018: Kap. 4). Dass diese Veränderungen der Überzeugungssysteme und Ansprüche mit Veränderungen der Empirie einhergehen, liegt auf der Hand. Viele Gerechtigkeitsansprüche lassen sich erst vor dem Hintergrund eines gewissen materiellen Wohlstands und Bildungsniveaus realisieren. Die Gültigkeit der Weiterentwicklungen und Systematisierungen des Begriffs des moralischen Fortschritts wird aber nicht von ihrer Realisierbarkeit in diesem Sinne bedingt. Stattdessen besteht die philosophische Arbeit bestenfalls darin, den Begriff zu systematisieren und ihn dort weiterzuentwickeln, wo er derzeit und vor dem Hintergrund der wirkmächtigsten Traditionen mangelhaft erscheint. Genau das tun die in diesem Schwerpunktteil versammelten Artikel. Und genau in dem Sinn wird hier davon ausgegangen, dass es moralischen Fortschritt gibt, weil um ihn gerungen wird und dieses Nachdenken über Veränderungen der moralischen Praxis auf benennbaren Weltzuständen superveniert. Dass mit dem ein oder anderen Gedanken dann auch noch die Hoffnung verbunden sein kann, er möge doch auch die Veränderungen in der Welt wiederum bedingen, ist nicht von der Hand zu weisen, vielleicht auch nur natürlich, kann aber nicht der Prüfstein sein.

Da eine Auswahl an Forschungsartikeln nie den inneren Zusammenhang eines Sammelbandes haben kann, soll in dieser Einleitung zum diesjährigen Schwerpunkt der Begriff des moralischen Fortschritts nur so aufgefaltet werden, dass sich die Artikel gut in ein Verhältnis setzen lassen. Dabei bleibt klar, dass sie für sich alleine stehen. Dazu werde ich den Begriff in seinen zentralen Dimensionen grob umreißen und die vorliegenden Artikel auf diese Dimensionen beziehen (1); statt dann darzustellen, wie der Begriff ideengeschichtlich im Mainstream der Philosophie entwickelt worden ist, will ich die Frage stellen, ob die Philosophie selbst eigentlich ausreichend Fortschritt gemacht hat, um über moralischen Fortschritt nachzudenken (2). Dabei geht es mir um die Selbstreflexivität philosophischer Forschung in globaler moralischer und politischer Perspektive, die, wenn Philosophie unter dem Eindruck empirischer Ambivalenz und Multiperspektivität nicht aporetisch die Axt an ihr eigenes Erkenntnisinteresse zum Thema moralischer Fortschritt legen will, schon in dem Stadium Impulse für die Debatte zu setzen vermag, wo sie mehr Fragen als Antworten bietet. Also werde ich diese Frage nicht beantworten. Stattdessen schließe ich mit einem Vorschlag zur Perspektivverschiebung auf ein tradiertes Fortschrittsbild und einem damit einhergehenden Bild, das sich der Mensch von sich selber machen kann (3).

2. Dimensionen des Begriffs und Zusammenschau der Artikel

Der Begriff des moralischen Fortschritts weist nicht nur Dimensionen auf, die ebenso selbstverständlich wie selbstverständlich fragwürdig sind: „Moral“ und „Fortschritt“. Darüber hinaus spielen Fragen nach Zeit, nach der Möglichkeit, neben „der Moral“ andere Werte als Kriterien für moralischen Fortschritt einzusetzen, und nach den ganz pragmatischen Wegen der Umsetzung eine Rolle. Vor allem zwei dieser weiteren Fragen werden in den hier versammelten Forschungsartikeln sowie in dem Interview eigenständig weiterentwickelt.

2.1. Zeit

Eine zeitliche Dimension ist für den Begriff moralischen Fortschritts wichtig, obwohl oder weil sie über weite Strecken unhinterfragt bleibt. Zwar hat sich eine Art Konsens herausgebildet, dass nach moralischem Fortschritt nicht mehr „über alle Zeiten“ gefragt wird. Zu grob müsste dann über Regressionen hinweggesehen werden, zu einfältig und unsensibel mutet eine mehr oder weniger lineare Fortschrittsgeschichte an. Mit diesem Eingeständnis ist aber noch nicht geklärt, wie Zeit genau vergehen muss, damit die Dinge besser werden. Ein zyklisches Verständnis von Zeit wie etwa in der Antike hatte den Vorteil, dass nicht nur absehbar war, dass es, wenn die Dinge schlecht standen, besser werden musste, sondern auch, dass auf die beste Staatsform schlechte folgen würden – von wo aus es wieder besser werden musste. Ob das nun moralischen Fortschritt befördern kann oder vielmehr eine Schicksalsergebenheit, muss hier keine Rolle spielen. Wichtig und interessant ist aber in dem Kontext das oft vernachlässigte, geschichtsphilosophische Projekt, das seinen Ausgang oder zumindest seine besondere Virulenz in Kontexten der Katastrophenerfahrung findet und damit einen Beitrag zum moralischen Lernen zumindest leisten will (Thies 2017). Zudem soll hier darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich die zeitliche Dimension moralischen Fortschritts über Metaphern einschleicht – wie etwa der Linie oder der (sich erweiternden) Kreise –, und dass diese Hindernisse oder blinde Flecken in der Bestimmung des Begriffs darstellen können.

2.2. Werte

Auch die Dimension der Werte als Bemessungsgrundlage dafür, ob moralische Fortschritte gemacht wurden oder in welche Richtung sie angestrengt werden sollen, ist zentral und wird, im Unterschied zur zeitlichen Dimension, intensiv diskutiert. In der Geschichte wurde mit jeder neuen Untersuchung des Begriffs ein neuer Vorschlag gemacht, so dass nebeneinanderstehen: der für Empiristen ausschlaggebende Zusammenhang zwischen freiheitlichen Institutionen, Genie und wissenschaftlichem Fortschritt; die Säkularisierung für Condorcet; Wohlstand und Wirken der unsichtbaren Hand für Smith; Friede und Vergesellschaftung Ungeselliger, die nur als Menschheit ihren größten Wert erreichen für Kant; das, konflikthafte, Voranschreiten des Weltgeistes durch die Geschichte bis hin zum dialektischen Gipfel des liberalen sittlichen Staats bei Hegel; der Klassenkampf mit dem Ziel der Freiheit bei Marx; die wissenschaftliche Planung, um Glück durch Vernunftgebrauch zu erlangen bei Comte; die Nutzensumme bei Mill; oder die Zunahme an Komplexität und Selbstlosigkeit bei Spencer (Meek Lange 2011). Dabei erscheint eine genauer bestimmte Moral übrigens nur ein Wert neben anderen zu sein, ganz abgesehen davon, dass – wie unter anderem die Beiträge von Catherine Wilson, Anna Katharina Sodoma und Kristoffer Klement sowie das Interview mit Philip Kitcher deutlich machen – Festlegungen im Sinne eines moralischen oder auch metaethischen Paradigmas mit dem Bewusstsein für die Vielfalt moralischen Lebens und der Möglichkeit von neuen metaethischen Konzeptionen zunehmend schwierig werden. Ein Bewusstsein für diese Vielfalt möglicher Bemessungsgrundlagen erschwert es nicht nur, sich einem Wert oder Wertekomplex zu verschreiben. Hinzu kommt erstens die Frage nach der (In-)Kommensurabilität verschiedener Konzeptionen und zweitens nach einem potenziellen Werteimperialismus. Diese Fragen können sich in globaler Perspektive nur verschärfen, wobei die hier versammelten Artikel u. a. in ihrem Plädoyer für funktionalistische Konzeptionen von moralischem Fortschritt einen Ausgangspunkt definieren, von dem aus konstruktiv weitergedacht werden kann.

2.3. Moralpragmatik

Selbst wenn moralischer Fortschritt sich aus einer mehr oder weniger funktionalistischen Perspektive hinreichend genau bestimmen und diskutieren lässt, ist er auch machbar? Und wer oder was ist handelndes Subjekt? Ist es nicht einerseits für Individuen zu anspruchsvoll, sich dieser Aufgabe zu verschreiben? Wenn es andererseits nicht mehr die Menschheit an sich ist, die sich im Gewande einer europäischen Universalgeschichte auf dem Planeten vervollkommnet, sind es nicht doch Individuen im Kontext ihrer Gesellschaften? Auf diesen ersten Fragenkomplex in moralpragmatischer Absicht antwortet der Artikel von Alice Pinheiro Walla. Das damit postulierte Sinnangebot für Individuen lässt sich aber auch wieder hinterfragen. Denn ist nicht im Letzten die Perspektive der Nachgeborenen entscheidend dafür, welche Kämpfe und Anstrengungen am Ende wirklich zu moralischem Fortschritt in der Welt beigetragen haben werden? Hier ist die Frage zentral, welche Perspektiven uns zur Verfügung stehen: ob wir blind vor der Zukunft stehen oder sie uns experimentell doch erschließen können. Ich komme auf den Punkt der Perspektive zum Schluss noch einmal zurück.

Ich habe schon oben nahegelegt, dass ethische Theorien und philosophische Bestimmungen des Begriffs nicht daran gemessen werden können, ob die Welt mit ihnen übereinstimmt. In moralpragmatischer Hinsicht ist aber möglicherweise die – von ihnen selbst zumeist nicht intendierte – Wirkung dieser philosophischen Konstrukte und normativer Urteile interessant. Insofern die wenigsten Beiträger*innen zu der Debatte heute nicht mehr der Versuchung erliegen, die jeweils zum Zeitpunkt des eigenen Schreibens existierenden Einrichtungen in Wissenschaft, Kultur und Politik für die weltbesten zu halten, eignen sich philosophische Konstrukte und normative Urteile in pragmatischer Hinsicht vielleicht gerade auch als Instrumente der Kritik. Diese Möglichkeit hält jedenfalls Catherine Wilson offen, wenngleich sie, wie auch Alice Pinheiro Walla, darauf hinweist, dass moralischer Fortschritt vielfach von institutionellem Wandel vorbereitet wird. Was die kritische Funktion betrifft so hat die Philosophie nun gewiss kein Monopol; man denkt traditionellerweise vielleicht an die Literatur als Ort der moralischen Spekulation und Kritik, aber in dem Beitrag von Hendrik Kempt werden verschiedene Arten und Weisen durchgespielt und auch in ihren Risiken diskutiert, auf die künstliche Intelligenz in Form von Chatbots zum moralischen Fortschritt beitragen könnten. In dem Interview mit Philip Kitcher zu seiner pragmatistischen Konzeption moralischen Fortschritts wird u. a. die besondere, wenngleich nicht unproblematische Rolle von Bildung deutlich.

3. Fortschritt in der Moralphilosophie als Basis moralischen Fortschritts?

Ein anderer Pragmatist, John Dewey, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenso unzufrieden mit dem Zustand der Philosophie wie mit den sozialen und moralischen Zuständen seiner Zeit und fragte, wie es sein könne, dass eine Gesellschaft technologisch und industriell überwältigende Fortschritte mache und aber intellektueller, sozialer und moralischer Hinsicht stagniere (Dewey 1919/1989). Ähnlich will ich hier die Frage anreißen, ob in der Moralphilosophie die richtigen Schritte unternommen worden sind, dass Fortschritte hier, also in der Theorie, zu Fortschritten im moralischen Leben beitragen können.

Ob es nun allgemein Fortschritt in der Philosophie gibt, ist ein umstrittenes Thema – und nicht meines (vgl. aber Chalmers 2015; Stoljar 2017; Midgley 2018). Statt Position zu beziehen, scheint mir an dieser Stelle das Problem der fachlichen Spezialisierung relevanter. Daniel Stoljar erwägt, ob fachliche Spezialisierung den Eindruck befördere, dass sich keine Fortschritte abzeichneten, weil man die anderen Bereiche schlicht nicht mehr versteht (Stoljar 2017: 166). Dem entgegnet er, dass unsere Gesellschaften insgesamt spezialisiert sind und nicht allen Ortens Stagnation vermutet wird (ibid.) – doch könnte die spezifische Art und Weise, wie Philosophie akademisch organisiert ist, den Eindruck verstärken, dass sie keine Fortschritte macht, selbst wenn das vor allem von Insidern anders gesehen wird. Ohne dies als eine Antwort auf die allgemeine Frage nach Fortschritt in der Philosophie zu akzeptieren, halte ich diesen Gedanken für die Moralphilosophie und die Frage nach einem mit der theoretischen Entwicklung bzw. Verbesserung derselben einhergehenden, praktischen Unterschied, ebenfalls im Sinne einer Verbesserung, für instruktiv. Einfacher formuliert: Ist vielleicht zu einer (prinzipiell begrüßenswerten) Spezialisierung in der Moralphilosophie noch so etwas wie Stagnation dazu gekommen, so dass der Eindruck entsteht, dass es der Moralphilosophie vielfach nicht mehr direkt aber auch kaum mehr indirekt um das moralische Leben geht? Diese Frage muss sich eine Moralphilosophie gefallen lassen, deren Mainstream sich im Hinblick auf die Methoden sowohl dem Vergleich mit anderen, global wirkmächtigen Paradigmen als auch dem Experiment tendenziell eher verschließt.

Lässt sich dann vielleicht so etwas wie die moralische Qualität von ethischen Theorien selbst feststellen? Pragmatisch könnte man vermuten, dass ethische Theorien selbst in gewisser Weise Ausdruck moralischen Wandels und, eventuell, philosophischen und moralischen Fortschritts sind. Philosophie wäre dann in einem signifikanten Sinne immer ein Stück weit von ihrer Zeit imprägniert, was sich in der Wahl der Forschungsthemen und in der Problemwahrnehmung genauso widerspiegeln würde wie die alltäglichen Negativbefunde der breiten Öffentlichkeit ein allgemein gestiegenes Niveau moralischen Anspruchs reflektierten. Zudem könnten bestimmte intellektuelle Qualitäten entscheidend für diese moralische Qualität von ethischen oder auch politischen Theorien sein. Neben der Frage, ob John Rawls „Schleier des Nichtwissens“ moralisch fortschrittlicher ist als Platons „edle Lüge“, dürften das vor allem genuin intellektuelle Qualitäten sein, die zu mehr moralischer Inklusivität (im Sinne von Buchanan/Powell 2018) führen könnten. Dazu zählen etwa weniger Dogmatismus und Solipsismus, oder ein Verzicht auf das Schreiben in einer Haltung der bloßen Selbstreferenzialität, vielleicht sogar eine Öffnung und Aufweichung von etablierten Paradigmen, um der Vielfalt der moralischen Welt Rechnung zu tragen. Moralphilosophie wäre dann selbst integraler Bestandteil „biokultureller Evolution“ (Buchanan/Powell 2018). Die Frage, die sich dann stellt, ist, was getan oder besser: wie gedacht werden müsste, um auf intellektueller Ebene günstige Bedingungen für moralischen Fortschritt zu befördern. Wobei günstige Bedingungen etwas mit einem Rückgang von Ausschlussmechanismen zu tun hat und der erweiterten Fähigkeit, Begriffe so zu verändern, dass sie unser Handeln moralisch adäquater machen.

Eine dafür vermutlich notwendige Sensibilität für moralische Vielfalt, die sich in einem Denken in der Ethik jenseits paradigmatischer und begrifflicher Zurichtungen des moralischen Lebens ausdrücken kann, fand und findet sich auch in den Randbereichen der philosophischen Disziplin, etwa bei Denkerinnen wie Iris Murdoch2 oder Mary Midgley3, die erst in jüngerer Zeit die nötige Aufmerksamkeit bekommen.4 In diesen Fällen ist bemerkenswert, dass sich in kritischen Kommentaren zum Mainstream der ethischen Theorie auch immer eine Auseinandersetzung mit Form und Stil von Philosophie findet. Hier wird auch um eine andere Form des Ausdrucks gerungen, die dem Gegenstand ethischer Theoriebildung angemessener sein könnte. Wie genau, dazu hat sich noch kein Konsens herausgebildet, aber die Richtung scheint wegzugehen von den großen, klobigen Systemen, deren Begriffsmaschinen das moralische Leben zurechtprozessieren bis kaum mehr etwas von dem Gesagten einen Widerhall in eben diesem Leben finden wird. Vielleicht geht es darum, kleiner zu werden, um größer und weitherziger zu denken. Vielleicht geht es dabei auch nur schon um ein Bewusstsein für die moralische Zurichtung von Welt und Leben durch Sprache, so dass es Begriffe mehr zu hinterfragen gälte, denn nur zu explizieren. Vielleicht geht es um bescheidenere Utopien, um greifbare gedankliche Rettungsanker in einer moralisch komplexen Welt statt ferner Inseln moralischer und theoretischer Perfektion. Vielleicht geht es um philosophische Geschichten statt theoretischer Supernarrative – und damit vielleicht auch um moralische Erzählungen, von denen sich eine in Form der hier ebenfalls abgedruckten Rottendorf-Lecture von Dietmar Dath in diesem Schwerpunkt findet. In jedem Fall geht es darum, Unsicherheiten, auch im moralischen Denken, fruchtbar zu machen.

4. Ein neuer Engel oder neue Menschen?

Ich möchte zum Schluss auf das bald hundert Jahre alte Bild von Paul Klee zurückkommen, dem Walter Benjamin eine vielleicht tendenziell fatalistische Deutung in seiner neunten These über den Begriff der Geschichte verpasst hatte. „Angelus novus“ heißt das Bild, und doch ist auf ihm erstens kein Engel (die Figur hat keine Flügel) zu sehen. Auch ist offen, wie genau Engel neu oder jung sein können (Eberlein 1991). Benjamin hat in seiner kabbalistisch, talmudisch inspirierten Deutung Paradies und Katastrophe nebeneinandergestellt und in einem unheilvollen Fortschrittsbegriff verquickt. Der Engel ist damit mehrfach rückwärtsgewandt, nicht nur was seinen Blick betrifft, auch in seinem Handlungsziel: Er will Tote wecken und das Zerschlagene wieder zusammenfügen. Und sein Blick ist vor Erschrecken ins Totale verzerrt: Er sieht eine einzige Katastrophe.

Das Bild von Klee ist dagegen leichter, hellsichtiger und im Jahr 1920 zu einem Zeitpunkt entstanden, da eine der moralischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts vielleicht noch abzuwenden war. Wenn man der Interpretation von Johann Konrad Eberlein folgt, dann ist auf dem Bild ein bestimmter Politikertypus zu sehen. Hier wird künstlerisch in einer Mischung aus Hindenburg, Ebert und Hitler auf den Stereotyp des autoritären, aggressiv redenden (!) Mannes aufmerksam gemacht. Hierin, und nicht in der Vergeblichkeit aller Besorgtheit um die katastrophale Vergangenheit, deren Eindruck wo möglich durch schädliche Vorstellungen vom Paradies – immerhin weht der Wind von dort her – genährt oder verstärkt wird, liegt m. E. die Aktualität dieses Bildes. Dieser anmaßende Typ präsentiert sich uns – auch heute, noch oder wieder – als Zukunft, in Moral und Politik als Motor der Regression. Wir sind dabei aber selbst gerade nicht ins Rückwärtige gezwungen. Wir stehen vor diesem Bild und sind in der Lage, diesen Ton zurückzuweisen, und in unseren Versuchen, im Wissen um die historischen Katastrophen, und auch im Nachdenken über moralischen Fortschritt immer wieder, wie Klee in seiner Ästhetik (Eberlein 1991), klein und von vorn zu beginnen.

Iris Murdoch (Murdoch 1998: 75) sagte, dass der Mensch von sich Bilder mache und dann, über kurz oder lang, zu diesem Bild würde. Für dieses neue Bild empfiehlt sich vielleicht eher eine Perspektive mit Klee statt mit Benjamin. Denn der Blick zurück auf eine wechselhafte Geschichte und aber auch ins Heute, in dem realistisch betrachtet, vieles im Argen liegt, viel aber noch zu schaffen ist, zeigt: Menschen haben einen enormen Gestaltungsspielraum.

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