Die tierliche Perspektive in der PolitikEin begrifflicher und ein institutioneller Vorschlag

Abstract

Dringende gesellschaftliche Anforderungen richten sich an die Nutzung von nicht-menschlichen Tieren (im Folgenden kurz: Tiernutzung) zu Nahrungszwecken. Da die Folgen der Tiernutzung globaler Natur und die Agrarmärkte weltweit vernetzt sind, muss den Anforderungen nicht nur auf nationalstaatlicher, sondern auch auf internationaler Ebene entsprochen werden. Internationale Klimaabkommen, zum Beispiel, werden künftig eine Regelung zur Begrenzung der weltweiten Tierhaltung integrieren müssen, wenn ambitionierte Klimaziele erreicht werden sollen. Die Repräsentation tierlicher Ansprüche in internationalen Verhandlungen zur Umwelt-, Wirtschafts- oder Entwicklungspolitik könnte einen zentralen Einfluss auf Verhandlungsergebnisse nehmen. Jedoch mangelt es bislang an einer entsprechenden öffentlichen Institution, die sich dieser Aufgabe vollumfänglich annimmt. Bei der Entwicklung einer solchen Institution sollte aus Fehlern nationaler Tierschutzpolitiken gelernt werden. Eine in dem Artikel vorgestellte Lehre aus solchen Fehlern lautet, die politische Berücksichtigung von Tieren nicht mehr nur an den Konzepten „Tierschutz“ bzw. „Tierwohl“ (animal welfare), sondern an der umfassenderen „Perspektive“ der Tiere auszurichten. Das verhindert die drohende missverständliche Verstrickung menschlicher und tierlicher Ansprüche in Tierschutz- und Tierwohl-Ansätzen und ermöglicht, anspruchsvollere normative Konzepte wie Interessen, politische Repräsentation oder juridische Rechte politisch auszubauen. Die Perspektive der Tiere bietet moderaten Tierschutz- bzw. Tierwohlanforderungen, die aufgrund demokratischer Mehrheitsverhältnisse am ehesten Erfolg versprechen, ebenso Raum wie weitergehenden Ansprüchen, auch wenn diese sich nicht in Einklang mit der wirtschaftlichen Nutzung von Tieren bringen lassen. An den Vorschlag, wie die Perspektive der Tiere entsprechend verstanden werden sollte, schließt sich der Vorschlag zur Gründung einer Wissensplattform an, die diese Perspektive aufbereitet. Deutlich wird bei diesen Überlegungen, dass die Ermittlung tierlicher Ansprüche an die Politik eine in ihrer Komplexität unterschätzte Aufgabe ist, die es von der Aufgabe eines interessenunabhängigen Tierschutz-Sachverstandes zu differenzieren gilt.

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