Vorwort

Die Renaissance der praktischen Philosophie

Die Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Philosophie ist (fast) so alt wie die Philosophie selbst. Sie geht zurück auf Aristoteles. Die theoretische Philosophie zielt für ihn auf die Erkenntnis des von Natur aus Gegebenen (z. B. als Erkenntnistheorie oder als Metaphysik). Demgegenüber fragt die praktische Philosophie nach dem menschlichen Handeln. Ausgangspunkt ist dabei für Aristoteles der Mensch als zoon politikon, d. h. als soziales und politisches Wesen. Gegenstand der praktischen Philosophie ist daher der vom Menschen durch seine Handlungen gestaltete Raum des Sozialen und Politischen. Für Aristoteles sind in diesem Bereich der Philosophie Fragen des Guten, der Ethik, und Fragen des Rechten, der Politik, aufeinander bezogen. Neben der Reflexion auf diese Fragen geht es der praktischen Philosophie nicht zuletzt auch darum, Anleitungen dazu zu geben, wie dieser Raum zu gestalten wäre im Sinne einer Verwirklichung des Guten.

In der Neuzeit sind viele Entwürfe entstanden, die das Feld der praktischen Philosophie angesichts der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche nach dem Mittelalter neu ausloten (angefangen von Montesquieu über Rousseau bis hin zu Hume, Kant oder Mill). Dabei tritt als prägend die Frage in den Vordergrund, wie sich das Individuum gegenüber der Gemeinschaft in Ethik und Politik verstehen kann; es geht um Gesellschaftsverträge und Individualrechte, um Institutionen und um die nicht mehr als natürlich oder gottgegeben verstandenen Quellen der Moral. Die Reflexion menschlichen Handelns, seiner normativen Implikationen und politischen Konsequenzen war Teil fast jeder wichtigen Philosophie, die in dieser Zeit vorgelegt wurde. Nach Hegel endet diese Tradition und die praktische Philosophie verliert (zumindest in der europäischen und europäisch geprägten Philosophie) tendenziell an Bedeutung, was sich an philosophischen Diskussionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ablesen lässt. Ethische, politische oder gesellschaftliche Fragen wurden in diesem Zusammenhang eher als zweitrangig innerhalb der Philosophie angesehen gegenüber Deutungen von Wirklichkeit, Erkenntnis oder Sprache.

Seit den 1970er Jahren hat sich diese Tendenz gewandelt. Die praktische Philosophie erfährt seit dieser Zeit eine enorme Renaissance. Sie hat nicht nur im universitären Kanon an Bedeutung gewonnen, sondern greift seither auch mehr und mehr in öffentliche Diskurse ein. So gehören beispielsweise die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls oder die Diskurstheorie von Jürgen Habermas heute nicht mehr nur zum Grundkanon philosophischer Forschung und Lehre insgesamt, sondern sie sind auch zu Leitnarrativen für die Deutung und Kritik von Gesellschaft und Politik geworden. Dass diese Theorien in der Rezeption und Weiterentwicklung durch Übersetzungen, Kontextualisierungen und auch vehementen Widerspruch weltweit Resonanz gefunden haben, spricht für die große Bedeutung, die der praktischen Philosophie heute zukommt. In diesem Zusammenhang spielt der Rekurs auf wohl etablierte Figuren wie die Idee der Gerechtigkeit als Tugend sozialer Institutionen oder des zwanglosen Zwangs des besseren Arguments auch für politische Bewegungen der jüngeren Vergangenheit eine wichtige Rolle,

Die praktische Philosophie des späten 20. Jahrhunderts reflektiert menschliches Handeln in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Sie fragt in verschiedenen theoretischen Spielarten nach Begründungen von Normativität, und thematisiert Gesellschaft als komplexen Handlungszusammenhang – auch vermehrt hinsichtlich der Felder des Politischen, Rechtlichen oder Ökonomischen. Die Entstehung vielfältiger Unterdisziplinen in den Bereichsethiken, die heute in den Fakultäten immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist ein Spiegelbild hierfür. Zu Grundfragen der praktischen Philosophie werden beispielsweise: Wie können Normen in ausdifferenzierten und in jeder Hinsicht kulturell komplexen Gesellschaften begründet werden? Wie kann Gesellschaft philosophisch beschrieben, erklärt und kritisch bewertet werden? Was sind vorherrschende gesellschaftliche Diskurse und wie können sie philosophisch konzeptualisiert werden? Was sind philosophisch überzeugende Modelle von Politik und wie sind die Institutionen der Zeit zu beurteilen? Was sind die blinden Flecken der gegenwärtigen Gesellschaftsordnungen und wie ist auf diese zu reagieren? Welche Rolle spielen die Erkenntnisse und Forschungsprogramme anderer Disziplinen?

Praktische Philosophie in globaler Perspektive

Die menschliche Wirklichkeit, vor deren Hintergrund Philosophie betrieben wird, verändert sich spätestens seit Ende des 20. Jahrhunderts in rasanter Weise. Insbesondere die Globalisierung ist seit 25 Jahren eines der prägendsten Phänomene geworden, das unterschiedliche Bereiche menschlichen Handelns und gesellschaftlicher Praktiken betrifft. Dies gilt gleichermaßen für Politik und Ökonomie, aber auch für Kultur und lebensweltliche Kontexte. Globalisierung kann dabei verstanden werden als die Verdichtung und Beschleunigung grenzüberschreitender Interaktionen, innerhalb derer unterschiedlichste Akteure auf komplexe soziale, kulturelle und politische Strukturbildung Einfluss nehmen.

Die Philosophie hat in vielfacher Weise auf die Globalisierung als soziales, politisches und kulturelles Phänomen reagiert. Arbeiten mit Bezug auf globale Transformationen implizieren beispielsweise unterschiedliche Annahmen darüber, wie normative Ansprüche im globalen Kontext verstanden und begründet werden können. Dabei werden seit den 1990er Jahren traditionelle ethische Paradigmen aufgegriffen und auf die globale Ebene übertragen. Dies betrifft im Grunde fast alle ethischen Traditionen, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts im philosophischen Diskurs eine wichtige Rolle gespielt haben. Diese Übertragung der Heuristiken praktischer Philosophien auf den globalen Kontext wird in unterschiedlicher Weise und in verschiedenen Teildisziplinen vollzogen. Dies betrifft beispielsweise die Wirtschafts-, Medien-, Klima- oder Friedensethik.

Als ein Diskursfeld sei exemplarisch die Debatte über globale Gerechtigkeit genannt, die in den vergangenen Jahren zu einem Nukleus der philosophischen Reflexion von Normativität im globalen Kontext geworden ist. Neben Ansätzen, die sich in der Tradition von Rawls oder Habermas für die Begründung formaler universaler Normen stark machen, versuchen andere Ansätze diese kantische Tradition zu überwinden oder zumindest mit anderen Argumenten anzureichern. (Globale) Gerechtigkeit besteht z. B. für Nussbaum nicht in einer abstrakt gefassten Verteilungsgerechtigkeitsregel, sondern in der mit Aristoteles formulierten Frage nach gerechten Möglichkeiten zur Realisierung eines gelungenen Lebens. Besonders auffällig ist, dass in vielen dieser Debatten der praktischen Philosophie ethische und politisch-philosophische Argumente miteinander verschränkt werden. Seit Ende der 1990er Jahre hatte sich in dieser Perspektive beispielsweise im Anschluss an die kantische Schrift Zum Ewigen Frieden eine breite politisch-philosophische Debatte über das institutionelle Gefüge auf globaler Ebene entwickelt.

Gleichzeitig formiert sich aber auch eine fundamentale Kritik an der philosophischen Begründung globaler Gerechtigkeitskonzeptionen oder dem Aufweis globaler Institutionen aus Argumentationsfiguren der westlichen Tradition, worauf v. a. die interkulturelle Philosophie aufmerksam macht. In ähnliche Richtung kritisieren postdemokratische Ansätzen das liberale Konzept von Normativität, das damit verbundene Verständnis von (praktischer) Rationalität und die philosophischen Konsequenzen für die Ausgestaltung einer globalen politischen Ordnung. Arbeiten von Derrida, Butler oder auch Hardt & Negri und Badiou sind Beispiele hierfür. In teils marxistisch inspirierten Wendungen der Philosophie Hegels werden u. a. die materiell bedingten Verzerrungen globaler Dynamiken hinsichtlich ihrer normativ kritikwürdigen Folgen hervorgehoben.

Zielsetzung des Jahrbuches

Das Jahrbuch Praktische Philosophie in globaler Perspektive ist gegründet worden, um der Bearbeitung der genannten Probleme und Fragestellungen explizit Raum zu geben. Denn die Weitung praktischphilosophischer Reflexion hin auf eine Verarbeitung veränderter Rahmenbedingungen steht erst am Anfang. Das Jahrbuch will der Einsicht Rechnung tragen, dass die Reflexionen der praktischen Philosophie immer auch vor den aktuellen Transformationen der Zeit verstanden werden sollten. Und diese tragen heute globale Züge. Es lädt dazu ein, im philosophischen Zugriff auf unterschiedliche Traditionen, Disziplinen und Problemwahrnehmungen quer und global zugleich zu denken. Während viele praktische Philosophien natürlich eine ›globale‹ Perspektive eingenommen haben insofern sie – qua Vernunftkonzeption und Begründungsanspruch – universal konzipiert waren, will das Jahrbuch hieran auch kritisch anschließen und die (durch eine globalisierte Wirklichkeit menschlichen Handelns) neuen Rahmenbedingungen philosophischen Denkens reflektieren.

Beheimatet ist das Jahrbuch an der Hochschule für Philosophie München, und dort insbesondere am Forschungs- und Studienprojekt »Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur«, finanziert durch die Rottendorf-Stiftung. Dieses widmet sich seit über 30 Jahren ausgewählten Fragestellungen von globaler Reichweite. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Fragen der Ethik, der politischen Philosophie sowie der Sozial- und Kulturphilosophie, die jeweils im Gespräch mit benachbarten Disziplinen einmal pro Jahr im Rahmen eines öffentlichen Symposions verhandelt werden. Diese Themen der Symposien werden zukünftig die Schwerpunkte der jeweiligen Nummer des Jahrbuches bilden; die andere Hälfte des Jahrbuchs steht allgemeinen Beiträgen zu Fragen der praktischen Philosophie in globaler Perspektive offen.

Vor den skizzierten Transformationen der praktischen Philosophie will das Projekt mit der Initiierung des neuen Jahrbuches sowohl eine Lücke im akademischen Publikationsbetrieb schließen als auch einen innovativen und produktiven Rahmen für die Vielfalt der praktischen Philosophie heute sein. Angesichts einer immer stärkeren interdisziplinären Vernetzung der Fragestellung werden auch Beiträge publiziert, die an der Grenze der praktischen Philosophie zu anderen Disziplinen (z. B. Politik- oder Kulturwissenschaften, Ökonomie oder Soziologie) angesiedelt sind. Publiziert werden Beiträge, die sich in historischer wie systematischer Hinsicht mit den Grundfragen der praktischen Philosophie beschäftigen und damit Problemen behandeln, die eine globale Ausrichtung erkennen lassen oder an Fragestellungen dieser Art anschließen. Hinsichtlich der philosophischen Methode bestehen keine Einschränkungen. Allein die wissenschaftliche Qualität und Innovationskraft der Beiträge sind ausschlaggebend.

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