Pharmakoästhetische PraktikenWie Tiere einen guten Tod sterben

Abstract

In einer Engführung von Moral und naturhafter Wesensbestimmung wird das Tier gemeinhin aus dem Tötungsverbot ausgeschlossen und als eine Lebensform, die sich durch das Fehlen eines Bezugs zum Tod als animalisch kennzeichnet, dem Menschen entgegengesetzt. Inwiefern und mit welchen Effekten die tierärztliche Tötungspraxis der Euthanasie in diese Ordnung eine Ausnahme einfügt, ist der Gegenstand der vorliegenden praxeologischen Untersuchung. Im Theoriefeld von Foucaults Machtbegriff verortet, wird die Privilegierung der Tiereuthanasie auf den machttechnologischen Ebenen von Norm, Normation und Normalisierung rekonstruiert. Die Norm, animalisches von menschlichem Leben anhand des Bezuges zum Tod zu scheiden, wird von einer dichten Verkettung philosophischer, moralisch-juridischer wie medizinisch-naturwissenschaftlicher Annahmen stabilisiert. Die Euthanasie markiert hier über Umkehrungen der Ordnung ihren Ausnahmecharakter: Mit dieser Tötung werden Tiere in einen Bezug zum eigenen Sterben gestellt, ihre Tötung erfolgt in ihrem eigenen Interesse und ist moralisch geboten. Die semantische Ausgestaltung und politische Implementierung dieser Ausnahme der Norm wird auf der Ebene der Normation rekonstruiert. Schließlich wird in der Sterbekultur der Euthanasie ein guter Tod als sehenswertes Spektakel inszeniert, im Zentrum ihrer Normalisierung steht die kalkulierbare Produktion einer bestimmten Sterbeerfahrung. Die Überführung der Idee eines guten Todes in körperlich-sinnliche Erfahrung beruht auf der Entwicklung einer pharmakoästhetischen Tötungspraxis. Die Semiose des guten Todes erfährt in der Tiereuthanasie eine Somatisierung: Mittels einer feinen und effektiven Steuerung des Sterbeprozesses wird der gute Tod über den Tierkörper zum Ausdruck gebracht. Die Natur des Tieres, repräsentiert im tiermedizinischen Körper- und Lebenswissen, wird in ihrer ästhetischen Vermittlung evident. Diese Grenzgänge zwischen Metapher und Körper, Moral und Vermögen, Ästhetik und Natur, von denen die tiermedizinische Euthanasiepraxis gekennzeichnet ist, werden im Sinne der Derrida’schen Limitrophie für eine Kritik der Mensch-Tier-Grenze stark gemacht. Dabei geht es nicht um deren Auflösung oder Justierung, sondern um die Verhandlungen und Erweiterungen der Mensch-Tier-Grenze in der speziesübergreifenden Sterbekultur der Tiereuthanasie.

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