Der moderne Naturbegriff, unser lebensweltliches Freiheitsverständnis und die Grenzen der Freiheit

Abstract

Gemäß dem von den Naturwissenschaften inspirierten "modernen" Naturbegriff erscheint alle Wirklichkeit als durchgängig wirkkausal bestimmter Zusammenhang. Ein solches Naturkonzept steht in einem Spannungsverhältnis zu einem lebensweltlichen Freiheitsbegriff. Dieser spricht dem Menschen die Fähigkeit zu, sich kritisch zu den eigenen psychischen und physischen Dispositionen verhalten und seine Handlungen und Urteile rational, d. h. durch Ziele, Werte und Zwecke, bestimmen zu können. In diesem Beitrag wird in drei Schritten gezeigt, dass naturwissenschaftliche Forschung ein libertarisches Freiheitskonzept nicht nur nicht widerlegt, sondern es sogar in ihrer Praxis notwendig voraussetzt, wenn ihre Ergebnisse rational sein sollen. In einem ersten Schritt wird gezeigt, dass der Determinismus, der die Freiheit, anders handeln zu können, in Frage stellt, sich nicht zwangsläufig aus einer erfolgreichen naturwissenschaftlichen Beschreibung der Natur ergibt. Vielmehr erweisen wissenschaftsphilosophische Überlegungen zu deduktiv-nomologischen Erklärungen in der Physik, zur Quantenphysik und zu Ceteris-Paribus-Bedingungen von Verlaufsgesetzen, dass das »kausale Netzwerk« der Natur veränderlich und plastisch ist. In einem zweiten Schritt wird die Wissenschaftspraxis als notwendige Bedingung für die naturwissenschaftliche Forschung untersucht. Dabei erweist sich Experimentieren als unhintergehbarer normativer Handlungszusammenhang, denn der Forscher orientiert sich frei und vernünftig an normativen methodischen Vorgaben, die für seine Wissenschaft konstitutiv sind. Somit bestätigt gerade die Wissenschaftspraxis den Menschen als freiheitliches Wesen, das sich notwendigerweise an Normen orientiert, diese Normen kritisch zu hinterfragen vermag und somit die Fähigkeit besitzt, sich zu eigenen Dispositionen kritisch verhalten zu können. In einem dritten Schritt wird skizziert, wie dieses freie Handeln als libertarisch zu verstehendes Vermögen des Anderskönnens als Vollzug im konkreten Lebenszusammenhang eines Lebewesens immer in den unhintergehbaren Zusammenhang von Organismus, Natur, Gesellschaft, Lern- und Erfahrungsgeschichte eingebettet ist und somit nicht von den konkreten Lebensvollzügen der Person getrennt werden kann.

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