Bedingte UnbedingtheitZum Zusammenhang zwischen Würde, Autonomie und Natur

Abstract

Es gibt zahlreiche Aussagen Kants zur Würde, die auf die Natur des Menschen rekurrieren, und zwar auf die Natur im aristotelisch geprägten teleologischen Sinne. Zugleich lehnt Kant, um der Freiheit, Autonomie und Würde willen, jegliche anthropologische Moralbegründung strikt ab. Für diese vernunftkritisch fundierte Anthropologismuskritik, die im Teil 2. dieses Beitrags rekonstruiert wird, rekurriert Kant gleichwohl selbst auf die sinnlich-leibliche Natur, und zwar im Hinblick auf die dadurch bedingte Begrenztheit objektivierender Erkenntnis des Menschen, wie sie in den Naturwissenschaften, aber auch in der sich an deren Methoden orientierenden Metaphysik praktiziert wird. Diese Erkenntnis- und Vernunftkritik ist, wie Teil 3. deutlich macht, zugleich Grundlage seiner primär negativen Argumentation für die universale und unbedingte Geltung der Moral und speziell der Würde. »Negativ« bedeutet, dass Kant für die Unbedingtheit mit der Unbegründbarkeit der Moral – im Sinne ihrer Nicht-Ableitbarkeit aus moralexternen Gegebenheiten, etwa der empirischen oder metaphysischen Anthropologie – argumentiert. Daher ist angemessener von der Konstitution – statt von der Begründung – der Moral zu sprechen. Auf dieser Grundlage wird in Teil 3. und 4. plausibel, dass und wie der Rekurs auf die Natur des Menschen und einen aristotelischen Naturbegriff – im Sinne einer anthropologischen Konstitution der Würde und ihrer Anwendung auf praktische Fragen – zu verstehen ist, ohne dass es dadurch zu einer antiaufklärerischen Fremdbestimmung des moralischen Urteils kommt. Die Kernthese des Beitrags lässt sich auf die Formel bedingter Unbedingtheit bringen: Dass die Würde des Menschen – die eigene Würde wie die Würde des Anderen – zu achten ist, das ist universal (für alle Menschen) und unbedingt (in jeder erdenklichen Lebenslage, auch gegenüber Toten) gültig. Für die Frage, wie sie zu achten ist bzw. missachtet werden kann, bedarf es der Reflexion auf elementare anthropologische Bedingungen des Menschseins wie der Sinnlichkeit bzw. Leiblichkeit, der Sprache, der Sozialität, der Zeitlichkeit bzw. Geschichtlichkeit oder der Kultur, kurz es bedarf einer Praktischen Phänomenologie der Ausdrucksformen der Achtung und Missachtung der Würde, welche den formalen Orientierungsrahmen des Verhaltens und Handelns für typische Situationen menschlicher Praxis bildet. Außerdem bedarf es in hohem Maße moralischer Urteilskraft und Phantasie, die nicht nur in der Praxis, sondern auch in der philosophisch-phänomenologischen Reflexion an konkreten Beispielen, Fällen oder Geschichten zu praktizieren und zu üben sind. Für eine solche Praktische Phänomenologie sind bei Kant bereits deutliche Ansätze zu finden, die aber kritisch über ihn hinausgehend weiter zu entwickeln sind.

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