Nominalismus

Nominalismus (lat. = Namenstheorie), eine erkenntnistheoretische, metaphysische und theologische Richtung der Spätscholastik am Ende des Mittelalters (Ockhamismus). Nach ihr haben die allgemeinen Begriffe (»universalia«) keine jeweils eigene Realität; sie sind nicht eigentliche »Wesensbegriffe«, sondern »Namen« (»nomina«) für vieles, was an sich absolut individuell ist. Zugrunde liegt die Auffassung, daß das Allgemeine nicht zu der vom Denken unabhängigen Wirklichkeit gehört (so der »Realismus«), sondern reines Produkt des Denkens oder sprachliches Erfordernis sei. Allgemeine Aussagen seien nicht identisch mit Aussagen über Allgemeines und dessen Existenz. Bemerkenswert ist das »Sparsamkeitsprinzip« des Nominalismus: Wenn der Realismus besage, daß jeder Begriff eine real existierende »Sache« bezeichne, so wäre das eine überflüssige und nicht begründbare Annahme. In nominalistischer Sicht ist die Theologie »in sich« zwar eine Wissenschaft, doch stammen ihre »Prinzipien« nicht aus der Vernunft (die in ihren Grenzen wahrgenommen wird), sondern aus der Offenbarung, daher ist sie als Wissenschaft auch nicht Sache der Menschen. In der Dogmatik spielte die Lehre des Nominalismus über die Freiheit Gottes bei der Schöpfung eine Rolle: Gott habe kraft seiner absoluten Macht (»de potentia Dei absoluta«) frei wählend die Welt in ihrer Kontingenz erschaffen; faktisch sei durch die Ordnungsmacht Gottes (»de potentia Dei ordinata«) eine Schöpfung ohne Widersprüche entstanden, doch hätte Gott auch eine andere Schöpfung, ebenfalls ohne Widersprüche, entstehen lassen können. Im Nominalismus kann eine »Wachstumskrise« des christlichen Weltverständnisses gesehen werden, die zur Befreiung aus mittelalterlichen Denkformen notwendig war (Frage nach dem Faktischen und geschichtlich Einmaligen, Betonung des erkennenden Subjekts im Unterschied zu den »Sachen«, Verwendung der induktiven Methode, die zu den modernen Naturwissenschaften führt).