Entschädigung für MissbrauchsbetroffeneMindestens wahrscheinlich, also gut möglich

Die Bischofskonferenz diskutiert ein neues System für die Entschädigung von Missbrauchsbetroffenen. Doch die Vorschläge werfen Fragen auf.

Mindestens wahrscheinlich, also gut möglich
© Julia Steinbrecht/KNA

Das Stichwort Missbrauch durchzieht inzwischen fast alle Debatten im kirchlichen Raum. Doch der eigentliche Ausgangspunkt der Krise ist längst weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Menschen wurde Leid zugefügt, das sie oft noch noch Jahrzehnte danach belastet. Insofern verdient die von der Bischofskonferenz eingesetzte „Unabhängige Arbeitsgruppe“ höchste Beachtung. Ihr Auftrag lautet: „Weiterentwicklung des Verfahrens zur Anerkennung des Leids“. Für die Vollversammlung der Bischofskonferenz hat das Gremium nun „Empfehlungen“ formuliert, die der „Herder Korrespondenz“ vorliegen. Dringend ist die Befassung mit dem Thema auch deswegen, weil zuletzt lokale Lösungen, wie etwa im Erzbistum Freiburg, für Unruhe sorgten.

Es geht um den Aufbau eines neuen, umfangreichen Entschädigungszahlungssystems. Die Forderung der Arbeitsgruppe lautet, allen Betroffenen entweder pauschal 300.000 Euro als eine Art Schmerzensgeld zu zahlen oder in einer zweiten Variante eine gestufte Zahlung je nach Schwere der Tat vorzusehen. Hier sehen die Experten einen Korridor zwischen 20.000 und 400.000 Euro als Entschädigungszahlung vor. Matthias Katsch, Mitglied der Arbeitsgruppe, selbst Betroffener und Gründer des „Eckigen Tisches“, kann sich einen Korridor bis zu 500.000 Euro vorstellen und weist ausweislich einer Fußnote darauf hin, dass auch Forderungen von bis zu 1 Million Euro im Raum stehen.

Ein weiterer Eckpfeiler des vorgeschlagenen neuen Systems ist eine Art unabhängige Entschädigungsbehörde, die für alle deutschen Bistümer entsprechende Prüfungen und Zahlungen vornimmt. Dieser zu errichtende „Entschädigungsfonds“ solle als Ansprechpartner für alle Opfergruppen in Bistümern und Orden der katholischen Kirche zur Verfügung stehen. Das Arbeitspapier sieht den selbstständig agierenden Entschädigungsfonds als eine Organisation mit Geschäftsstelle und hauptamtlichem Personal vor, die unabhängig von der Kirche arbeitet und „im Verhältnis zur Kirche nicht weisungsgebunden“ ist. Betont wird, dass ein „Einfluss“ der Kirche auf die Besetzung der Gremien „weitgehend ausgeschlossen“ werden müsse. Wichtig ist der Arbeitsgruppe eine starke Einbindung von Betroffenenorganisationen in die Beratungstätigkeit des Fonds. Finanziert werden soll der Fonds durch die Kirche, Mitspracherechte soll sie faktisch keine haben.

Die Betroffenen sollen sich unkompliziert an den Entschädigungsfonds richten können. Hierzu soll es auch eine Öffentlichkeitskampagne geben, die auf das Angebot aufmerksam macht. Für die Entscheidung, ob ein Antragsteller eine Entschädigung bekommt, sollen interdisziplinär besetzte Kommissionen eingerichtet werden. Ein Mitglied des Gremiums soll jeweils die Befähigung zum Richteramt haben. Da mit einer hohen Zahl von Antragstellern gerechnet wird, müssten mehrere Kommissionen eingesetzt werden, die wiederum ihre Tätigkeit nicht unentgeltlich erledigen dürften, heißt es in dem Papier.

Neben Experten sollen den Gremien jeweils ein Vertreter der Kirche und ein Vertreter einer Opferorganisation angehören. Die Kirchenvertreter dürften aber, so die Empfehlung, keine „kirchliche Leitungsverantwortung“ in einem Ordinariat oder Generalvikariat ausüben. In der Regel soll es keine Anhörung geben und in jedem Fall eine Plausibilitätsprüfung ausreichen, um die Entschädigungszahlung zu bewilligen. In der Empfehlung heißt es: „Nach dem Vorbild des Entschädigungsrechts genügt es, dass die behaupteten Tatsachen glaubhaft sind.“ Plausibel sei, so heißt es weiter, was „mindestens wahrscheinlich, also gut möglich“ ist.

Im Fokus des neuen Entschädigungssystems stehen Opfer sexuellen Missbrauchs. Die Empfehlung für die Bischöfe fasst die Gruppe der Anspruchsberechtigten weit. Insbesondere sollen die zur Tatzeit minderjährigen Opfer Geld aus dem Fonds erhalten. Doch schreiben die Mitglieder der Arbeitsgruppe, dass sie unter sexuellem Missbrauch zum einen strafbare Handlungen verstehen, zum anderen aber auch „nicht strafrechtlich sanktionierbare sexualbezogene Handlungen (einschließlich grenzüberschreitender Verhaltensweisen)“. Erfasst werden sollen neben Kindern und Jugendlichen auch „andere Schutzbefohlene“.

Das Modell wirft einige massive Fragen auf. Warum soll ein System etabliert werden, welches sich von staatlichen und anderen nichtkirchlichen Formen abkoppelt? Diejenigen Opfer, die nicht in kirchlichen, sondern in anderen Kontexten sexuellen Missbrauch erfahren haben, könnten erheblich ins Hintertreffen geraten. Wenn das Prinzip der Vergleichbarkeit über den Verantwortungsbereich der Kirche hinaus ganz aufgegeben wird, entsteht zu Recht der Eindruck, die Kirche würde sich hier auf den Vorschlag einlassen, sich freizukaufen.

Deswegen braucht es dringend eine über den kirchlichen Raum hinausgehende öffentliche Debatte. Und warum zum Beispiel soll es kein „professionelles Clearing durch ausgewiesene Experten aus dem Fachgebiet der klinischen Psychologie und/oder der Psychiatrie“ geben, wie es das österreichische Modell vorsieht? Warum wird bei der Begründung der „Plausibilitätsprüfung“ auf das Verfahren zur Kriegsopferversorgung verwiesen? Wenn die Kirche eine Organisation von Verbrechern wäre, müsste man sie verbieten und enteignen.

Verantwortliche in der Kirche haben immer wieder Missbrauch verschwiegen, vertuscht und bagatellisiert. Sie haben Tätern mehr geglaubt als Opfern. Aber eine Kirche, die nur „Täterorganisation“ wäre, kümmerte sich auch nicht um die Opfer. Sie würde erst gar nicht anfangen, ein eigenes Anerkennungs- und Entschädigungszahlungssystem zu entwickeln. Was soll das neue System bewirken, wenn die Entschädigungszahlungen nur im Gestus der Anklage geleistet werden? Frieden werden sie jedenfalls so nicht bewirken, auch nicht für die Betroffenen.

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