MünchenMarx löst Katholische Integrierte Gemeinde auf und stellt „Aufarbeitung“ in Aussicht

Kardinal Reinhard Marx hat die Katholische Integrierte Gemeinde (KIG) in der Erzdiözese München und Freising aufgelöst. Das Erzbistum prüft außerdem „weitere Schritte zur Aufarbeitung“. Wie jetzt bekannt wurde, hatte ein Gutachten bereits 2005 kirchenrechtswidrige Praktiken der Gruppierung moniert. Zuletzt hatte sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. in der „Herder Korrespondenz“ von der Katholischen Integrierten Gemeinde distanziert.

München
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Das Ehepaar Hanias und Saphira, so berichtet es die Apostelgeschichte (5,1-11), verkauften ein Grundstück zu Gunsten der Jerusalemer Urgemeinde, behielten jedoch einen Teil des Erlöses für sich zurück und verheimlichten dies den Aposteln. Petrus wusste um den Sachverhalt und warf Hananias vor, den Heiligen Geist betrogen zu haben. Darauf fiel Hananias tot um. Kurze Zeit später erlitt seine Frau Saphira das gleiche Schicksal. Diese zumindest interpretationsbedürftige Episode soll in der Katholischen Integrierten Gemeinde zur biblischen Untermauerung der Forderung an die Mitglieder gedient haben, zur Finanzierung von Gemeindeprojekten das eigene Vermögen einzusetzen und darüber hinaus Schulden aufzunehmen.

So steht es jedenfalls in einer „Stellungnahme der Visitatorinnen und des Visitators des Erzbischofs für die Katholische Integrierte Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising (KIG)“, die das Münchner Erzbistum am Freitag, 20. November 2020, veröffentlichte. Die irritierende Perikope soll auch bei Hochzeiten als Lesung vorgetragen worden sein. Die Stellungnahme spricht von einer „finanziellen Instrumentalisierung der Mitglieder“. Diese hätten Kredite von der gemeindeeigenen „Integra-Bank“ aufgenommen, wodurch das finanzielle Risiko für die unterschiedlichen Vorhaben der Gruppe auf die einzelnen Mitglieder verlagert worden sei. Den Visitatoren liegen nach eigener Aussage Darlehensverträge und notarielle Urkunden zu Immobilienübertragung vor, die die entsprechenden Praktiken belegen.

Im vergangenen Monat hatte die „Herder Korrespondenz“ über Vorwürfe ehemaliger Mitglieder gegen die Integrierte Gemeinde berichtet. Der emeritierte Papst Benedikt XVI., der über viele Jahre als Freund der Gruppierung galt, distanzierte sich gegenüber der „Herder Korrespondenz“ erstmals von der Integrierten Gemeinde und sprach von „schrecklichen Entstellungen des Glaubens“. Offensichtlich sei er über „manches im Innenleben“ der Gemeinde „nicht informiert oder gar getäuscht“ worden.

Münchens Erzbischof Kardinal Reinhard Marx hatte am 14. Februar 2019 eine Visitation in Auftrag gegeben. Seit dem 29. Juni 2020 liegt offenbar der Abschlussbericht vor, der vom Leiter der Abteilung Kirchenrecht im Münchner Ordinariat, Michael Benz, der Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel sowie der Münchner Benediktiner-Äbtissin Carmen Tatschmurat verfasst worden ist. Nun hat Marx laut einer Mitteilung des Erzbistums „den öffentlichen kirchlichen Verein Katholische Integrierte Gemeinde in der Erzdiözese München und Freising aufgelöst.“ Dieser habe allerdings zuletzt „weder Leitungsorgane noch Mitglieder“ gehabt. Niederlassungen der KIG bestehen auch in weiteren deutschen Bistümern. Sie sind von den Maßnahmen in München offiziell nicht betroffen. Recherchen der „Herder Korrespondenz“ zufolge hat die KIG ihre Arbeit „in der bisherigen kirchenrechtlichen Form“ für beendet erklärt, plant jedoch einen Neustart „in einem neuen rechtlichen Gewand.“ Im Erzbistum Paderborn ist zudem weiterhin eine KIG-Priestergemeinschaft mit zwanzig Mitgliedern kirchlich anerkannt.

Das Erzbistum München und Freising teilte außerdem mit, man prüfe „weitere Schritte zur Aufarbeitung der Geschichte und Arbeit der Katholischen Integrierten Gemeinde“. Kardinal Marx wird mit den Worten zitiert: „Ich bedaure sehr, dass ehemalige Mitglieder in der Auseinandersetzung mit der Katholischen Integrierten Gemeinde Leid erfahren mussten und die Verantwortlichen sich gegenüber den Visitatoren nicht als kooperationsbereit erwiesen haben. Der Bericht der Visitatoren verdeutlicht, dass nicht mangelnder Glaube oder einzelnes persönliches Versagen den Verein problematisch machten, sondern dass hier manche negativen Erfahrungen im Anspruch und in der Struktur der Katholischen Integrierten Gemeinde grundgelegt waren.“ Ehemalige Mitglieder hatten in der „Herder Korrespondenz“ unter anderem die Einrichtung einer Aufarbeitungskommission sowie Hilfsangebote vonseiten der Erzdiözese gefordert.

Die nun veröffentlichte Stellungnahme spricht von einem „fragwürdigen Selbstverständnis“ der Gruppe sowie „überzogenen Gehorsamsforderungen“. Die Visitatoren schreiben: „In der Versammlung und vermittelt durch die Gründerin, Traudl Wallbrecher, so die immer wieder geäußerte Überzeugung, ist die Stimme des Heiligen Geistes zu erfahren. Wer hier widersprach, dem ist vorgeworfen worden, sich einer Sünde wider den Heiligen Geist schuldig zu machen.“ Von Gemeindezugehörigen sei verlangt worden, „Entscheidungen jeglicher Art durch die Gemeinde“ hinzunehmen, „angefangen von der Partnerwahl, der Wahl des Berufes, des Wohnortes oder der Wohnform über den Umgang mit dem Kinderwunsch und die Erziehung der Kinder bis hin zur Wahl des Arztes und zu sämtlichen finanziellen Aktivitäten“. Den „Rat“ der Gemeinde nicht anzunehmen hätte „neben der Trennung von der Gemeinde sehr häufig den Verlust aller sozialen Kontakte, aller materiellen Güter, die in das Engagement für die KIG geflossen waren, und oft auch den Verlust des Arbeitsplatzes“ zur Folge gehabt. Die „Herder Korrespondenz“ hatte unter anderem aus einem Brief der Gründerin Traudl Wallbrecher an ein Gemeindemitglied aus dem Jahr 1998 zitiert, in dem diesen die Ehescheidung als „Rat der Gemeinde“ nahegelegt worden war.

Das Papier der Visitatoren benennt zudem Mängel der geltenden Statuten – die Rede ist von einem „im System verankerten Fehlen an Machtkontrolle“ – und moniert zugleich die „Nichtbeachtung der eigenen Statuten“. Die Problematik sei bereit in einem vom Bistum beauftragten Gutachten des Kirchenrechtlers Heribert Schmitz von 2005 benannt worden. Über die Art und Weise, wie Mitglieder aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden, heißt es in dem Gutachten: „Die betreffenden Ausschlussverfahren von Mitgliedern sind (…) rechtswidrig.“ Schmitz schrieb damals weiter, dass „die ‚Katholische Integrierte Gemeinde eine Vereinigung mit vertiefungsbedürftigem Verhältnis zum Recht“ sei.

Erstmals hatten Medien im Oktober 2019 über die Visitation der KIG berichtet. Damals war ein Zwischenbericht der Visitatoren an die Öffentlichkeit geraten. In einer auf der Website der Gruppierung am 14. November 2019 veröffentlichten – und einige Monate später wieder entfernten – Stellungnahme hieß es jedoch, der Bericht enthalte „völlig haltlose Anschuldigungen, unwahre Behauptungen und faktenfreie Vorurteile“, die zusammengetragen worden seien, um der Gemeinde „ihre Katholizität“ abzusprechen. Ziel sei eine „massive Rufschädigung“ und die „Verhinderung ihrer Arbeit“. Mit ihrer nun veröffentlichten "Stellungnahme" bestätigen die Visitatoren indes den damaligen Befund. Die Ergebnisse der Untersuchung beruhten auf "zahlreichen Gesprächen" sowie einer "Vielzahl von Dokumenten", so die Visitatoren.

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