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Aktuell

Nr. 09/2021

  • Plus S. 1

    Zuspitzung

    Die These einer Kirche am Kipppunkt von Rainer Bucher und Hans Joachim Sander ist ein weiterer Weckruf.

  • Plus S. 11-12

    Kirchenmedien: Auf dem Prüfstand

    Bereits zum vierten Mal wurde im Juli der „Trendmonitor Religiöse Kommunikation“ veröffentlicht. Seine Daten sollen helfen, die kirchliche Medienarbeit gezielter und wirksamer auszurichten. Was ist da zu tun?

  • Plus S. 17-21

    Ein Gespräch mit der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs„Aufarbeitung bleibt ganz vorn auf der Agenda“

    Christsein im Herbst 2021 ist Christsein nach Corona. Wo steht die evangelische Kirche, die zuletzt auch wie die katholische Kirche mit Kritik an ihrem Umgang mit sexualisierter Gewalt zu kämpfen hat. Darüber sprachen wir mit der gerade wiedergewählten Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die zuletzt auch die Missbrauchsbeauftragte der EKD war. Die Fragen stellte Stefan Orth.

  • Plus S. 34-35

    Impuls für die ÄmtertheologiePriester auf Zeit?

    Das Zweite Vatikanum spricht in Bezug auf Priester und Bischöfe von Dienstämtern. Wenn also die Funktion des Amtes als Dienst im Vordergrund steht, gibt es gute Gründe, priesterliche Beauftragungen und Weihen flexibel zu gestalten.

  • Plus S. 56

    Gegen die Schubladisierung

    Pater Nikodemus Schnabel wird neuer Patriachalvikar für katholische Asylsuchende und Migranten in Jerusalem. Er wünscht sich einen neuen Blick auf Israel. Fragen: Volker Resing

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Aus den Heften

Heft 9/2020

  • Gratis Herder Korrespondenz Heft 9/2020 S. 13-15

    Zu den Vorwürfen gegen Pater Joseph KentenichDas „Kindesexamen“

    Gegen den Gründer der Schönstatt-Bewegung werden erneut Missbrauchs-Vorwürfe erhoben. Die Anklagepunkte sind schon seit den Fünfzigerjahren bekannt, nur gewisse Maßregelungen wurden getroffen. Damit Klarheit herrscht, müssen die Archive geöffnet werden, sonst wird auch das Seligsprechungs-Verfahren unglaubwürdig.

Heft 7/2020

Heft 3/2020

Heft 10/2020

Heft 9/2019

Heft 8/2019

Heft 6/2019

Heft 5/2019

Heft 4/2019

Heft 12/2019

  • Gratis Herder Korrespondenz Heft 12/2019 S. 33-37

    Der lange Schatten des Ersten Vatikanischen KonzilsDer Fremdkörper

    Vor 150 Jahren begann am 8. Dezember 1869 das Erste Vatikanische Konzil. Nach dem Blutbad der Französischen Revolution setzte die katholische Kirche auf Abschottung von der modernen Welt. Die Unfehlbarkeit des Papstes erschien als sicherer Anker in den Stürmen der Zeit. Dieses Erbe wirkt bis heute weiter fort.

Heft 10/2019

Der institutionelle Aspekt der Kirche

Nach der Reformation und der Entstehung der „konfessionellen“ Kirchen stand im römisch-katholischen Bereich der institutionelle Aspekt der Kirche im Mittelpunkt. Einflussreich bis ins 20. Jh. war die Sicht der Kirche bei R. Bellarmin († 1621): Die Kirche ist eine sichtbare Gemeinschaft, so greifbar wie „das Königreich Frankreich oder die Republik Venedig“, geeint durch die drei „Bänder“ („vincula“), nämlich Bekenntnis des wahren Glaubens, Teilhabe an den gleichen Sakramenten und Unterstellung unter den rechtmäßigen Hirten, den Stellvertreter Christi auf Erden, den römischen Papst. Die auf die Kirche bezogenen Impulse der Aufklärung (Suche nach einer von der Vernunft erkannten Gemeinsamkeit über alle institutionellen Grenzen hinaus, Ablehnung jeder Fremdbestimmung) wurden im Bereich der röm.-katholischen Kirche zunächst nicht wirksam; ein spätes Echo findet sich bei J. H. Newman († 1890) mit seiner Betonung der personalen Entscheidung (Gewissen, Glaubenssinn) vor jedem institutionellen Element. Die Überlegungen der Tübinger Schule zur Kirche als einem vom Heiligen Geist belebten Organismus führten zu der extremen, nicht rezipierten Auffassung von der Fortsetzung der „Menschwerdung Gottes“ (Inkarnation) in der Kirche.

Die auf den Papst bezogenen Dogmen des I. Vaticanums sind insofern nicht ausschließlich auf die „Außenseite“ der Kirche bezogen, als die Betonung der Unfehlbarkeit dem Schutz der Identität des Glaubens der Kirche von ihrem apostolischen Anfang an dienen soll.

Aus den Erneuerungsbewegungen des 20. Jh. ging die Ekklesiologie des II. Vaticanums hervor, in den Texten freilich unvermittelt mit Elementen der auf den Papst konzentrierten „hierarchologischen“ Ekklesiologie verbunden.

Zur gegenwärtigen Kirchenauffassung

In der Kirche ist die bleibende Gegenwart des gehörten, weiter verkündigten und wirksamen Wortes Gottes in der Welt gegeben, so dass die Kirche durch dessen Eigentümlichkeit, von Gott her und zugleich ganz menschlich zu sein, geprägt ist. Wenn die Kirche „gleichsam“ als Sakrament bezeichnet wird, dann ist damit gesagt, dass die „innere“ Gnade der Selbstmitteilung Gottes, deren Werkzeug sie ist, und die „äußere“ Gestalt der Kirche weder mit einander identifiziert noch voneinander getrennt werden können. In dieser doppelten Sichtweise gründet die Geschichtlichkeit der Kirche. „In ihren Sakramenten und Institutionen, die noch zu dieser Weltzeit gehören, trägt die pilgernde Kirche die Gestalt dieser Welt, die vergeht“ (II. Vaticanum LG 48). Diese Geschichtlichkeit der Kirche widerspricht ihrem verbindlichen Anspruch nicht, denn das Verbindliche ist jeweils nur in einer konkreten Erscheinung anzutreffen. Gegenüber dem immer drohenden Verfall wird die Kirche immer neu gehalten vom Heiligen Geist, der die abgeschlossene „öffentliche“ Offenbarung Gottes immer neu geschichtlich enthüllt. Die Kirche „ist zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung“ (LG 8).

Die Kirche lebt in drei Daseinsräumen, in der Innerlichkeit und im lobpreisenden Bekenntnis des Glaubens und der Gnade, in der Sichtbarkeit der Sakramente und des Amtes in seinen geschichtlichen Ausprägungen und in der umfassenden Praxis der Liebe, innerhalb der Kirche und im Dienst am Frieden und der Einheit der Welt. Die neuere Ekklesiologie und Praktische Theologie haben sich angewöhnt, dementsprechend von drei Grundfunktionen der Kirche zu sprechen: Martyria, Leiturgia, Diakonia. Sie werden manchmal ergänzt durch die Koinonia; die Besinnung auf die grundlegende Gleichheit aller vor Gott und in der Kirche hat zu der problematischen Verwendung des Begriffs 3Volk Gottes und zu der nicht weniger problematischen Communio-Ekklesiologie des II. Vaticanums geführt. Die Betonung des Dienstes und des Werkzeug-Charakters der Kirche haben dazu geführt, dass die Aburteilungen und Verdammungen der Außenstehenden zurückgenommen sind; die Heilsnotwendigkeit der Kirche kann in ihrem Dienst an den Kirchen, Gemeinschaften und Individuen gesehen werden, die ihr in unterschiedlicher (gestufter) Weise verbunden sind.

Die theologischen Gründe der Trennung der nicht römisch-katholischen Kirchen von „Rom“ liegen bei der „äußeren“, institutionellen Seite. Die ostkirchlich-orthodoxe Fundierung der Kirche im Heiligen Geist und in der Eucharistie ist mit römisch-katholischem Glauben ebenso vereinbar wie die reformatorische Auffassung der Kirche als Gemeinschaft der Gerechtfertigten, die ihr kirchliches Dasein und ihre Heiligkeit aus dem Wort Gottes empfangen. Zu der jeweils unterschiedlichen Auffassung des Amtes treten freilich noch große Unterschiede in Mentalitäten, gelebter Spiritualität usw., so dass ein Wiederfinden institutioneller Einheit kaum denkbar ist; eine Ökumene der „versöhnten Verschiedenheit“ wäre vereinbar mit der Aussage des II. Vaticanums, dass die Kirche Jesu Christi in jeder Ortsgemeinde verwirklicht ist (LG 26)). Erklärungen der römischen Glaubensbehörde in den letzten Jahrzehnten, zuletzt 2008, beanspruchen die Bezeichnung „Kirche „ im authentischen Sinn ausschließlich für die römisch-katholische Kirche Die dafür angegebenen Kriterien sind bisher nicht konsensfähig. Daher lassen sich andere kirchliche Gemeinschaften aufgrund anderer Kriterien die Selbstbezeichnung als Kirche nicht nehmen.

Kirche und Welt

Nach dem II. Vaticanum ist die Kirche an kein politisches, wirtschaftliches oder gesellschaftliches System und an keine bestimmte Kultur gebunden (GS 42, 58, 76). Sie erkennt Staaten und Gesellschaften als autonome, von der Kirche unabhängige Größen an. Wenn sie für sich beansprucht, „Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person“ zu sein (GS 76) und die sich aus Menschenwürde und Menschenrechten ergebenden ethischen Normen auch in ihrer Geltung für das öffentliche und staatliche Leben in Erinnerung zu rufen und wenn sie dadurch auch das Gewissen ihrer eigenen Mitglieder bindet, dann verstößt sie nicht gegen die Normen der Gewissensfreiheit und Toleranz, weil sie damit nicht behauptet, für dasjenige, was in einer jeweiligen geschichtlichen Situation staatlich und gesellschaftlich zu tun ist, positive und konkrete Weisungen geben zu können (vgl. GS 42: die Kirche hat keine Sendung in den politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Bereich).

Die Kirche weiß sich verpflichtet, aktiv „zu einer humaneren Gestaltung der Menschheitsfamilie“ beizutragen (GS 40); hinsichtlich des konkreten politischen Weges haben die Kirchenmitglieder berechtigte Meinungsverschiedenheiten (GS 43, 75). Damit ist natürlich nicht die Freiheit gemeint, auf der Seite der allein Besitzenden, Unterdrücker und Ausbeuter zu stehen (GS 63–72). Die Aufgaben der Kirche in der Welt ergeben sich daraus, dass sie für andere, auch für Ungläubige existiert und dadurch gegen Unrecht sein muss. Diese Aufgaben sind in einer „globalisierten“ Welt unter dem Diktat der Unterhaltungsindustrie, der technischen Perfektionierung und der immer größeren Chancenungleichheit der Menschen viel schwerer geworden als zur Zeit des II. Vaticanums. Die Kirche steht neu vor der Frage, ob sie sich mit der Hoffnung auf Gehör in dieser Medien- und Wissenschaftswelt beteiligen oder sich zurückziehen soll.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder