Jorge Mario Bergoglio, Franziskus, ist ein Papst, der einmal eine Freundin hatte und in seiner Freizeit Tango tanzte; der weiß, wie es ist, einen „Migrationshintergrund“ zu haben oder als Putzmann in einer Fabrik zu arbeiten. Er hat unter dem argentinischen Militärregime (1976 – 1983) keinen strahlenden Widerstand geleistet, sondern im Verborgenen Opfern geholfen. Er weiß, wie man seine Wäsche wäscht und sein Essen kocht, und das verbindet ihn mit Millionen normaler Menschen: Wir sind Papst.

Ich nehme die Wahl an, auch wenn ich ein Sünder bin“: Das soll der Argentinier nach seiner Wahl zum Bischof von Rom den Kardinälen im Konklave als Erstes gesagt haben. Keiner weiß so genau wie dieser Papst, dass er kein Übermensch ist. Aber es ist ihm ernst damit, die Prinzipien des Christentums oder, allgemeiner gefasst, des richtigen Lebens nicht in unerreichbaren Höhen zu belassen, sondern sie konkret in den Alltag hineinzubuchstabieren. Die Reform der Kirche, die Veränderung der Welt fängt für ihn ganz unten an. Und hier wird die Sache dann doch unbequem für uns Normale – denn nichts hasst der neue Papst so sehr wie Heuchelei. „Ich nenne mich katholisch, aber ich zahle nicht die Steuern, oder ich betrüge meine Frau“, so hat er mal in einem Gesprächsbuch (auf Deutsch: Papst Franziskus. Mein Leben – mein Weg, Verlag Herder) erklärt, was falsches Leben im richtigen ist. „Oder ich höre meinen Kindern nicht zu. Oder ich schiebe meine alten Eltern in ein Altenheim ab und besuche sie da nie. Oder ich pfusche ein bisschen an der Waage oder dem Taxameter herum, damit sie mehr anzeigen.“ Das sei „ein Zusammenleben mit dem Betrug, nicht nur dem Staat oder meiner Familie, sondern mir selbst gegenüber“. Die „ethische Herausforderung“ laufe genauso wie die religiöse „über die Kohärenz zwischen den Prinzipien und dem Verhalten“. Wir sind Papst, doch das könnte ein ungemütlicher Anspruch sein für unseren Alltag.

Ansatz

Einmal stand Kardinal Bergoglio, der heutige Pontifex, auf einem Flughafen vor dem Gepäckband: „Das war in dem Moment, wo die Leute aus der Touristen- und aus der Ersten Klasse zusammen warten, bis ihre Koffer kommen. Ein Moment, in dem alle gleich sind; vor dem Gepäckband sind alle gleich.“ Auf einmal habe er gesehen, wie einer der Wartenden („es war ein bekannter Unternehmer, in die Jahre gekommen“) ungeduldig wurde, weil das mit seinem Koffer länger dauerte. „Er verbarg nicht seinen Ärger und zog ein Gesicht, als ob er sagen wollte: Die wissen offenbar nicht, wer ich bin, dass sie mich hier wie irgendeinen Ladenschwengel warten lassen!“ Er sei „sehr traurig geworden“, als er das gesehen habe, so Bergoglio. „Ich wusste ja so ungefähr, was für ein Leben er führte, er wollte praktisch die Zügel nicht abgeben und den Mythos des Doktor Faustus wiederholen.“ Wie schade, dass dieser Mann nicht „von der Weisheit seines Alters zehren konnte“, überlegte der heutige Bischof von Rom. „Statt gereift zu sein wie guter Wein, war er sauer geworden wie schlechter. Es machte mich traurig zu sehen, dass jemand, der so viele Erfolge erlebt hatte, doch in etwas so Wesentlichem versagte.“

Diese kleine Anekdote erzählt viel über Papst Franziskus: Er geht vom wirklichen Leben aus und verknüpft seine Beobachtungen dann mit der biblischen Botschaft. Das gibt seinen Reden den lebensnahen Zug. Diese Methode wählte unter seinem Einfluss auch eine große lateinamerikanische Bischofskonferenz im brasilianischen Aparecida im Jahr 2007. Zunächst einmal analysierten die Teilnehmer die Lage der Christen auf ihrem Kontinent, und dann zogen sie daraus im Licht des Evangeliums ihre Schlussfolgerungen. Wohl häufiger machen es Bischöfe andersherum: erst einmal die biblische Botschaft bzw. die kirchliche Lehre darstellen und das dann auf die wirkliche Lage anwenden.

Anliegen

„Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!“, hat der neue Bischof von Rom bei einem seiner ersten Auftritte im Vatikan ausgerufen (Audienz für Medienvertreter, 15. 3. 2013) und damit begründet, warum er sich als erster Papst der Geschichte nach dem heiligen Franz von Assisi benannt hat. Er zapft damit ein Potential der Hoffnung an, ruft Träume von einer radikal einfachen Nachfolge Jesu herauf und predigt eine Konzentration aufs Wesentliche.

Uns stehen spannende Zeiten ins Haus! Dieser neue Pontifex wird uns mal verzaubern wie in seiner ersten „Balkonszene, die es mit Romeo und Julia aufnehmen kann“ (Christiane Florin), mal verärgern mit unvermeidlich unpopulären Entscheidungen. Aber sicher ist: Er wird uns immer überraschen.

Sein großes Thema als Papst ist, von Anfang an, die Barmherzigkeit. Und das heißt auch: Barmherzigkeit mit uns selbst. Nicht perfekt sein wollen, keine Angst vor Schwäche haben und „keine Angst vor der Zärtlichkeit“ (Predigt bei der Amtseinführung, 19. 3. 2013). Nicht weniger als sechs Mal kam das Wort „Zärtlichkeit“ in der Antrittspredigt vor: tenerezza. Für einen Papst ist das ein ungewöhnlicher Auftakt.

Anknüpfung

Das Franziskus-Wunder wäre allerdings nicht möglich geworden – und das ist in den Umbruchtagen von Rom etwas untergegangen – ohne den Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. Dass der deutsche Papst ohne Aufhebens in die Verborgenheit zurücktrat, hat zwar seine Porträtbildchen in den Souvenirläden Roms nahezu zum Verschwinden gebracht, diesem Pontifikat aber endgültig Größe beschert. Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass Benedikt dem Franziskus den Boden bereitet hat. Von seiner ersten Enzyklika Deus Caritas est etwa führt eine direkte Linie zum Papst der Barmherzigkeit. Wer will, kann die Linie sogar noch etwas früher ansetzen: Auch Johannes Paul II., der von 1978 bis 2005 regierte, betonte die göttliche Barmherzigkeit sehr stark, etwa in seiner Enzyklika Dives in Misericordia. „Christus … spricht nicht nur vom Erbarmen und erklärt es mit Hilfe von Gleichnissen und Parabeln, er ist vor allem selbst eine Verkörperung des Erbarmens, stellt es in seiner Person dar“, schrieb der polnische Papst darin. Diese Sätze zeigen, dass sehr viele Fäden der Kontinuität den neuen Papst mit seinen Vorgängern auf dem römischen Bischofsstuhl verbinden. Er kann an vieles anknüpfen, aber er wird auch in seiner eigenen Mischung aus Charme und Entschiedenheit seine eigene Agenda setzen.

Stefan von Kempis (in: Gemeinsam Glauben Nr. 5/2013)

Impulse von Papst Franziskus

Christus ist die Mitte

Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz aufbauen und Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir nicht Jünger des Herrn: Wir sind weltlich; wir sind Bischöfe, Priester, Kardinäle, Päpste, aber nicht Jünger des Herrn. Ich möchte, dass …wir alle den Mut haben, wirklich den Mut, in der Gegenwart des Herrn zu gehen mit dem Kreuz des Herrn; die Kirche aufzubauen auf dem Blut des Herrn, das er am Kreuz vergossen hat; und den einzigen Ruhm zu bekennen: Christus den Gekreuzigten. Und so wird die Kirche voranschreiten.

(Eucharistiefeier mit den Kardinälen, 14. 3. 2013)

Christus ist die Mitte, nicht der Nachfolger Petri – Christus. Christus ist die Mitte. Christus ist der Grund und Bezugspunkt, das Herz der Kirche. Ohne ihn gäbe es weder Petrus und die Kirche noch hätten sie einen Grund zu bestehen.

(Audienz für Medienvertreter, 16. 3. 2013)

Haben Sie schon mal an die Geduld Gottes gedacht, an die Geduld, die er mit jedem von uns hat? Das ist seine Barmherzigkeit. Er hat immer Geduld, Geduld mit uns, er versteht uns, erwartet uns, wird nicht müde, uns zu vergeben, wenn wir mit zerknirschtem Herzen zu ihm umzukehren verstehen. „Groß ist die Barmherzigkeit des Herrn“, sagt der Psalm.

(Angelus, 17. 3. 2013)

Aufeinander achten

Vergessen wir nie, dass die wahre Macht der Dienst ist und dass auch der Papst, um seine Macht auszuüben, immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz hat; dass er auf den demütigen, konkreten, von Glauben erfüllten Dienst des heiligen Josef schauen und wie er die Arme ausbreiten muss, um das ganze Volk Gottes zu hüten und mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten … Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!

(Messe zu Beginn des Pontifikats, 19. 3. 2013)

Die Berufung zum Hüten … besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt, in der wir leben. Die Menschen zu hüten, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden. Sie besteht darin, in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich dann um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Sie besteht darin, die Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; sie sind ein Einander-Behüten in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten.

(Messe zu Beginn des Pontifikats, 19. 3. 2013)

Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit! … Das Sichkümmern, das Hüten verlangt Güte, es verlangt, mit Zärtlichkeit gelebt zu werden. In den Evangelien erscheint Josef als ein starker, mutiger, arbeitsamer Mann, aber in seinem Innern zeigt sich eine große Zärtlichkeit, die nicht etwa die Tugend des Schwachen ist, nein, im Gegenteil: Sie deutet auf eine Seelenstärke hin und auf die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit, zu Mitleid, zu wahrer Öffnung für den anderen, zu Liebe. Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!

(Messe zu Beginn des Pontifikats, 19. 3. 2013)

Brücken bauen

Einer der Titel des Bischofs von Rom ist Pontifex, das heißt Brückenbauer – Brücken zu Gott und zwischen den Menschen. Ich wünsche mir wirklich, dass der Dialog zwischen uns dazu beiträgt, Brücken zwischen allen Menschen zu bauen, so dass jeder im anderen nicht einen Feind, einen Konkurrenten sieht, sondern einen Bruder, den er annehmen und umarmen soll! … Grundlegend in diesem Werk ist auch die Rolle der Religion. Man kann nämlich keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergisst. Doch es gilt auch das Gegenteil: Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen ignoriert.

(Audienz für die Diplomaten beim Heiligen Stuhl, 22. 3. 2013)

Ein bisschen Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt – und gerechter.

(Angelus, 17. 3. 2013)

Ich habe gesagt, dass ich Ihnen von Herzen meinen Segen erteilen würde. Da aber viele von Ihnen nicht der katholischen Kirche angehören, andere nicht gläubig sind, erteile ich von Herzen diesen Segen in Stille jedem von Ihnen mit Respekt vor dem Gewissen jedes Einzelnen, aber im Wissen, dass jeder von Ihnen ein Kind Gottes ist. Gott segne Sie.

(Audienz für Medienvertreter, 16. 3. 2013)

Das Alter ist – gern drücke ich es so aus – der Sitz der Weisheit des Lebens. Die Alten haben die Weisheit, im Leben ihren Weg zurückgelegt zu haben wie der greise Simeon, wie die greise Anna im Tempel. Und genau diese Weisheit hat sie Jesus erkennen lassen. Schenken wir diese Weisheit den jungen Menschen: Wie der gute Wein, der mit den Jahren immer besser wird, so schenken wir den jungen Menschen die Weisheit des Lebens. Mir kommt in den Sinn, was ein deutscher Dichter [Friedrich Hölderlin] über das Alter gesagt hat: „Es ist ruhig das Alter, und fromm.“ – Es ist die Zeit der Ruhe und des Gebets. Und es ist auch die Zeit, den jungen Menschen diese Weisheit zu geben.

(Audienz für die Kardinäle, 15. 3. 2013)

Quelle: Gemeinsam Glauben Nr. 5/2013