Ist es in Ihren Augen sinnvoll, das Geschehen um den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg als „Amerikanische Revolution“ zu beschreiben?
Klaus-Jürgen Bremm: 1776 war gewiss keine Revolution wie die von 1789. Damals hatten sich die Franzosen gegen eine absolutistische Monarchie erhoben. Die amerikanischen Kolonisten rebellierten aber gegen ein echtes Parlament, das damals das freiheitlichste Regierungssystem der Welt war und das die Amerikaner, trotz einiger bald zurück genommener Besteuerungsversuche immer mit erstaunlicher Nachsicht behandelt hat. Es ging daher nicht um Freiheit und Menschenrechte, sondern um Macht. Die Rede von der Revolution sollte nur verdecken, dass es sich in Wahrheit um eine Meuterei handelte.
Als der Konflikt zwischen den amerikanischen Kolonien und Großbritannien ausbrach, gab es da schon Anzeichen, dass am Ende eine Unabhängigkeit stehe könnte?
Klaus-Jürgen Bremm: Das Ziel der vollständigen Loslösung vom britischen Mutterland war unter den Gründungsvätern anfangs noch umstritten. Der Bostoner Rechtsanwalt und spätere zweite Präsident John Adams trat schon sehr früh dafür ein. Die Selbstverwaltung der einzelnen Kolonien unabhängig von den Gouverneuren der Krone war dagegen schon seit 1774 fast überall umgesetzt worden.
Sie schildern den amerikanische Unabhängigkeitskrieg als Entwicklung von einem „kleinen Konflikt“ zur Staatsgründung – wo lag der entscheidende Wendepunkt?
Klaus-Jürgen Bremm: Die so genannte Bostoner Teeparty war im November 1773 wohl der entscheidende Wendepunkt. Als die Nachricht wenige Wochen später in London eintraf, kam es zu einer erheblichen Verschärfung der britischen Kolonialpolitik. Der Hafen von Boston wurde gesperrt und in ganz Massachusetts der Ausnahmezustand verhängt. Die amerikanischen Kolonisten sprachen von den „intolerable acts“ und wählten Delegierte, die im September 1774 zum Ersten Kontinentalkongress in Philadelphia zusammenkamen.
Die Kolonisten hatten zu Beginn kaum eine reguläre Armee. Was machte sie dennoch zu einem ernstzunehmenden Gegner für eine Weltmacht wie Großbritannien?
Klaus-Jürgen Bremm: Der Entschlossenheit, Härte und Ausdauer der Amerikaner hatten die Briten nur wenig entgegenzusetzen. Die Kolonisten waren nach europäischen Maßstäben zwar undiszipliniert und schlecht ausgebildet, verfolgten aber ihre Ziele mit beispielloser Energie. So unternahmen die Amerikaner mitten im Winter 1775/76 einen Angriff auf das kanadische Quebec, was einen Anmarsch von mehr als 300 Kilometer durch die Wildnis von Maine erforderte. Auch die Überquerung des Delawares und der anschließende Sieg von Trenton genau ein Jahr später in völlig verzweifelter Lage spiegelt gut die Entschlossenheit der Kolonisten.
Wie wichtig war internationale bzw. europäische Unterstützung – etwa durch Frankreich – für den Ausgang des Krieges?
Klaus-Jürgen Bremm: Da die Amerikaner hatten anfangs kein Heer und lange auch keine Flotte. Ohne die Unterstützung der französischen Flotte wäre die Einschließung der Briten in Yorktown im Oktober 1781 nicht möglich gewesen.
Welche Schlacht oder welche Begebenheit ist die aus militärhistorischer Sicht bemerkenswerteste dieses Krieges?
Klaus-Jürgen Bremm: Die entscheidenden Schlachten waren Trenton, Saratoga und schließlich Yorktown. Der Sieg von Trenton gab den fast geschlagenen Amerikanern neuen Auftrieb. Die Kapitulation einer britischen Armee bei Saratoga am Hudson im Oktober 1777 führte zum Kriegseintritt Frankreichs und der Sieg von Yorktown führte in London zum Sturz der Regierung Lord North und damit zu britisch-amerikanischen Verhandlungen, die 1783 mit dem Pariser Frieden und der Unabhängigkeit der 13 amerikanischen Kolonien endeten.
Viele verbinden den Unabhängigkeitskrieg mit heroischen Gründervätern – wie viel Mythos und wie viel militärische Realität steckt tatsächlich hinter der Entstehung der USA?
Klaus-Jürgen Bremm: Die so genannten Gründungsväter waren eher Hasardeure statt Helden. Sie erhoben sich ohne Heer, ohne Flotte und eigentlich auch ohne einen Kriegsgrund gegen die damalige Weltmacht Großbritannien und hätten alle auch am Galgen von Tyborn vor den Toren Londons enden können.
Kann der Blick auf den Unabhängigkeitskrieg nicht nur historische Rückschau, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis der heutigen USA sein?
Klaus-Jürgen Bremm: Was vom Unabhängigkeitskrieg bis heute überlebt hat ist der Glaube, dass der Sieg der Amerikaner an ein Wunder grenzte und die Existenz Amerikas ein Werk der Vorsehung war.
Sie sind ja vor allem als Militärhistoriker bekannt, haben aber in den letzten Jahren einige Bücher geschrieben, die letztlich Staatenbildungen behandeln: Die Kriege im Vorfeld der deutschen Reichseinigung, eben den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und jüngst das italienische Risorgimento. Was fasziniert Sie am Nation Building jenseits der kriegerischen Handlungen?
Klaus-Jürgen Bremm: Den Prozess des „Nation Buildings“ finde ich gar nicht so faszinierend, zumal er im Falle Deutschlands und Italiens auch gar nicht beabsichtigt war. Erstaunlich finde ich dagegen, dass Bismarck und Benso di Cavour heute immer noch als Gründer ihrer Nationalstaaten gewürdigt werden, obwohl es beiden nie um die Einigung Deutschlands oder Italiens gegangen war, sondern um ein vergrößertes Preußen bzw. ein vergrößertes Piemont-Sardinien.